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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 17. Juli 1944

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Tageschronik Nr.: 
198

Das Wetter:

Tagesmittel 15-20 Grad, es regnet unaufhörlich.

Sterbefälle:

39,

Geburten:

keine

Festnahmen:

Diebstahl: 2,

Verschiedenes: 4

Bevölkerungsstand:1

Brand:

Am 16.7.1944 wurde die Feuerwehr um 13,10 Uhr nach dem Hause Goldschmiedegasse 18 alarmiert, wo durch einen Kurzschluss, der durch einen Blitzschlag verursacht wurde, die Telefon-Installation in Brand geraten war. Der Brand wurde gelöscht.

Erschiessung am Draht:

Am 17. Juli 1944 wurde die Zarzewska Mindla, geb. 22.6.1910, wohnhaft Am Bach 15, zwischen 6,30 Uhr und 7 Uhr, am Drahtzaun bei der Holz- und Hermann Göringstr., ausserhalb des Gettos, erschossen.

Tagesnachrichten.

Todesfall:

Im Alter von 68 Jahren ist in der Nacht auf heute der bekannte und angesehene Nervenarzt Dr. Fabian Klozenberg nach längerer Krankheit an Paratyphus gestorben.

Nach Beendigung seiner medizinischen Studien in Warschau 1899 liess sich Dr. Klozenberg als Neurologe in Lodz nieder. Gleich nach Errichtung des Gettos wurde er vom Präses ans Krankenhaus I als Chefarzt und Primarius2 berufen und übte gleichzeitig die Funktion eines Konsultanten an den Krankenhäusern II. III. u. IV. aus. Später arbeitete er auch in den Ambulatorien III. u. IV.

Seine ausserordentliche Stellung als Arzt und gesellschaftliche Persönlichkeit brachte es mit sich, dass der Präses ihn zum Mitglied des Rates der Gesundheitsabteilung ernannte.

Dr. Klozenberg war bis knapp vor seiner Erkrankung als Nervenarzt tätig. Alle Bemühungen, ihn nach der schweren Infektion, die Paratyphus zur Folge hatte, zu retten, waren vergeblich. Die Teilnahme an seiner Bestattung war entsprechend seiner Popularität überaus gross. Es sprachen Worte des Abschieds der Präses, der stellvertretende Chef des Gesundheitsamtes, Dr. Weinberg, und Dr. Falk. Ausser seinen Aerztekollegen waren Vertreter der Ressorts mit A. Jakubowicz, als Leiter aller Ressorts, an der Spitze und Dr. Miller als Vertreter des Gesundheitsamtes anwesend.

Der Verstorbene hinterlässt eine Frau, eine Tochter3 und eine Enkelin.

Selbstmord am Draht:

Eine Frau Zarzewska Mindla /siehe obigen Polizeibericht/ beging heute Selbstmord, indem sie den Drahtzaun bei der Holz- und Hermann Göringstrasse überstieg. Der diensthabende Schupomann erschoss sie. Näheres im morgigen Bericht.

Im Zuge der in der Rede vom Sonntag angekündigten Reorganisation besuchte der Präses mit Sienicki die Hutabteilung, die liquidiert werden soll, und musterte die dort Beschäftigten.

Sitzung am Baluter-Ring. Wieder Panik:

Rechtsanwalt Neftalin wurde auf dem4 Baluter-Ring berufen, wo er nach einer kurzen Unterredung mit A. Jakubowicz von Amtsleiter Biebow den Auftrag erhielt, bis Mittwoch, den 19. ds.Mts., 12 Uhr Mittag eine statistische Uebersicht über die Gettobevölkerung vorzulegen u.zw. geordnet nach Jahrgängen und Geschlecht. Der Amtsleiter verlangte von Rechtsanwalt Neftalin auch Angaben über Arbeitsfähigkeit der entsprechenden Jahrgänge. Da Rechtsanwalt Neftalin keine Unterlagen für solche Angaben besitzt, musste er dem Amtsleiter eine solche Aufstellung ablehnen. Der Amtsleiter nahm dies mit dem Bemerken zur Kenntnis, dass er sich diese Daten eben von der Gesundheitsabteilung verschaffen werde. Es ist nicht anzunehmen, dass auch die Gesundheitsabteilung verlässliche statistische Angaben für diese Richtung geben kann, denn diese Abteilung führt keine Evidenz der Arbeitsunfähigen.

Der Amtsleiter betonte in seiner Unterredung mit Rechtsanwalt Neftalin, dass die Angaben von der Geheimen Staatspolizei angefordert wurden und unterstrich daher die ihm erteilte Frist.

Die blosse Tatsache, dass Rechtsanwalt Neftalin zum Amtsleiter berufen wurde und dass eine Besprechung über bevölkerungsstatistische Angaben stattgefunden haben soll, versetzte das Getto neuerlich in Schrecken. Das Getto ist voller Gerüchte über den Zweck dieser vorzulegenden Statistik.5

Approvisation.

Die Lage bessert sich durch weiteren Einlauf an Frischgemüse. Die Nacht hindurch kamen über Bahnhof Radegast beträchtliche Mengen von Kraut und tagsüber über Baluter-Ring Kraut und Möhren.

Ab heute kommt folgende Gemüse-Ration zur Ausgabe:

  • 2 kg Kraut, 2 kg Möhren und 1 kg Wirsingkohl.

Kleiner Getto-Spiegel.

Krach am Schleichhandelsmarkt:

Durch die Einstellung der Aussiedlung ist eine vollkommene Deroute6 der Schleichhandelspreise in Lebensmitteln eingetreten. Brot /die Edelvaluta des Gettos/ kostete in den kritischen Tagen 1400 Mk, Suppe /die Scheidemünze/ 30-38 Mk, Botwinki 70 Mk das kg u.s.w. Anderes als Lebensmittel war kaum anzubringen, ausgenommen Reiseeffecten, wie Rücksäcke und Koffer. Das ist mit einem Schlage durch die Abstoppung anders geworden. Brot wird mit 700 Mk angeboten, Suppen kosten 15 Mk und weniger, Botwinki 45-50 Mk das kg. Der Grund für diesen Preissturz liegt auf der Hand. Die Ausgesiedelten sind nicht mehr in der Zwangslage sich, koste es, was es wolle, ihrer letzten Habe, die sie ja ohnedies nicht mitnehmen können, zu entledigen und die Blockierten müssen nicht mehr ihr letztes Hemd hergeben, um das nackte Leben zu erhalten. Die Schäfer haben wiedereinmal die Lämmer geschoren und viele geheime Brieftaschen sind dick mit Gettomark angeschwollen.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

32 Lungentuberkulose, 2 Tuberk. anderer Organe, 1 Lungenentzündung, 2 Herzschwäche, 1 Gehirnblutung, 1 Bauchwassersucht.

1

HK, NYK**, JK*, JFK*: Keine Angabe.

2

Primarius ‚leitender Arzt eines Krankenhauses‘; österr.

3

Von der Tochter Klozenbergs, Stefania Davidowicz, war in der Tageschronik bereits zuvor die Rede, schon im Juli 1943 kursierten Gerüchte, sie dürfe das Getto verlassen und nach Palästina ausreisen. Davidowicz wurde jedoch während der Auflösung des Gettos nach Auschwitz deportiert und von dort am 3. September 1944 in das Konzentrationslager Stutthof überstellt. Am 24. November 1944 deportierten die Nationalsozialisten sie in das Konzentrationslager Flossenbürg. Entweder dort oder, wie auf der Sterbeurkunde vom 14. Juli 1966 vermerkt, in Stutthof ist Stefania Davidovicz am 28. Dezember 1944 gestorben, die offizielle Todesursache war „Darmkatarrh“ (ISD: Namenskartei, Einträge Davidowicz, Stefania).

4

So in HK, NYK**, JK*, JFK*.

5

Jakub Poznański schreibt zwei Tage später in sein Tagebuch: „Vorgestern Abend verbreitete sich die Nachricht über eine neue Evakuierung des Gettos, und dies in Verbindung mit einem Besuch von Vertretern der Gestapo am Baluter Ring und einer Konferenz mit dem Präses, Neftalin, Ehrlich (die beiden letzten als Vertreter der Evidenzabteilung und der Statistischen Abteilung ), auf der sie statistische Angaben über den Bevölkerungsstand anforderten, mit einer Aufteilung nach den folgenden Kategorien: bis 10 Jahre, bis 20, bis 30, bis 40, bis 50, bis 65, aufgeteilt nach Männern und Frauen und unter Angabe der Anzahl Kranker in jeder Gruppe. Aus diesem Grund begannen im Getto die unterschiedlichsten Gerüchte und Nachrichten zu kursieren. Es wurde sogar über eine Evakuierung der Männer geredet, die einen meinten von 14-50, die zweiten von 15-60 Jahren. Im Laufe des gestrigen Tages verbesserte sich die allgemeine Stimmung ein wenig und die Meinung beruhigte sich“ (Poznański 2002, S. 184; übers. aus dem Poln).

6

Deroute ‚Preissturz‘; aus frz. déroute ‚auseinander laufen‘, fachspr.