Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 22. Mai 1944

Tageschronik Nr.: 
142
Podcast Icon

Das Wetter:

Tagesmittel 13-22 Grad, bewölkt, heftiger Wind.

Sterbefälle:

28,

Geburten:

3 /1 m., 2 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 4

Bevölkerungsstand:

76.977

Tagesnachrichten.

Zur Arbeit ausserhalb des Gettos:

Heute erschien die folgende Kundmachung:

ACHTUNG!

Betr.: Freiwillige Registrierung zur Arbeit nach ausserhalb des Gettos.

Nachdem die Möglichkeit besteht, dass wiederum Arbeiter für Arbeit nach ausserhalb des Gettos benötigt werden, können sich arbeitsfähige Männer, die für diese Arbeit Interesse haben,

freiwillig im Arbeitsamt-Getto registrieren.

Es wird aufmerksam gemacht, dass diese Personen volle Ausrüstung wie:

Anzug, Schuhe, Wäsche und Socken erhalten.

Die Registrierung kann ab Dienstag, den 23.5.1944, wie oben erwähnt im Arbeitsamt in der Zeit von: 17 Uhr 30 – 21 Uhr erfolgen, woselbst gleichzeitig alle nähere1 Auskünfte erteilt werden.

Litzmannstadt-Getto, den 22.5.1944

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt.2

Hiezu erfährt man, dass etwa 60 Mann für eine Arbeitsgruppe unweit von Litzmannstadt gebraucht werden. Die ursprüngliche Version, dass auch diese Leute nach Częstochowa gehen sollen, ist unrichtig. Es haben sich sofort einige Freiwillige gemeldet. Der Schrecken des Hungers im Getto ist so gross, dass er den des Verlassens des Gettos paralisiert3. Ein Termin für die Abreise dieser Gruppe ist noch nicht bekannt.

Andrerseits fürchten Leute, die unter keinen Umständen das Getto bzw. ihre Angehörigen verlassen wollen, dass es bei dieser freiwilligen Registrierung nicht bleiben, sondern zur zwangsweisen Rekrutierung von Arbeitern kommen wird. Dementsprechend herrscht schon jetzt eine gewisse Nervosität. Das obige Rundschreiben ist in deutscher und jiddischer Sprache erschienen. Eine Neuerung auf dem Gebiete dieser Arbeiterentsendung ist, dass die sich meldenden Personen zunächst nicht im Zentral-Gefängnis angehalten werden, sondern auf freiem Fuss verbleiben. Sie haben lediglich die folgende Verpflichtungserklärung zu unterschreiben:

VERPFLICHTUNGS-ERKLÄRUNG!

Ich, der Endesunterzeichnete . . . . . . . . . . wohnhaft . . . . . . . . . . . beschäftigt . . . . . . . . . . verpflichte mich durch meine heutige Registrierung im Arbeitsamt-Getto, im Bedarfsfalle zur Arbeit nach ausserhalb des Gettos zu fahren. Ich verpflichte mich ferner, mich bei der ersten Aufforderung sofort an dem mir noch aufzugebenden Ort zur Ausreise zu stellen.

Litzmannstadt-Getto, den . . . . . . . .

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

deutlich lesbare Unterschrift.

Approvisation.

Heute erhielt das Getto 14.060 kg Kartoffeln. Daran knüpfen sich allerhand Hoffnungen, die leider wieder enttäuscht werden, denn es ist keinesfalls zu erwarten, dass die Kartoffeleinläufe so ausreichend sein werden um damit eine Ration decken zu können. Die Gemüseabteilung wird froh sein, wenn sie damit auch nur den notwendigsten Tagesbedarf der Küchen wird decken können. Dementsprechend ist der Hunger im Getto noch immer so grausam wie zuvor.

Ressortnachrichten.

Der Amtsleiter in der Schwachstrom-Abteilung:

Heute erschien Amtsleiter Biebow in der Schwachstrom-Abteilung und sprach dort zu den Arbeitern, denen er die sinkende Produktion vorhielt. Zum ersten Mal drohte er der Belegschaft mit der Zuweisung zur Fäkalienabfuhr. Die Arbeiter versprachen eine intensive Steigerung der Produktion. Zurückzuführen ist das Intermezzo wahrscheinlich auf eine Ausrede des Leiters, Dawidowicz, der das Sinken seiner Produktion auf den mangelnden Willen seiner Arbeiter und nicht auf das minderwertige Material schob.

Kleiner Getto-Spiegel.

Zwiebeln, Zwiebeln:

Vier Jahre Getto und Zwiebeln waren immer eine Rarität. Einige wenige Ausgewählte, Dignitare, Bonzen aller Richtungen, konnten sichs leisten, auf ihren Gärten Zwiebeln zu pflanzen, wenn sie sich Samen beschaffen konnten. Der Haushalt im Getto musste immer ohne Zwiebeln auskommen. Jetzt steht das Getto im Zeichen der Zwiebeln. Freilich ist es noch nicht eine richtige, ausgewachsene, saftige Zwiebel, sondern sie ist die Hoffnung auf Zwiebeln. Denn zum ersten Mal, seit das Getto besteht, erhielt die Wirtschaftsabteilung Steckzwiebeln und nun sieht man allenthalben den Lauch in die Höhe steigen: Auf manchen Beeten stehen die Zwiebeln ausgerichtet wie die Soldaten, auf manchen etwas chaotischer. Aber nicht diese Zwiebeln sind die interessanten. In allen Fenstern des Gettos wachsen jetzt Zwiebeln. Jeder hat da so seine Działka in der Westentasche. Mancher hat ein paar Brettchen aufgebracht, um sich ein Kistchen für das Fenster zurechtzuzimmern, was hat er dort gepflanzt? Zwiebeln. Das fällt noch nicht so auf, aber es gibt kaum ein Fenster, wo nicht die im Getto so populäre Konservenbüchse stünde. An mancher Häuserfront gibt es buchstäblich vom Parterre bis zum 4. Stock kein Fenster ohne eine oder mehrere Puschkes, aus denen der Lauch der Zwiebeln guckt, natürlich windschief in der Richtung zur Sonne. Die Zwiebel ist die Blume des Gettos. Wir erinnern uns an das Vorjahr, da gab es in allen Fenstern Rote Rüben4, hie und da Salat und jetzt überall Zwiebeln, Zwiebeln. In Wohnungen, die in ehemaligen Gassenladen eingerichtet sind, benützen die Inhaber das Schaufenster als Zwiebelplantage. Dort braucht man keine Gefässe. Man hat einfach den Boden des Schaufensters mit Erde bedeckt und man pflanzt Zwiebeln. Wer nicht genug Konservenbüchsen hat, benützt alte Töpfe und Waschbecken. Freilich, diese Zimmerzwiebeln werden die Hoffnungen ihrer Züchter bitter enttäuschen, gross werden sie nicht werden, aber wenigstens der Lauch wird da sein und wer diesmal keinen Garten bekommen hat, der hat eben seine Zwiebeldziałka auf dem Fensterbrett. Immerhin zum Herbst wird das Getto keinen Zwiebelmangel haben und die Preise werden sicherlich in keinem Vergleich stehen zu den bisherigen.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 23 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

16 Lungentuberkulose, 2 Tuberk. anderer Organe, 1 Lungenentzündung, 8 Herzkrankheiten, 1 Herzschwäche.

1

So in HK, LK*, JFK* und in der Bekanntmachung.

2

Die Bekanntmachung wird vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/170, Bl. 123: Rumkowski, Bekanntmachung / Betr.: Freiwillige Registrierung zur Arbeit nach ausserhalb des Gettos, 22.5.1944.

3

So in HK, LK*, JFK*. paralysieren ‚handlungsunfähig, unwirksam machen, völlig zerrütten und ausschalten‘; zu lat. paralysis, griech. parálysis, eigentl. ‚Auflösung‘; bildungsspr.

4

Über Rote Rüben als „Zierpflanzen“ des Gettos berichtete im Vorjahr die Tageschronik vom 8. Juni 1943 (Eintrag „Stadt ohne Blumen“).