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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Montag, den 16. August 1943

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Tageschronik Nr.: 
212

Das Wetter:

Tagesmittel 13-22 Grad, bewoelkt, zeitweise bricht die Sonne durch.

Sterbefaelle:

15

Geburten:

2 /maennlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevoelkerungsstand:

84.116

Selbstmordversuch:

Heute versuchte BRONNER Alta Perla, 29 Jahre alt, wohnhaft Tirpitzstr. 9/6, durch Einnehmen eines Schlafmittels Selbstmord zu verueben und wurde im lebensgefaehrlichen Zustand ins Krankenhaus eingeliefert. Motiv unbekannt.

Tagesnachrichten.

Die Stimmung im Getto ist wieder normal. Der Druck ist gewichen, dafuer aber herrscht wieder eine gewisse Nervositaet wegen der neuerlichen Umschichtung der Arbeitenden. Der Praeses befasst sich in der letzten Zeit hauptsaechlich wieder mit diesem Problem und das Arbeitsamt, insbesondere Sienicki, hat alle Haende voll zu tun. Wir kommen auf dieses Thema noch in der Rubrik „Ressortnachrichten“ zurueck.

Approvisation.

Die Lage ist im grossen und ganzen unveraendert. Ungenuegende Kartoffelzufuhr verursacht immer wieder Stockungen in der Austeilung der alten und neuen Ration. Die einlaufenden Gemuesequantitaeten sind nicht der Rede wert, sodass die Bevoelkerung tatsaechlich vor leeren Toepfen steht. Die Strassen passieren unentwegt Menschen, die auf irgendeiner „Działka“ ein paar Blaetter von Weisskohl oder Roter Beete erworben haben. Aus den Blaettern wird ein Spinat hergestellt, der jedoch nur die Funktion der Magenfuellung hat, aber sonst ganz ohne Naehrwert ist, da ja die Zutaten wie Mehl und Oel fehlen. Der Stengel wird zerschnitten und zu Suppen verkocht. Dass auch die nur eine Fiktion sind, ist wirklich ein Glueck, denn es fehlt an den notwendigen Lebensmitteln zur Verdickung. Das in der letzten Ration ausgegebene Kohlruebenmehl ist ein armseliger Ersatz fuer Roggenmehl.

Die Kuechen erhalten in den naechsten Tagen Erbsenmehl. Wie aus dem Einlaufsbericht ersichtlich, kommen verhaeltnismaessig erhebliche Mengen Erbsen herein. Zum Teil wurden Erbsen in der Ration ausgegeben. Nun will die Approvisations-Abteilung die Erbsen zur Suppenverdickung den Kuechen anliefern. Hiebei ergeben sich Schwierigkeiten, die typisch fuer das Getto sind. Da Erbsen und Kartoffeln eine ungleiche Kochzeit haben, muessten die einen Tag vorher geweichten Erbsen separat gekocht werden. Erst dann koennte der Brei der Suppe beigegeben werden. Nun aber fuerchtet die Kuechenabteilung – man muss dies hier offen aussprechen –, dass ein Teil des Erbsenbreis dem unwiderstehlichen Drang des Kuechenpersonals zum Opfer fallen koennte. Daher verfiel man auf die Idee, die Erbsen zu mahlen und das so gewonnene Mahlprodukt zugleich mit den Kartoffeln zu verkochen. Der Versuch ist noch nicht beendet, aber er wird, wie der Chronist ueberzeugt ist, nicht gelingen. Denn das sogenannte Erbsenmehl, das ja eigentlich nur ein feiner Griess sein wird, wird die Suppe nicht verdichten, denn die Erbsen brauchen, ob ganz oder gemahlen, dieselbe Kochzeit, um einen saemigen Brei zu ergeben. Es wird sich zeigen, dass die zugleich mit den Kartoffeln verkochte gemahlene Erbse wie ein Sand am Boden des Kessels liegen bleiben wird. Hoffen wir, dass die Kuechenabteilung sehr schnell auf diesen kleinen technischen Mangel kommen wird.

Quarkausgabe verzoegert:

Erst jetzt haben die Milchlaeden mit der Ausgabe der Quarkration auf Coupon Nr. 39 /vom 1.VIII./ begonnen. Die Molkerei-Abteilung hat solange Zeit hindurch nicht genuegend Quark produzieren koennen. Auch die Ausgabe des Gemuesesalats vollzieht sich sehr stockend, da infolge des Kartoffelmangels auch diese Unterabteilung der Molkerei-Abteilung in der Produktion behindert ist.

Zuckerwarenfabrik geschlossen:

Die Marmelade- und Zuckerwarenfabrik in Marysin hat bis auf weiteres den Betrieb eingestellt.

Waren-Eingang

vom 14. August 1943:

1./ Lebensmittel: 4.000 l Milch, 1.816 kg Senf, 77.100 kg Kartoffeln, 7.970 kg Kohlrabi, 3.630 kg Weisskohl, 32.725 kg Erbsen, 770 kg Pferdefleisch, 1.264 kg Rindfleisch Freib., 150 kg Schweinefleisch Freib., 36 kg Kalbfleisch Freib.

2./ Zusaetzliche Bedarfsgueter: 40 m Stahlseile, 6 St Staubpuster1, 7 St Reibschale2, 5 m Gasschlauch.

Waren-Eingang

vom 15. August 1943:

1./ Lebensmittel: 4.000 l Magermilch, 115.180 kg Kartoffeln, 390 kg Petersilie, 1.110 kg Weisskohl.

Ressortnachrichten.

Strohschuh:

Das Interesse konzentriert sich augenblicklich auf die Betriebserweiterung des Strohschuh-Ressorts. Wir haben bereits gemeldet, dass diese Betriebe 600.000 Paar Strohpantoffel erzeugen sollen. Es handelt sich jedoch nicht um Strohpantoffeln, wie sie in Spitaelern und Badeanstalten verwendet werden und wie urspruenglich irrtuemlich angenommen wurde, sondern um sogenannte „Bunkerpantoffeln“. Diese Pantoffel haben eine absatzartige Verdickung und einen kleinen Ansatz einer Ferse. Es handelt sich hier also um einen sehr wehrwichtigen Artikel. Man ist am Baluter-Ring ueber diesen Auftragseingang hoch erfreut, da er Beschaeftigung des Gettos fuer laengere Zeit sicher stellt. Der Bedarf an diesen Pantoffeln ist sehr gross und man vermutet, dass weitere Monstreauftraege3 folgen werden.

Demzufolge konzentriert sich die Bemuehung des Praeses bzw. des Arbeitsamtes auf die Beschaffung der erforderlichen Arbeitskraefte zum Flechten und Nähen dieser Pantoffeln. Wie bereits berichtet,4 wird die Hutabteilung das Flechten der Zoepfe aufnehmen, wofuer ca 600 Personen zur Verfuegung stehen werden. Die Huterzeugung wird nahezu vollstaendig zuruecktreten. Weiters wird die Hausschuh-Abteilung das Naehen der Pantoffeln aufnehmen, das bedeutet, dass ca 1600 Personen in diesen Betrieben an diesem Auftrage arbeiten werden. Der Betrieb Marysin und Widok /Faber/ wird so rasch als moeglich aufgefuellt. Zu diesem Zwecke werden die in den aufgeloesten Teppich-Ressorts freiwerdenden Kraefte zum Stroh geschickt, soferne sie nicht schon der Schneiderei und verwandten Betrieben zugewiesen sind. Ferner werden augenblicklich in den Abteilungen, Verteilungsstellen, im Referat fuer Bueroarbeiten etc. etc. Musterungen vorgenommen, mit dem Ziele, alle geeigneten Personen dieser Produktion zuzufuehren.

So ist wieder einmal eine gewaltige Umschichtung, hauptsaechlich der weiblichen Arbeitskraefte im Gange, was nicht ganz ohne Erschuetterungen fuer den Einzelnen abgeht.

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

7 Bauchtyphus, 2 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

10 Lungentuberkulose, 1 Lungenkrankheit, 3 Herzkrankheiten, 1 Darmverschluss.

1

Staubpuster: Vorläufer des Staubsaugers, mit dessen Hilfe man mittels Luftdruck den Schmutz von einer Fläche wegblies. Staubpuster wurden (und werden teilweise noch heute) v.a. in Nähereien, Fotolabors oder bei der Reinigung von maschineller Feintechnik eingesetzt.

2

Eine Reibschale ist ein schalenförmiges Gefäß zum Zerkleinern, ein Mörser.

3

Monster-, hier in der französischen Form monstre-, bringt als Präfixoid zum Ausdruck, dass etwas als monströs, als groß und auffallend empfunden wird.

4

Vgl. den Eintrag „Strohschuh-Abteilung“ in der Tageschronik vom 2. August 1943.