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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 14. Februar 1944

Tageschronik Nr.: 
45
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Das Wetter:

2 Grad unter 0, Frost.

Sterbefälle:

19

Geburten:

3 /2 männl., 1 weibl./

Festnahmen:

keine

Bevölkerungsstand:

79.733

Tagesnachrichten.

1500 Arbeiter:

Die Qualifizierungs-Kommission amtiert nunmehr im Zentral-Gefängnis, wo täglich Säumige bzw. Versteckte eingeliefert werden. In den Abendstunden hat der Ordnungs-Dienst im Auftrage der Kommission Perlustrierungen1 der Passanten an den Brücken und beim Durchlasstor an der Dolna vorgenommen. Zu beiden Seiten der Brücken und des Tores postierten sich gegen 17 Uhr Ordnungsdienst-Posten in der Stärke von 2-3 Mann und verlangten von den Passanten die Arbeitsausweise und die Stammkarten der Suppenlegitimation. So wurde zunächst festgestellt, ob der Angehaltene in einem Ressort oder in einer Abteilung arbeitet. Gehörte er einer Abteilung an, so musste er entweder einen Passierschein von der Qualifizierungs-Kommission oder die Stammkarte besitzen, auf der auf den ersten Blick zu erkennen war, ob der Betreffende die Suppen abnimmt oder nicht. Die in der Nacht versteckten Personen, die sich weder der Qualifizierungs-Kommission oder nach Erledigung durch diese nicht im Zentral-Gefängnis gestellt haben, erhalten, wie wir bereits berichtet haben, keine Suppen. Diese Tatsache ergibt sich aus der Stammkarte. Die Stammkarte hat sich also erstmalig im Zuge der Aktion als ein interessantes Instrument erwiesen.

Die Perlustrierungen auf der Strasse haben kein nennenswertes Resultat ergeben. Einige wenige Leute wurden immerhin sichergestellt. In der Nacht vom 14. auf dem 15. werden in den Wohnungen Razzien vorgenommen werden.2 Es wird also in der Nacht recht lebhaft zugehen. Hiezu ist noch zu bemerken, dass der Ordnungs-Dienst Auftrag hat, gegebenenfalls verschlossene Wohnungen gewaltsam zu öffnen und sie dann zu versiegeln.

Die Zahl der im Zentral-Gefängnis konzentrierten auszusendenden Arbeiter hat sich nicht wesentlich erhöht. Noch nicht einmal die Hälfte ist vorhanden.

Kommission im Getto:

Im Getto erschien heute eine grössere Kommission hoher Funktionäre von Partei und Behörde unter Führung des Oberbürgermeister Dr. Bradfisch. Unter anderen beteiligte sich an der Besichtigung der Stellvertreter des Gauleiters des Wartegau es3. Die Kommission besichtigte einige wichtige Fabriken, darunter die Tischlerei-Abteilung I, Zimmerstrasse, und die Möbelausstellung in derselben Strasse. Die Kommission hatte von den Arbeiten in der Tischlerei und in der Ausstellung einen ausgezeichneten Eindruck. Insbesondere die Ausstellung erweist sich als ein vorzügliches Instrument der Getto-Propaganda über die Produktivität und Gewerbefähigkeit der Juden. Dr. Bradfisch zog die Leiter und verschiedene Arbeiter ins Gespräch.

Approvisation.

Im Sinne der Rede des Präses Rumkowski wurden schon am heutigen Tage sämtliche Verteilungsläden des Gettos tagsüber geschlossen. Die Ausgabe der Ration setzt nach 17 Uhr ein. Auf diesen Umstand ist es zurückzuführen, dass zunächst eine Ausgabe der Kartoffel nicht stattfindet. Sobald der Grossteil der Konsumenten mit der Ration abgefertigt sein wird beginnt die Ausgabe der Kartoffeln und der Möhren. Die Absicht des Präses, die Verteilungsläden in der Zeit von 5-7 Uhr früh offen zu halten, wurde als praktisch undurchführbar nicht verwirklicht.

Justizwesen.

Gerichtssaal:

Die der Suppenmalversation beschuldigte Unterrecht Rajzla wurde Sonntag, den 13.2.1944, zu 9 Monaten verurteilt. Die Mitangeklagten Frajlich Frania und Checinski Chemia wurden freigesprochen.

Ein Bericht über die Verhandlung folgt nach Tunlichkeit nach.4

Man hört, man spricht ...

... immer wieder dreht sich das Gespräch in Kreisen der Leiter und angeblich gut Informierten um die Frage der Regimeänderung im Getto. Seit längerer Zeit spricht man ja davon, dass das Getto aus dem Wirkungskreis des Oberbürgermeisters ausscheiden soll, um in die Hände der SS überzugehen. Nun verdichtet sich das Gerücht, dass das Getto als in den Sektor „Rüstungs-Industrie“ fallend von der sogenannten „Ostindustrie-Gesellschaft“, einer halb staatlichen Organisation übernommen werden soll. Als Exponent dieser „Ostindustrie-Gesellschaft“ wird ein SS-Offizier Dr. Horn bezeichnet.

Da diese Gesellschaft selbstverständlich nahe wirtschaftliche Beziehungen zu allen Stellen besitzt, die über die Rohstoffe verfügen, glaubt man, dass durch die Verknüpfung des Gettos mit dieser Gesellschaft eine Intensivierung der Produktion erzielt werden wird. Dementsprechend ist die Stimmung der obenerwähnten Kreise nicht schlecht, obwohl man andererseits von Seiten der SS ein schärferes Regime für das Gettoleben erwarten muss.

Im Mittelpunkt aller dieser Kombinationen steht die Person des Amtsleiters Biebow, von dem man behauptet, dass er entweder als wirtschaftlicher Leiter des Gettos verbleiben oder zumindest im Kontakt mit der Getto-Verwaltung an einer anderen Stelle stehen wird.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

1 Bauchtyphus, 3 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

12 Lungentuberkulose, 3 Tuberk. anderer Organe, 2 Lungenkrankheiten, 2 Herzkrankheiten.

1

Perlustrierung ‚das Perlustrieren‘; zu perlustrieren ‚(zur Feststellung der Identität anhalten und) genau durchsuchen, untersuchen‘, zu lat. perlūstrāre ‚überschauen, überblicken, besichtigen‘; österr.

2

Oskar Rosenfeld schreibt am gleichen Tag in sein Tagebuch: „14.II. Menschenjagd. Aussiedlung. Die Aussiedlung der 1 500 (1 600) Arbeiter aus dem Getto begegnet Schwierigkeiten, ja erweist sich auf den ersten Blick als unmöglich. Die Hälfte der ‚Kandidaten‘ verbirgt sich. Diese Unglücklichen erinnern sich daran, daß die bisher ausgesiedelten Arbeiter, das sind Menschen gleicher Kategorie, entweder als Krüppel, Ruinierte, Gebrochene, seelisch und körperlich Heruntergekommene zurückgekehrt sind oder verschollen geblieben bis zum heutigen Tag. Fürchterliches Martyrium. In irgendwelchen dunklen Löchern verbringen sie Tage und Nächte, fast ohne Nahrung und ohne Tabak! Öfters mit der Familie, die fürchtet, als Geisel mitgenommen und nach Czarnickiego gebracht zu werden. O.D. verriegelt, versperrt die leeren Wohnungen. In einigen dieser Wohnungen wurde tabula rasa gemacht, Möbel hinausgestellt, weggeführt und für eine neue Partei bereitgestellt. Ein Jagen nach Menschen. Auf der Straße angehalten. Stadt ausgestorben, da niemand ohne Erlaubnisschein von 7 bis 5 Uhr Straße betreten darf. Diese Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Auftreten der neuen Verwaltungsherren Gestapo, welche Kontrolle in Ressorts etc. durchführen werden“ (Rosenfeld 1994, S. 270).

3

So in HK, LK*, JFK*. Der Stellvertreter des Gauleiters hieß Kurt Schmalz, Greisers Stellvertreter als Reichsstatthalter war August Jäger. Der Jurist Jäger, geb. am 21. August 1887 in Diez an der Lahn, trat 1933 der NSDAP bei. Er wurde am 17. Juni 1949 in Posen hingerichtet. Vgl. Alberti 2006, S. 58 und 350; Klee 2003, S. 280.

4

Der angekündigte Nachtrag hat sich nicht ermitteln lassen.