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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 13. Dezember 1943

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Tageschronik Nr.: 
331

Das Wetter:

Tagesmittel 0 Grad, trocken.

Sterbefälle:

5

Geburten:

2 /1 weibl., 1 männl./

Festnahmen:

Diebstahl: 1

Verschiedenes: 1

Bevölkerungsstand:

83.226

Tagesnachrichten.

Keine Ereignisse von Belang.

Approvisation.

Der Einlauf von Kartoffeln hat sich jetzt stabilisiert, sodass mit einer weiteren Kartoffelration für die Winterbevorratung für die nächsten Tage gerechnet werden kann.

Die noch ausstehenden 12 dkg Nahrungsmittel von der letzten Ration sind noch immer nicht ausgegeben. Da etwas Weizengriess und Teigwaren /Nudeln/ hereingekommen sind, nimmt man an, dass 5 dkg Griess und 7 dkg Nudel1 zur Ausgabe gelangen sollen.

Ressortnachrichten.

Die drei Holzbetriebe, die sich in einer gemeinschaftlichen Konferenz hinsichtlich der Produktion der Behelfshäuser geeinigt haben, haben dem Baluter-Ring bekannt gegeben, dass sie in der Lage waeren, monatlich 1000 Komplette2, also 1000 mal je 3 Türen und 2 Fenster, zu erzeugen. Nun ist der Baluter-Ring daran, diesen wichtigen Auftrag herein zu holen. Aus diesem Grunde werden, wie bereits berichtet, die Holzbestände der Tischlerei-Betriebe eingespart, indem keinerlei Privataufträge effektuiert3 werden.

Tischlerei-Zimmerstrasse:

Heute versammelte Kommissar Terkeltaub in der grossen Maschinenhalle seine Arbeiter und hielt eine 1 1/2 stündige Ansprache. Es handelt sich ihm darum, die aus der Rede des Amtsleiters sich ergebende Lage den Arbeitern begreiflich zu machen. Seit dieser Rede ist gerade eine Woche vergangen, innerhalb welcher die Frage der L-Zuteilungen theoretisch geregelt wurde. Dies nahm Terkeltaub zum Anlass, um zu seinen Leuten zu sprechen. Er führte aus, dass der Arbeiter im Irrtum waere, wenn er glaubt, dass er für die Leitung arbeite. Die Tischlerei ist, infolge der dort durchgeführten Wehrmachtsaufträge, einer der wichtigen, wenn nicht der wichtigste Betrieb im Getto geworden. Diesem Betriebe gelten auch die meisten Kommissionsbesuche4. Er ermahnte daher die Arbeiter zur pünktlichen Einhaltung der Arbeits- und Essenszeit. Er betonte die Wichtigkeit jedes einzelnen Arbeiters im Band-System. Er verwies darauf, dass jede kleine Nachlässigkeit, ja jedes kleine Versehen im Kriege nur allzuleicht als Sabotage bezeichnet wird und dass daher jeder Einzelne in diesem Betriebe eine schwere Verantwortung trage. Im Sinne der Ausführungen des Amtsleiters predigte er äusserste Sauberkeit, nicht nur im Betriebe selbst, sondern auch der Personen. Er kündigte an, dass in Hinkunft Durchlassscheine nur in Fällen schwerer Erkrankung gegeben werden können. Er warnte vor Diebstählen von Holz, Sägemehl und Sägespäne. Er ermahnte auch die Ladearbeiter zu äusserster Kraftanstrengung. Wenn, so führte er aus, der Amtsleiter die Leitung dieses Betriebes gelobt hat, so gilt dieses Lob in erster Linie der Arbeiterschaft, die im Interesse des Gettos und damit in ihrem eigensten Interesse schafft. Am morgigen Tage, so führte er aus, werden die 1. Munitionskisten von dem Bevollmächtigten der Wehrmacht übernommen werden und er verlangte von den Arbeitern auch bei der Verladung äusserste Sorgfalt und peinlichste Sauberkeit der verwendeten Eisenbahnwagen, damit der Tischlerei und damit dem Getto nicht der geringste Vorwurf gemacht werden könnte.

Die Arbeiterschaft folgte den Ausführungen des Kommissars mit grossem Interesse.

Chaussee-Arbeiten:

Die Arbeiten an der Chaussee in Radegast wurden eben wieder aufgenommen.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

2 Bauchtyphus, 7 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

1 Lungentuberkulose, 1 Tuberkul. Gehirnhautentzündung, 1 Herzschwäche, 1 Bauchfellentzündung, 1 Totgeburt.5

1

So in HK, LKV/a**, LKV/b**, JFK**.

2

Komplette, zu komplett ‚vollständig‘; aus frz. complet.

3

effektuieren ‚einen Auftrag ausführen‘; zu frz. effectuer, fachspr.

4

HK, LKV/a**: Ursprünglich „Kommissionsbetriebe“; jeweils von Hand korrigiert. LKV/b**, JFK**: „Kommissionsbetriebe“.

5

LKV/b**, JFK**: Am unteren Seitenrand von Hand hinzugefügt und wieder gestrichen „6.? XII.? Biebov“.