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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 15. November 1943

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Tageschronik Nr.: 
303

Tageschronik Nr. 303

Das Wetter:

Tagesmittel 5-10 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

2,

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes 1

Bevölkerungsstand:

83,419.

Tagesnachrichten.

Ein Tag der Sensationen. Die innerpolitische Lage des Gettos spitzt sich zweifellos zu einer Krise zu. Die Besprechungen des Präses mit den verschiedenen Leitern brachten auf der Gegenseite Besprechungen des Leiters der Sonderabteilung, Kliger, mit A. Jakubowicz und Amtsleiter Biebow mit sich.

Zunächst verlief der Vormittag bis etwa 12 Uhr ruhig, denn von dem Kulissenspiel hatte die Strasse keine Ahnung. Um die Mittagszeit platzte die Bombe. An allen Strassenecken prangte gegen zwei Uhr ein Anschlag, der von der Gettoverwaltung, Biebow, gezeichnet war. Der Amtsleiter war kurz vorher am Baluter-Ring und ohne vorher mit dem Präses über seine Absichten zu sprechen, begab er sich mit Kliger in die Druckerei, wo er die Fertigstellung des Satzes abwartete, sich sodann auf die Postabteilung begab und die sofortige Distribution seiner Kundmachung anordnete. Diese Kundmachung hatte folgenden Wortlaut:

Betrifft: Ernährung der Arbeiter!

Mit der Bekanntmachung des Aeltesten der Juden vom 3.XI.43, Nr. 401, wurde der arbeitenden Bevölkerung des Gettos davon Kenntnis gegeben, dass infolge geringerer Lebensmittelzufuhren eine Kürzung der Verpflegungssätze notwendig sei, insbesondere wurden dadurch die Rationen der Werksküchen herabgesetzt.

Mit sofortiger Wirkung verfüge ich die Wiedereinführung der Lebensmittelrationen, die vor dem obigen Anschlag bestanden haben, wodurch die Ernährung der Arbeiter sichergestellt ist: Die Ausgabe von Talons, Kräftigungsmittagen usw. ist, damit Begünstigungen ausscheiden, von mir per sofort gesperrt.

Zur Zeit wird ein Plan ausgearbeitet, der die Ernährung der Schaffenden angeht, er wird wesentlich günstiger sein als der, der vor dem obigen Anschlag bestand.

Alle Ernährungsfragen werden ab 15. November 1943 grundsätzlich, da verschiedene Misstände festgestellt worden sind,

von der Gettoverwaltung geregelt.

Die Lebensmittellager und Ausgabestellen habe ich deshalb ab heutigem Tage mir unterstellt, und sie dürfen nur nach meinen Weisungen handeln.

Der polemische Charakter dieser Kundmachung liegt klar auf der Hand. Er zielt ab auf eine Entmachtung des Präses in allen Fragen der Approvisation.2

Zunächst ist auffallend, dass im ersten Absatz darauf hingewiesen wird, der Präses habe eine Kürzung der Verpflegssätze für notwendig erachtet infolge geringerer Lebensmittelzufuhren. Nachdem der Amtsleiter mit sofortiger Wirkung die Wiedereinführung der Lebensmittelrationen anordnet, die vor dem Anschlag vom 3.11. bestanden haben, strafte er sozusagen die Begründung des Präses Lügen. Mit diesem Anschlag werden nicht nur die verschiedenen Talons, sondern auch die Kräftigungsmittage abgeschafft.

Die Praxis des Präses, die auf eine möglichst weitgehende Handhabung des Kolationenprinzips ausgeht, war insbesondere den Herren Jakubowicz und Kliger ein Dorn im Auge und wurde von ihnen theoretisch bekämpft. Wenn nun der Amtsleiter die Kräftigungsmittage mit sofortiger Wirkung sperrt, so ist dies offensichtlich auf die Einflussnahme der genannten Herren zurückzuführen. Der Hinweis auf verschiedene Misstände im 4. Absatz ist eine deutliche Spitze gegen die Wirtschaftsführung des Präses. Vollends aber ist die Uebernahme der Approvisation ein schwerer Prestigeschlag gegen den Präses.

Wie der zur Zeit in Ausarbeitung begriffene Plan aussehen wird, ist noch ein Geheimnis.

Die Bevölkerung hat die Kundmachung des Amtsleiters mit gewisser Befriedigung zur Kenntnis genommen.3 Sie verspricht sich eine Besserung der Lage, wenn die Verwaltung der Approvisation in deutschen Händen sein wird. Praktisch aber wird der Amtsleiter wohl kaum selbst diese Fragen regeln bezw. die Approvisation verwalten. Das ergibt sich schon aus der in den Abendstunden bekanntgewordenen Tatsache, dass eine neue Leitung der Approvisation bestellt wurde. Der Amtsleiter hat die Herren Kliger, Reingold und Dr. Müller als Kollegium eingesetzt. Was Kliger betrifft, so hat er als Nachfolger von Gertler an und für sich von amtswegen die Kontrolle des Verpflegswesens inne, ohne sich jedoch bisher mit den Einzelfragen befasst zu haben. Kommandant Reingold stand als Mitleiter bisher mit Szczęsliwy an der Spitze der Approvisation. Szczęsliwy scheidet von der Leitung aus, ohne dass über seinen künftigen Wirkungskreis etwas verlautet. Ein neuer Mann auf diesem Gebiete ist der Arzt und bisherige Leiter der Gesundheitsabteilung Dr. Müller, der zwar von diesen Dingen nichts versteht und wahrscheinlich auch nichts verstehen wird, dafür aber das persönliche Vertrauen des Amtsleiters geniesst /bisher als Arzt/.4

Rund um diese Ereignisse knüpfen sich natürlich allerhand Gerüchte. Zunächst glaubt man, dass der Amtsleiter, der kurz vorher aus Posen oder aus Berlin zurückgekehrt ist, eine erhöhte Lebensmittelzuteilung für das Getto mitgebracht habe. Das Getto kann nämlich nicht gut verstehen, wie man plötzlich die alten Rationen, also die Zusatzsuppen, einführen kann, wenn die Substanz nicht grösser geworden ist. Die blosse Abschaffung der Kräftigungsküchen kann nämlich keineswegs ausreichen. Die etwa 9000 Kräftigungsmittage, die täglich in den Kräftigungsküchen zur Ausgabe gelangten, können unmöglich die Substanz für etwa 60,000 Zusatzsuppen täglich hereinbringen. Viele wollen wissen, dass eine Anzahl Lebensmittel durch die eingestellten Sonderbegünstigungen erspart wurden und dass hiedurch eine Verbesserung für das Getto eintreten wird. Man nennt diese Zuteilungen im Volksmunde die „P.W.-Talons“, nach den Anfangsbuchstaben „Prosze wydać“5. Aber auch dieses Gerücht ist gegenstandslos.

Nach einer andern Version soll wieder das eben eingemietete Kartoffelkontingent zur Deckung der zweiten Suppe herangezogen werden. Auch das ist nicht anzunehmen. Dem ganzen Rätselraten über die wirkliche Lage wird zweifellos erst das Erscheinen des Planes ein Ende setzen, der – wie der Amtsleiter ausspricht – zur Zeit ausgearbeitet wird.

Gerüchte von einer schweren Auseinandersetzung des Präses mit Amtsleiter Biebow entsprechen nicht der Wahrheit. Der Präses sitzt in aller Ruhe am Baluter-Ring und führt den Befehl des Amtsleiters durch.

In den Abendstunden hat Kliger den FUKR dahin verständigt, dass schon morgen, Dienstag, wieder Zusatzsuppen ausgegeben werden sollen, u.zw. in dem Umfange, wie dies vor dem 3.11.43 der Fall war.

Gleichzeitig wurde die Küchen-Abteilung hievon verständigt. Die Abteilungen und Ressorts haben noch in den Abendstunden ihren Bedarf an Zusatzsuppen nach dem bisherigen Kontingent dem FUKR und der Küchen-Abteilung gemeldet.

Die Kräftigungs-Küche funktioniert am heutigen Tage noch normal und wird also heute ab 5-9 Uhr zum letztenmale die Kolationen ausgeben.

Approvisation.

In den Zufuhren keine Aenderung. Es ist eher schlechter als besser. Es kamen herein:

  • am 12.11. 58,000 kg Kartoffeln, am 13. überhaupt keine.
  • am 14.11.  20,000 kg Kartoffeln.

Gemüse kam in diesen drei Tagen insgesamt 35.000 kg /Rettich, Möhren, Petersilie, Grünkohl/. Zu bemerken ist, dass weitere 58,600 St. Konservenfleischdosen ins Getto gekommen sind. Die Fleischzufuhr an sich hält sich im Rahmen der bisherigen Zufuhren.

Zuteilung von Gemüse-Salat:

Ab Dienstag, den 16.11., werden auf Cp. 75 der Nahrungsmittelkarte 500 Gramm Gemüsesalat pro Person für den Betrag von Mk. 1.50 ausgefolgt.

Die Wurstfabrik arbeitet jetzt 12-15 Stunden täglich. Die Fleischläden sind augenblicklich von 10 Uhr vormittags bis in die späten Abendstunden tätig.

Ressortnachrichten.

Ueber das Arbeitsamt haben das Metall- und Tischlerressort aus der Talon-Abteilung zirka 30 Personen zugewiesen erhalten. Weiteres Menschenmaterial erhalten die Ressorts aus der Personalreduktion in den Küchen. Ob diese Reduktionen ihren Fortgang finden werden, da doch die Küchen jetzt wieder im bisherigen Umfange produzieren müssen, steht noch nicht fest. Man hört aus Kreisen des Arbeitsamtes, dass die Reduktionen durchgeführt werden und anstelle des jungen Materials ältere Personen in die Küchen geleitet werden sollen.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

3 Bauchtyphus, 8 Tuberkulose.

Die Ursache der heutigen Sterbefälle:

2 Lungentuberkulose.

1

Der Wortlaut der Bekanntmachung wird vollständig wiedergegeben. Die Unterstreichung von „Rationen der Werksküchen“ ist eine Hinzufügung der Chronisten. Vgl. APŁ, 278/169, Bl. 232: Biebow, Bekanntmachung / Betrifft: Ernährung der Arbeiter, 15.3.1943. Oskar Rosenfeld kommentiert die Bekanntmachung: „19.XI. Zum erstenmal Ration nicht vom Ältesten, sondern von Gettoverwaltung gefertigt. Autonomie des Gettos – Illusion“ (Rosenfeld 1994, S. 244).

2

Die Situation war, wie aus den Ausführungen der Getto-Chronik deutlich wird, in der ersten Hälfte des Monats November 1943 sehr unübersichtlich geworden. Rumkowski versuchte, Änderungen im Approvisationssystem einzuführen, die jedoch umstritten waren. Im Unterschied zur Anfangsphase des Gettos war seine Macht nicht mehr uneingeschränkt. Die Entscheidung brachte einen Eingriff der deutschen Machthaber zugunsten von Kligier und Jakubowicz, über welche die vorliegende Tageschronik berichtet. Biebow sah vermutlich durch die Unruhen und vor allem durch die Lebensmittelkürzungen die Produktion in den Ressorts gefährdet, zumal der Leiter der Arbeitsressorts, Aron Jakubowicz, dem er großes Vertrauen entgegenbrachte, auf der Seite der Opposition stand. Jakub Poznański kommentiert die Ereignisse am 16. November 1943: „Gestern platzte im Getto eine große sensationelle Bombe“ (Poznański 2002, S. 130; übers. aus dem Poln.). Rosenfeld bringt die Situation in seinen privaten Aufzeichnungen auf den Punkt: „Praeses von Approvisation ausgeschaltet, dadurch größter Teil der Macht aus den Händen genommen“ (Rosenfeld 1994, S. 244).

3

Jakub Poznański schreibt über die Reaktion der Bevölkerung: „Es ist schwer, die Freude der Menschen zu beschreiben“ (Poznański 2002, S. 131; übers. aus dem Poln.). Und in den „Briefen aus Litzmannstadt“ heißt es: „Endlich hat die Gettoverwaltung beschlossen, damit Schluß zu machen, dieses System eines ,Autokraten‘ aufzulösen und die Leitung des Gettos tapferen und begabten jungen Männern in die Hand zu geben“ (Gumkowski/Rutkowski/Astel 1967, S. 55).

4

Wie Oskar Rosenfeld in der Getto-Enzyklopädie schreibt, nannte das Getto die Kommission, bestehend aus Marek Kligier, Zygmunt Reingold und Dr. Wikdor Miller, später das „Triumvirat“, und zwar „hauptsächlich zufolge der Machtbefugnisse, die ihr anvertraut worden waren“ (APŁ, 278/1103 Bl. 267). Auch in seinen privaten Aufzeichnungen befasst er sich mit der geänderten Lage. Er schreibt am 18. November 1943: „Hunger und Approvisation. Das ganze Getto beschäftigt sich mit der Frage, was jetzt geschehen soll: M. Kligier (Sonder), Dr. Miller (Gesundheitsamt ), S. Reingold (Approvisation) haben im Auftrag Biebows die Verpflegung übernommen. Morgen Freitag, die erste von diesem Triumvirat angeordnete Ration. Kartoffeln kamen letzten Tag 240 000 kg. Werden Talons bleiben? Lebensfrage für viele. – Große Aufregung bei allen Beteiligten“ (Rosenfeld 1994, S. 243).

5

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