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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Montag, den 13. September 1943

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Tageschronik Nr.: 
240

Das Wetter:

Tagesmittel 18-30 Grad, sonnig.

Sterbefaelle:

9

Geburten:

3 /1 maennlich, 2 weiblich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 5

Bevoelkerungsstand:

83.820

Tagesnachrichten.

Der Fall Bekerman:

Heute 6 Uhr abends wurde die Hinrichtung des 34jaehrigen Izek Bekerman vollzogen. Bekerman war Arbeiter der Leder- und Sattler-Abteilung und hatte dort etwas Abfallleder entwendet, um daraus Schuhriemen herzustellen. Das Material wurde bei ihm im Zuge einer Hausdurchsuchung durch die Kripo vorgefunden. Nach einer Version waren es einige dkg dieses Materials, das ihm als Wehrmachtsgut bekannt sein musste, nach einer andern soll es sich um einige kg Lederabfaelle gehandelt haben, darunter auch etwas Wehrmachtsgut. Da die deutschen Behoerden in Kriegszeit solche Diebstaehle als Sabotage nach Kriegsrecht besonders schwer ahnden, konnte der Taeter keine Gnade finden. Die Hinrichtung fand statt auf dem Felde Ecke Leergasse und Richardstrasse, also gegenueber dem Strohschuhressort. Den Galgen musste die Gettotischlerei liefern. Befehlsgemaess waren die Belegschaften des Leder- und Sattler-Ressorts und der Schuhressorts sowie auch Delegationen aller andern Ressorts zugegen, um den abschreckenden Charakter des Vorgangs zu betonen. Auch die Gattin des Delinquenten und seine beiden Kinder wurden zur Richtstaette gefahren, um der Vollstreckung des Todesurteils beizuwohnen. Der Delinquent wurde mit einem Wagen zur Richtstaette gebracht. Der Platz selbst war durch ein Aufgebot der deutschen Schutzpolizei und der Milizianten des Zentral-Gefaengnisses zerniert1. Ein Kanzlist des Zentral-Gefaengnisses verlas eine Begruendung der Hinrichtung. Die Exekution selbst vollzog der Henker des Zentral-Gefaengnisses, der in solchen Faellen schon frueher herangezogen wurde.2

Der Praeses spricht:

Nach seinem Besuch im Tischlerei-Ressort, Zimmerstrasse, besuchte der Praeses noch andere Ressorts, wo er ebenfalls aehnliche Ansprachen hielt. In erster Linie, so betonte er wieder, geht es um die Aufrechterhaltung absoluter Ruhe und er betonte eine voraussichtliche Besserung in der Approvisation.

Approvisation.

Allmaehlich bessert sich die Lage. Kartoffel werden wieder ausgefolgt, nachdem eine voruebergehende Stockung in der Ausgabe eingetreten war. Diese Besserung gibt verschiedenen Geruechten von bevorstehenden zusaetzlichen Rationen Nahrung. So spricht man von einer unmittelbar bevorstehenden Butterration von 5 dkg, ebenso von 1/2 kg Tomaten. Es sind jedoch keine Anhaltspunkte hiefuer vorhanden, da keine entsprechenden Zufuhren vorliegen.

Ressortnachrichten.

Neuregelung der Arbeiterfuersorge:

Das Zentralbuero der Arbeits-Ressorts /Fach- und Konroll-Referat, FUKR/ hat mit einem Rundschreiben vom heutigen Tage die Verhaeltnisse der erkrankten oder geschwaechten Arbeiter neu geregelt. Wir geben tieferstehend den genauen Wortlaut wieder. Die Aufnahme dieser Neuregelung bei den Ressortleitern ist gemischt. Einige dieser Leiter befuerchten eine Demoralisation der Arbeiter, die bei einer Zuwendung von Mk 2.50 pro Tag, bzw. Mk 1.35 fuer Jugendliche, sowie von einer Suppe taeglich, kein Interesse zum puenktlichen Arbeitseintritt haben werden. Die Anordnungen aber, die diesmal vom Praeses ausgegangen sind, sind sehr wohl durchdacht. Zunaechst sagt ja der Absatz 1, dass die Leiter der Abteilungen und Ressorts ermaechtigt, jedoch nicht verpflichtet sind, die Zuwendungen auszuzahlen. Damit haben die Leiter ein Instrument in der Hand, mit dem sie nach eigenem Ermessen operieren koennen. Es wird von der Weisheit und Einsicht des betreffenden Leiters abhaengen, wie sich der Arbeiter zu dieser moralisch hochstehenden Neuregelung stellen wird.

Fuersorgewesen.

Morgen, Dienstag, den 14. September, wird der Praeses seine neue /III./ Kraeftigungskueche fuer jugendliche Arbeiter an der Zgierska 26 eroeffnen.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

5 Bauchtyphus, 1 Ruhr, 2 Keuchhusten, 5 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

8 Lungentuberkulose,3

Abschrift des Rundschreibens an alle Abteilungen und Ressorts.

Betrifft: Zuwendungen fuer Verpflegung.

Um erkrankten und infolge Schwaeche arbeitsunfaehigen Beschaeftigten die Moeglichkeit zu geben, die verdienstlose Zeit zu ueberstehen, wird folgendes angeordnet:

1./ Die Leiter der Abteilungen und Ressorts werden ermaechtigt, sind jedoch nicht verpflichtet, sowohl kranken, als auch geschwaechten Arbeitern /Akkord-, Stunden- und Tageloehnern/ auf die Dauer von 8 Wochen – die Woche zu 6 Arbeitstagen gerechnet – Zuwendungen in Hoehe von Mk 2.50 pro Tag – Jugendlichen Mk 1.35 pro Tag – auszuzahlen sowie eine Suppe taeglich unentgeltlich auszufolgen. Die Vorlage eines aerztlichen Zeugnisses ist erforderlich, was sich auch auf Etatisierte bezieht /siehe P. 4 u. 5/.

2./ Von diesen Zuwendungen duerfen Abzuege allgemeinen Charakters sowie individueller Verschuldungen nicht vorgenommen werden, mit Ausnahme des 4%igen Abzugs fuer Miete.

3./ Es muessen spezielle Kontrollen durchgefuehrt werden, dass diese Zuwendungen nur in wirklich gerechtfertigten Faellen erfolgen. Die Leiter sind hierfuer verantwortlich.

4./ Etatisierte Arbeitende duerfen im Falle einer Krankheit, resp. Schwaeche, ihr Gehalt nur fuer die Dauer von 2 Monaten erhalten. Davon sind saemtliche Abzuege vorzunehmen.

5./ Falls der etatisierte Angestellte laenger als 2 Monate, der nichtetatisierte laenger als 8 Wochen krank ist, kann er selbst, resp. sein Ressort, sich wegen weiterer Auszahlung an das Fach- und Kontroll-Referat wenden.

6./ Kranke und Geschwaechte, deren Abwesenheit gerechtfertigt ist, erhalten alle diejenigen gelegentlichen Lebensmittelzuteilungen, auch Zusatzsuppen, welche sie bei Anwesenheit an ihrer Arbeitsstelle empfangen haben wuerden und zwar gegen Bezahlung.

7./ Obige Verordnungen beziehen sich auch auf Kranke, die sich in Krankenhaeusern befinden, mit der Ausnahme, dass ihnen keine Mittage und Zusatzsuppen zustehen.

8./ Obige Zuwendungen sind ueber die Lohnliste4 zu fuehren, in einem besonderen Anhang, unter dem Titel „Arbeiter-Verpflegung“, auf welches Konto sie auch zu verbuchen sind.

9./ Bei Arbeitsunfaellen bleiben die Verordnungen des Rundschreibens der HKK vom 27.8.42 Nr. 2 Punkt 9 in Kraft; ebenso gelten weiterhin die Verordnungen ueber Schwangere und Woechnerinnen /Punkt 8 des gleichen Rundschreibens/.

10./ Obige Verordnungen treten ab 13.9.1943 in Kraft.

Die achtwoechentliche resp. zweimonatliche Frist der Zuwendungen bei bereits Kranken und Geschwaechten wird ab 13.9.1943 an gerechnet, unabhaengig vom tatsaechlichen Beginn der Krankheit.5

1

zernieren ‚durch Truppen einschließen, umzingeln‘; zu frz. cerner, bildungsspr.

2

Bono Wien er berichtet in seinem Tagebuch, dass die Frau und die Kinder des Verurteilten bei der Hinrichtung anwesend sein mussten und notiert fassungslos in sein Tagebuch: „Ein Mensch wurde im Getto gehängt!“ (YIVO, RG 1452, Bl. 33 des Tagebuchs, übers. aus dem Jidd.). Ben Edelbaum beschreibt die Hinrichtung in seinen Erinnerungen, wobei sich einige Details von der Darstellung der Chronik unterscheiden: „He [Bekerman] was kept in solitary confinement Friday, Saturday, and half of Sunday. On that day all the workshops closed. Every Ressort in the entire ghetto released its workers to go to Marysin, a field where all the deportations were taking place. Everyone was ordered to gather at a certain spot in Marysin. As our group from the Kürschner Ressort passed Marysinska Street No. 69, we could hear the cries and pleadings of Szlojme Bekerman’s family. Their cries, in Yiddish, could be heard for three or four blocks and were the most terrifying lamentations I had ever heard in my life. Their pleadings were to no avail. The Germans formed a large hundred-meter circular barricade around the gallows. Soon a closely guarded wagon drove up with Szlojme Bekerman in it. He had been stripped of his shoes and belt and wore only a shirt and a pair of long trousers. At the time I was only twelve years old, yet I knew that I would always remember the panic in his eyes – perhaps not for himself but more likely for what would happen to his family. The Germans wanted to set an example for the onlookers. There were only about fourty SS men present and about six thousend Jews gathered around. With only one SS for every one hundert and fifty Jews they did not want the family present for fear of too much panic and turmoil which they could not handle. Szlojme Bekerman climed the stairs, mounted the gallows, and stood silently while they put the rope around his neck. He looked bewildered and, pleading with his eyes, gazed around still not saying anything. A German SS officer unraveled a scroll he held in his hand and began reading the ‚death sentence‘. He expounded at length on the circumstances leading to this arrest, all the while greatly exaggerating all facts to the point of complete distortion. Toward the end, he concluded with something like this: ‚Therefore, it is the verdict of the Militärbehörde that you are guilty as charged and hereby sentenced in the name of the Führer and the Third Reich to be hung by the neck until you are dead.‘ An SS man put a hood over Bekerman’s face, tripped the door, and Bekerman fell. At that very instant I felt my knees buckle as though I would faint. I had seen a certain amount of cruelty but not in that fashion and not so close that I could see a man’s chest expanding under his partially buttoned shirt. Bekerman hung there about thirty minutes before a doctor came up and pronounced him dead. The professional technician went about the job of declaring the man dead as a matter of fact, a day-to-day thing of no great concern. Bekerman was then cut down and the crowd dispersed“ (Edelbaum 1980, S. 66-68). Von der vollzogenen Hinrichtung berichtet auch Jakub Poznański (Poznański 2002, S. 110).

3

Offenbar ist die Angabe der Todesursachen nicht vollständig. In der Rubrik „Sterbefaelle“ der vorliegenden Tageschronik war von 9 Verstorbenen die Rede. Die Hinrichtung Bekermans wird erst in der Aufzählung des nächsten Tages berücksichtigt.

4

Im Originaltext des Rundschreibens: „Lohnlisten“.

5

Vgl. das Originalrundschreiben APŁ 278/2032, Bl. 13: Zentralbüro des Arbeits-Ressorts (gez. J. Rumkowski / M. Rosenblatt), Rundschreiben an alle Abteilungen und Ressorts / Betrifft: Zuwendungen für Verpflegung, 13.9.1943.