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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Montag, den 2. August 1943

Tageschronik Nr.: 
198
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Das Wetter:

Tagesmittel 29-39 Grad, sonnig.

Sterbefaelle:

16

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevoelkerungsstand:

84.244

Tagesnachrichten.

Der Tag verlief ruhig. Der Praeses hielt verschiedene Sitzungen, darunter auch eine im FUKR ab. Er ist den ganzen Tag unterwegs mit seiner Droschke.

Von der Feuerwehr:

Im Anschluss an die gestrige Musterung bei der Feuerwehr erfahren wir, dass 140 Feuerwehrmaenner reduziert und zur Abbruchstelle geschickt wurden. Beim heutigen Fruehappell haben 70 Feuerwehrmaenner keine Dienstzuteilung mehr erhalten und wurden zur Disposition des Kommandanten zurueckgehalten.

Reduktion in den Kuechen:

In der naechsten Zeit werden in den Kuechen Reduktionen erfolgen. Zunaechst duerfte, wie man von der Kuechenabteilung erfaehrt, in jeder Kueche je 2 Personen reduziert werden. Die Suppen sollen ab heute eine Verbesserung erfahren.

Approvisation.

In den Abendstunden kam die Zuteilung auf die diversen Talone heraus u.z.:

B.L.Ph.
  • 15 dkg Marmelade
  • 20 dkg Zucker, braun,
  • 15 dkg Roggenflocken,
  • 10 dkg Butter,
  • 2 kg Kartoffeln,
  • 1/2 Dose R
  • zum Preise von Mk. 5.40
  • pro Familie:
  • 100 Stk. Zigaretten „Drava“, Mk. 15.-
B I, II, III.
  • 15 dkg Marmelade
  • 20 dkg Zucker, braun,
  • 20 dkg Roggenflocken,
  • 10 dkg Schmalz,
  • 50 dkg Gemuesesalat,
  • 6 kg Kartoffeln,
  • 1 Dose R
  • zum Preise v. Mk. 11.50.
C P.
  • 15 dkg Marmelade,
  • 20 dkg Zucker, braun,
  • 20 dkg Roggenflocken,
  • 15 dkgKnochenfett,
  • 7 kg Kartoffeln,
  • 1 Dose R
  • zum Preise von Mk. 10.-

Auch diesmal ist der B I, bzw. B II, B III, besonders beguenstigt dadurch, dass, wie man sieht, der Beirat nur 2 kg Kartoffeln pro Kopf und 1/2 Dose R Fleisch, die Einzeltalone hingegen 6 kg Kartoffeln und 1 ganze Dose R Fleisch erhalten. Wer also den Beirat nur fuer eine Person geniesst, ist schlechter daran als der Geniesser eines der drei Einzeltalone.1

Keine nennenswerten Zufuhren, demnach keine Verbesserung der Lage. Der Hunger marschiert.2

Ressortnachrichten.

Strohschuh-Abteilung:

Das Muster von Strohpantoffeln, von dem wir bereits berichtet haben,3 wurde von der Wehrmacht genehmigt. Demzufolge wird die Strohschuhabteilung die Produktion wieder aufnehmen. Es sollen 100.000 Paar solcher Pantoffeln erzeugt werden. Die Leitung /M. Faber/ hatte den Auftrag mit groesster Bestimmtheit erwartet und sich entsprechend vorbereitet. Die Abteilung hat noch vor Einlangen des Auftrages die Flechten fuer diese Pantoffeln aus Kurzstroh in Angriff genommen. Diese Flechten /Zoepfe/ sind wesentlich schwaecher als die bisher fuer Strohschuhe hergestellten. Das durch die Verwendung des Kurzstrohs eingesparte Material wird der Hutabteilung zur Verfuegung gestellt werden, sodass auch deren Weiterbestand sichergestellt wird.

Kleiner Getto-Spiegel.

Nachtarbeit im Getto:

Zur Aufrechterhaltung und zum Schutz der Betriebe sowie der eingelagerten Lebensmittel und Konsumgueter ist ein umfangreicher Apparat notwendig. Dieser Apparat muss natuerlich auch in der Nacht funktionieren. Er setzt sich aus Mitgliedern des offiziellen Ordnungsdienstes und aus Zivilpersonen zusammen, die fuer den Nachtdienst beruflich herangezogen werden. Eine wichtige Funktion hat der Nachtdienst der Sonderabteilung.

  Beschaeftigt sind hier:
Ihm unterstehen die Baeckereien, Gemueseplaetze, der Kohlenplatz und die Warenuebernahme, Bahnhof Radegast. 75 Personen
Im Nachtdienst /Strassendienst der O.D. / 200
Feuerwehr /Nachtdienst in den Ressorts/ 150
Zentralgefaengnis 30
Bei der Transportabteilung fuer die Getto-elektrische Strassenbahn und den Transport O.D. 25
Gesundheitsabteilung, u.z. Rettungsbereitschaft, Krankenhaeuser und allgem. Nachtwache 150
Approvisation, u.z. Warenannahme, Baeckereien, Gemueseplaetze /durchwegs eigene Wache/ 150
Lagernachtwache der Approvisation 50
Nachtwache in den Laeden 80
Gartenwache /civile Wache bei den Plantagen etc./ 100
Wirtschaftsabteilung, verschiedene Waechter im Nachtdienst 30
Faekalienabfuhr 150
L.S.-Wart in Ressorts und Abteilungen 1300-1500
Insgesamt sind bei der Nachtarbeit im Getto rund 2.600 Personen beschaeftigt.    

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

12 Bauchtyphus, 1 Diphtherie, 3 Tuberkulose.

1

Eine ganze Dose Fleisch stünde nach dem festgesetzten Verteilungsschlüssel nur einer Familie bzw. einem Paar mit mindestens zwei Beirats-Talons zu.

2

„Der Hunger marschiert“: Zitat aus einer Parodie des „Horst-Wessel-Liedes“ (vgl. hierzu Kurzke 1990, S. 126) in den 1930er Jahren. Aus der Originalzeile „S.A. marschiert“ wurde „Hunger marschiert“. Vgl. Lammel 1980, S. 206.

3

Das Strohschuh-Muster wird in den Tageschroniken des Vormonats wiederholt erwähnt, so am 11. Juli 1943 (Eintrag „Beratungen beim Praeses“), am 17. Juli 1943 (Eintrag „Die Lage bei den lederverarbeitenden Betriebe“) und am 26. Juli 1943 (Eintrag „Strohschuh-Ressort“).