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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Montag, den 18. Oktober 1943

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Tageschronik Nr.: 
275

Das Wetter:

Tagesmittel 18-27 Grad, sonnig, warm.

Sterbefälle:

3

Geburten:

1 /weiblich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Diebstahl: 2

Bevoelkerungsstand:

83.569

Tagesnachrichten.

Der Präses war vor einigen Tagen in Begleitung von Fräulein Fuchs und A. Jakubowicz in der Stadt u.z. zu Besuch bei dem erkrankten Amtsleiter Biebow, wobei laufende Agenda1 besprochen wurden. Es verlautet, dass der Präses bei dieser Gelegenheit beim Amtsleiter die Freigabe der im Getto lagernden Altkleider durchgesetzt hat. Wie bekannt, wurden aus den evakuierten Provinzgemeinden grosse Mengen gebrauchter Kleider ins Getto gebracht,2 die von der Abteilung für besondere Angelegenheiten in verschiedenen Werkstätten instandgesetzt wurden bzw. werden. Vor geraumer Zeit hat der Amtsleiter diese Bestände zu seiner Verfügung reservieren lassen. Die Folge davon war, dass aus den Altkleider-Kammern an die Bekleidungs-Abteilung keine weiteren Bestände ausgefolgt werden konnten. Angesichts des kommenden Winters waere die Lage ausserordentlich schwierig geworden. Es ist zu hoffen, dass diese Nachricht auf Richtigkeit beruht, sodass in der nächsten Zeit wieder etwas warme Kleidung greifbar sein wird.

Aus Theresienstadt sind in den letzten Tagen vielfach Postkarten ins Getto gekommen mit Nachricht von Angehörigen der hier eingesiedelten Prager.3

Approvisation.

Die Lage hat sich stabilisiert. Zufuhr von Kartoffeln erfolgt in schwankenden Mengen. Grössere Tomatenmengen kommen herein bzw. sind noch angekündigt, eine weitere Tomatenration ist infolgedessen in Sicht. Man vermutet, dass diese grünen Tomaten aus dem Sudetengebiet stammen, weil in einer Waggonladung ein Fetzen des „Leitmeritzer Tagblatt“ aufgefunden wurde.4

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

1 Bauchtyphus, 6 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

1 Herzmuskelschwäche, 1 Hirnblutung, 1 Tuberkulöse Gehirnhautentzündung.

1

So in HK, LK*, JFK*.

2

Vor allem von massenhaft ankommenden Schuhen war in den Tageschroniken vom 3. September 1943 (Eintrag „Altschuhe kommen herein“) und 6. September 1943 (Eintrag „Altschuhe“) die Rede. Berichte über große Mengen ins Getto gelangender Kleidungsstücke gab es bereits nach der Septembersperre im Vorjahr. Vgl. etwa den Eintrag „Neue Bekleidungsabteilung“ in der Tageschronik vom 21. September 1942 sowie die dortige Anmerkung 71.

3

In Theresienstadt (Terezín) in der Nähe von Prag hatten die Nationalsozialisten in einer alten Garnisonsstadt ein Getto eingerichtet. Juden hauptsächlich aus Böhmen und Mähren, aber auch aus dem übrigen Mittel- und Westeuropa waren hier eingepfercht. Die erste Gruppe Häftlinge kam aus Prag und traf Ende November 1941 in Theresienstadt ein. Für viele war das Getto eine Durchgangsstation auf dem Weg in den Osten und damit in den Tod. Im Januar 1942 verließ der erste Transport Theresienstadt ; 2000 Juden wurden nach Riga deportiert, von hier aus brachten die Deutschen ihre Opfer auch in die Vernichtungslager Treblinka und Auschwitz-Birkenau. Nach Theresienstadt wurden viele ältere Juden, Juden in besonderer Stellung oder Juden mit Kriegsauszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg deportiert. Wie in einem Getto war auch hier ein Ältestenrat für die Organisation jüdischen Lebens zuständig. Vorsitzender war zuerst Jakob Edelstein, dann der Soziologe Paul Eppstein und anschließend der Rabbiner Benjamin Murmelstein aus Wien. Auch im angeblichen „Mustergetto“ waren die Lebensbedingungen jedoch katastrophal, so starben 1942 knapp 16000 Menschen im Lager, das sind gut 50 Prozent der durchschnittlichen Gesamtbevölkerung. Insgesamt starben im Lager 33.000 Menschen und 88.000 deportierten die Nationalsozialisten weiter in die Vernichtungslager. Vgl. Enzyklopädie des Holocaust 1995, Bd. 3, S. 1403-1407; Schneider 2005, S. 31-33; Kárny/Blodug/Kárná 1992. Wichtig zum Lager Theresienstadt sind vor allem auch die als Jahrbuch erscheinenden „Theresienstädter Studien und Dokumente“. Das Standardwerk Adler 1955 wurde kürzlich neu zugänglich gemacht: Adler 2005. Vgl. ferner: Theresienstädter Gedenkbuch 2007. Auch existieren zahlreiche Erinnerungsberichte, die hier nicht eigens genannt werden sollen, zuletzt erschienen etwa Manes 2005, Spier-Cohen 2005 und Brenner-Wonschick 2006. – Jakub Poznański notiert Ende Oktober 1943 in seinem Tagebuch, dass „in der letzten Zeit“ Postkarten aus Theresienstadt ins Getto gelangt seien: „Aus dem Inhalt der Karten kann man schließen, dass dort auch so etwas wie das Getto Lodz oder wie ein Arbeitslager errichtet worden ist, denn alle arbeiten dort. Ob sie ausreichend zu essen haben, oder ob sie solche Hungerrationen bekommen wie wir, das weiß ich nicht. Sie haben es schon deshalb besser, weil sie schreiben dürfen, uns dagegen ist es verboten, die Post zu nutzen“ (Poznański 2002, S. 121f.; übers. aus dem Poln.).

4

Leitmeritz (Litoměřice) liegt in Nordböhmen.