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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 15. Mai 1944

Tageschronik Nr.: 
135
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Das Wetter:

Tagesmittel 18-25 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

23,

Geburten:

1 m.

Festnahmen:

Verschiedenes: 3,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

77.066

Selbstmordversuch:

Am 15.5.44 versuchte die Wertheim Anna Augusta, geb. 9.7.1911 in Łodz, wohnhaft Kelmstr. 14, durch Vergiftung Selbstmord zu verüben. Die Genannte wurde durch die Rettungsbereitschaft ins Krankenhaus überführt.

Tagesnachrichten.

Der Präses spricht zu streikenden Jugendlichen:

Im Metallbetrieb II gab es wieder einmal einen Suppenstreik. Wie in anderen Betrieben sind es auch dort vor allem die jugendlichen Arbeiter, halbwüchsige Jungens, die, unbeschwert von den Problemen des Gettos, in den Streik treten, wenn ihnen die Suppe nicht passt. Nun wem kann schon die Suppe passen? Wir haben oft genug darüber geschrieben. Der Präses erscheint, veranlasst die Jungens zur sofortigen Abnahme der Suppe und nur eine Gruppe von 4 Widerspenstigen, die unter allen Umständen ihren Heroismus beweisen wollen, weigern sich.1 Der Präses muss sie disziplinieren und schickt sie auf Abbruch. Er spricht in ruhigem, nachsichtigem Ton zu den Jungens und führt aus: Diese Suppenstreiks sind sinnlos, denn ich kann in die Suppen nicht mehr hereingeben, als ich habe. Gegen wen soll sich Eure Demonstration richten? Gegen mich, der ich nur der Diener der Macht2 bin, der selbst das Haupt beugen und immer nur gehorchen muss? Mich könnt Ihr durch keinen Streik zwingen, dichtere Suppen zu machen, denn ich habe nichts! Wollt Ihr gegen die Gettoverwaltung demonstrieren? Glaubt Ihr, dass dieses Amt sich von Euch einschüchtern lassen wird? Was von jüdischer Seite geschehen kann, das geschieht bestimmt. Ich helfe da und dort, wo immer es nur angeht. Ich hoffe, dass sich die Lage in der nächsten Zeit schon bessern wird.

An der Hanseatenstrasse 25, gegenüber dem Baluter-Ring, wurde ein Mannschaftsraum für die Feuerwehr geschaffen.

Approvisation.

Noch immer keine Besserung. Heute kamen erstmalig ca 3000 kg süsse Kartoffeln ins Getto. Dieses, wahrscheinlich aus Frankreich stammende, Mittelding zwischen Gemüse und Kartoffel ist natürlich hier völlig unbekannt.3 Auch spielt das eben eingelieferte Quantum gar keine Rolle, viel ist davon auch nicht zu erwarten. In Kreisen der Approvisation rechnet man mit einem stärkeren Import von Kartoffeln für die allernächsten Tage, sodass die Suppen wieder etwa 10 dkg btto enthalten dürften.

Ressortnachrichten.

Baugelände Radegast:

Da die Produktion der Behelfshäuschen in Radegast bereits begonnen hat, wurde die Barackenbauleitung, also die Unterabteilung der Bauabteilung, von der Produktion getrennt. Der Barackenbau bleibt als Filialbetrieb der Bauabteilung, unter Leitung von Ing. H. Olszer. Die Erzeugung der Behelfshäuschen wird als selbstständiger Betrieb organisiert u.zw. unter Leitung von Kommissar Lewin, der gleichzeitig bzw. vorläufig auch noch die Leitung der von ihm bisher geführten Strohschuhabteilung beibehält. Da diese Produktion ein Lieblingskind der Getto-Verwaltung ist, musste sich der Präses entschliessen, einen handfesten Leiter nach Marysin zu schicken. Da die Arbeiter der Strohschuhabteilung eine Delegation zum Präses schickten mit der Bitte, Lewin auf seinem alten Posten zu lassen, entschied sich der Präses im obigen Sinne.

Freilich steckt die Erzeugung der Behelfshäuschen noch in den Kinderschuhen. Der bei der Erzeugung der Behelfshäuschen verwendete Leichtbeton ist das Resultat von langwierigen Versuchen, in deren Verlauf es Ing. Dr. Reich /Prag/ gelungen ist, einen einwandfreien Werkstoff herzustellen, der sogar von den deutschen Fachleuten besser beurteilt wird, als der im Reich verwendete.

Fürsorgewesen.

Büro Wołkowna:

Das Büro Wołkowna hat auch gestern in den alten Räumen, Matroseng. 1, amtiert, da noch immer nicht geeignete Räume im Anschluss an die Hauptkassa gefunden werden konnten.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 10 Tuberkulose, 1 Bauchtyph.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

14 Lungentuberkulose, 1 Tuberk. Hirnhautentzündung, 5 Lungenkrankheiten, 3 Herzkrankheiten.

1

So in HK, LK**, JFK*.

2

Zum Begriff der „Macht“ schreibt Bernard Ostrowski in der Getto-Enzyklopädie: „MACHT. Allgemeine Bezeichnung der Behörden ausserhalb des Gettos, die über dieses zu verfügen hatten“ (AŻIH, 205/311, Bl. 247), vgl. dazu auch władza ‚Macht, Amt, Behörde‘

3

Bei dem als „süsse Kartoffeln“ beschriebenen Gemüse handelte es sich um das Knollengewächs Topinambur. Topinambur ist eine essbare, süßlich-schmeckende, kohlenhydrathaltige Knolle der Sonnenblumenart Helianthus tuberosus, die trotz ihres hohen Gehalts an Vitaminen und Mineralstoffen jahrzehntelang überwiegend als Viehfutter verwendet wurde.