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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 21. Februar 1944

Tageschronik Nr.: 
52
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Das Wetter:

Tagesmittel 3-4 Grad unter 0, Frost.

Sterbefälle:

11

Geburten:

1 /männl./

Festnahmen:

keine

Bevölkerungsstand:

79.686

Brand:

Am 20.2.1944 wurde die Feuerwehr um 11,40 Uhr nach dem Froschweg 15 alarmiert, wo aus dem Fussboden des II. Stockwerkes Rauchschwaden, welche aus Kaminspalten drangen, entstiegen. Die Bauabteilung wurde angewiesen, die notwendigen Reparaturarbeiten sofort vorzunehmen.

Tagesnachrichten.

Die Nacht auf heute verlief ruhig. Keinerlei Aktionen kamen vor.

Von den im Zentral-Gefängnis angehaltenen Personen /ca 1240/ wurden einzelne Leute wieder entlassen. Es verlautet, dass auch Frauen für die Aussendung zum auswärtigen Arbeitseinsatz in Frage kommen.

Kinder in Ressorts:

Der Präses ordnete an, dass Kinder des Jahrgangs 1935 durch die Umschichtungskommission in die Ressorts eingeordnet werden. Diese Aktion soll bis Freitag, den 25.2.44, durchgeführt sein. Rechtsanwalt Neftalin erhielt vom Präses entsprechende Weisungen zwecks Durchführung der administrativen Arbeiten und die Umschichtungskommission wird noch heute auf Grund des von der Abteilung Neftalin / Statistische-Abteilung/ ermittelten Materials die Eltern der in Frage kommenden Kinder vorladen.

Approvisation.

Unveränderte Hungerlage.

Die mit der letzten Ration kundgemachten Möhren und Kartoffeln sind nur zum geringen Teil ausgegeben, es ist einfach nicht genug Ware vorhanden. Soweit Möhren hereingekommen sind, erleiden sie ja sowieso das Schicksal, das wir in der Studie vom 7.2.1944 geschildert haben.1

Der Präses hat den Freiverkauf von Kaffeemischung eingestellt, angeblich deshalb, weil sich sehr viele Versteckte von rohem Kaffeeersatz ernähren.

Ressortnachrichten.

Die Schnallenfabrik, an der Wołborska /Rauchgasse/ 44,

wird in eiligem Tempo eingerichtet. Die Durchführung leitet von deutscher Seite Kommissar Sauter von der Geheimen Staatspolizei.

Auch heute sind weitere Maschinen aus dem General-Gouvernement hier eingetroffen. Seit heute kursiert auch auf den Getto-Strassenbahntrassen eine vor einiger Zeit ins Getto gelieferte und inzwischen instandgesetzte Strassenbahn-Lokomotive.

Kleiner Getto-Spiegel.

Die Versteckten:

Die Ausdauer der versteckten Kandidaten für den auswärtigen Arbeitseinsatz ist so stark wie ihre Furcht vor der Aussendung aus dem Getto. Sie beziehen infolge der Blockierung der Lebensmittelkarten keinerlei Lebensmittel, ebenso ihre Angehörigen. Wovon ernähren sich die Menschen, die nun schon bald 14 Tage in ihren Schlupfwinkeln verkrochen sind. Menschen mit einigen Beziehungen erhalten durch Verbindungsleute noch Suppen und sonstige Nahrung. Beziehungslose Menschen jedoch versuchen es, die Tage mit Kaffeeersatz durchzuhalten.

So hat man in einem Schlupfwinkel einen Mann aufgestöbert, der sich tagelang nur von Kaffeeersatz genährt hatte und natürlich schon halb verhungert war. Einen anderen Mann fand man in einer stillgelegten Küche im Kessel halb erfroren vor. Viele andere wechseln das Versteck in den Nächten je nach den Streifen in den verschiedenen Rayons. Da das ganze Getto durch die offenen Höfe und die vielen labyrinthartigen Durchgänge verbunden ist, gelingt es den Versteckten natürlich verhältnismässig leicht, der Menschenjagd zu entgehen. Aber die Familien können auf die Dauer nicht durchhalten und so melden sich täglich ausgemergelte und von den Aufregungen zerbrochene Menschen im Zentral-Gefängnis. Hungerblockade in der Hungerstadt. Es ist mehr als ein Superlativ des Hungers.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 1 Bauchtyphus, 7 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

4 Lungentuberkulose, 2 Lungenkrankheiten, 1 Rückenmarkentzündung, 1 Chronische Nierenentzündung, 2 Herzkrankheiten, 1 Tuberkul. Gehirnhautentzündung.

1

Vgl. die Rubrik „Kleiner Getto-Spiegel“ in der Tageschronik vom 7. Februar 1944.