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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 13. März 1944

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Tageschronik Nr.: 
73

Das Wetter:

3 Grad, heftige Schneestürme.

Sterbefälle:

22,

Geburten:

3 /2 w., 1 m. /

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Diebstahl: 2

Bevölkerungsstand:

77.939

Tagesnachrichten.

Das Getto steht nach wie vor im Zeichen der Aktion des Amtsleiters Biebow.

Im Getto herrscht entsprechende Erregung. Während die am Samstag gemusterten Personen der Kolonialwaren-Abteilung, Wohnungsamt, Kartenstelle, Referat für Büroarbeiten, Küchenabteilung und Molkereiabteilung zur Arbeit in Radegast antreten, wird die Musterung im Getto selbst fortgesetzt.

Am heutigen Tage kamen nach Radegast 256 Personen zur Arbeit. Eine solche Anzahl war natürlich nicht erforderlich und im Einvernehmen mit dem Aufsichtsbeamten der Gettoverwaltung, Herrn Seifert, konnte Ing. Olszer ca 130 Personen sofort wieder abstossen u.zw. zur Abbruchstelle. Viele Leute meldeten sich freiwillig dazu in der Hoffnung, sich einerseits leichter helfen zu können, andererseits den so beschwerlichen Weg nach Radegast zu ersparen. Unter Leitung von Dr. Singer wurde nun ein Büro improvisiert. Die Warenannahmestelle gewährte ihm für einige Tage, bis zur Errichtung eines eigenen Büroraumes, Gastfreundschaft. Mit Hilfe der Herren Klip /Bürochef der Approvisations-Abteilung/, Szczeciński /bisher Leiter der Verteilungsläden/, Bol /von der Küchen-Abteilung/ wurde1 das Büro raschest organisiert. Die notwendigen Behelfsbücher etc. wurden schnellstens von der Papier-Abteilung herbeigeschafft.

Die meisten der Betroffenen stellten sich pünktlich zur Arbeit, nur einige Wenige schickten ärztliche Befreiungen.

Inzwischen wurde die FUKA gemustert und durch die Aktion nahezu vollständig zertrümmert. Fast alle Beamte2 wurden nach Radegast dirigiert, bis auf Direktor Josef Rumkowski, der zur Verfügung des Amtsleiters gestellt wurde, des Herrn M. Rozenblat, der vorläufig mit den Resten dieser Abteilung verbleibt und auf das weitere Schicksal wartet. Luzer Najman soll mit einer Gruppe von FUKA-Beamten eine eigene Kolonne an der Abbruchstelle bilden. Genauere Verfügungen darüber sollen noch folgen. Ing. Koppel wird einem eigenen Ingenieurbüro, das in Gründung ist, zugewiesen werden, auch einige andere Ingenieure sollen dort Verwendung finden.

Wohnungsamt und Kartenstelle sind vollkommen lahmgelegt.

Man hofft, dass der Präses eine Möglichkeit haben wird, mit dem Amtsleiter in einer ruhigeren Stunde ein Abkommen zu treffen. Ueberhaupt erwartet man, dass die Aktion des Amtsleiters in kürzester Zeit wieder abflauen wird. Es besteht seitens des Amtsleiters das Projekt, dass die Reste der von ihm nahezu ganz zerschlagenen Abteilungen in einer Art administrativen Zentrale vereinigt werden sollen.

Jozef Rumkowski soll die Küchenabteilung mustern, um entsprechendes physisches Arbeitermaterial von dort herauszuholen. Natürlich soll auch die Talon-Abteilung aufgelöst werden und auch sämtliche Verteilungsstellen werden Angestellten-Reduktionen durchzumachen haben.

Approvisation.

Am heutigen Tage erhielt das Getto an Gemüse lediglich 3650 kg Möhren, sonst nur Kohl und Margarine im Rahmen des Kontingents.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

9 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

10 Lungentuberkulose, 2 Lungenentzündung, 9 Herzkrankheiten, 1 Selbstmord.

1

HK, JK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „die interne Organisation aufgebaut“.

2

So in HK, JK*, JFK*.