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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 22. November 1943

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Tageschronik Nr.: 
310

Das Wetter:

Tagesmittel 3-4 Grad, bewoelkt.

Sterbefaelle:

5

Geburten:

1 /maennlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Diebstahl: 3

Bevoelkerungsstand:

83.378

Brand:

Am 21.11. um 17 Uhr wurde die Feuerwehr nach dem Hause Talweg 12 zu einem Russbrand alarmiert. Das Feuer wurde erstickt und der Kaminschacht gefegt.

Tagesnachrichten.

Der Amtsleiter ist, wie man aus informierten Kreisen vom Baluter-Ring erfaehrt, nach Berlin gereist.1

Der Praeses amtiert nach kurzem Unwohlsein wieder in gewohnter Weise.

Um die Fragen der Approvisation ist es recht still geworden.

Approvisation.

Der Einlauf der Kartoffeln deckt den Tagesbedarf der Kuechen und sichert die naechste Wochen-Ration von mindestens 2 1/2 kg. An Gemuese kommt hauptsaechlich nur Rettich herein, was ebenfalls ehestens eine kleine Ration erwarten laesst. Alle andere Zufuhr im Rahmen des Kontingents.

Ressortnachrichten.

Das Getto hat einen grossen Auftrag auf Lieferung von Bauplatten erhalten. Dieses Material soll Verwendung finden beim Bau von kleinen Haeuschen fuer Bombengeschaedigte. Urspruenglich hiess es, wie wir seinerzeit berichtet haben,2 dass der Holzbetrieb, Putziger 9, die Bindungen sowie Tueren und Fenster sowie die Einrichtung liefern wird, waehrend die Bauabteilung die Herstellung der Platten zu uebernehmen hatte. Es handelt sich um Lieferungen im Rahmen der in der deutschen Presse angeblich viel eroerterten Aktion von Dr. Ley.3 Der Holzbetrieb, Putziger 9, hat bis jetzt einen Auftrag auf Lieferung der Holzbestandteile nicht erhalten und duerfte ihn wohl auch nicht bekommen. Es heisst, dass das Getto ueber die Fachleute fuer die Herstellung von Tueren und Fenster im groesseren Rahmen nicht verfuegt. Geblieben sind also nur die Platten. Diese werden nach einem besonderen Verfahren aus Zement und Saegespaene hergestellt werden, weswegen auch der Amtsleiter eine Sperre fuer Saegespaene verfuegt hat. Also sind Saegespaene, wie wir seinerzeit schon angedeutet haben4, auch aus diesem Grunde zu einem aeusserst wertvollen Produkt im Getto geworden. Dies umsomehr als sehr viele Haushalte sich mit kleinen Spezialoefen versorgt haben, die nur mit Saegespaene geheizt werden. Auf dem Gebiete von Radegast, Bahnhof, wird ein grosses Gelaende fuer die Produktion der Platten planiert, ferner werden dort entsprechende Baracken errichtet und muss das Arbeitsamt fuer diese Produktion das entsprechende Menschenmaterial beistellen. Der Praeses machte fuer die klaglose Durchfuehrung den Mitleiter des Arbeitsamtes Sienicki persoenlich verantwortlich.

Von der Kartenabteilung.

VI. Emmission5 der Nahrungsmittelkarten:

Mit einem Rundschreiben vom 22.11.1943 benachrichtigt die Kartenabteilung alle Konsumenten der Verteilungsstellen von der bevorstehenden Emission der neuen Nahrungsmittelkarten. Das Rundschreiben hat folgenden Wortlaut:

Betrifft: VI. Emmission der Nahrungsmittelkarten:

Der Umtausch der alten Nahrungsmittelkarten der V. Emmission auf neue Nahrungsmittelkarten der VI. Emmission findet in den zuständigen Kolonialwaren-Verteilungsstellen in der Zeit vom

27. November bis 30. November 1943 statt.

Zwecks Inempfangsnahme der neuen Nahrungsmittelkarten sind vorzulegen:

  1. Gemuesekarten aller Familienmitglieder ohne Ausnahme, die ein gemeinsames Gemuesebuch besitzen.
  2. Gemueselegitimation.
  3. Die alten Nahrungsmittelkarten.
  4. Die durch die einzelnen Arbeitsplaetze bezw. durch den Emissions-Ausschuss ausgestellten Bescheinigungen, welche bereits durch die Hausverwalter bestaetigt und durch den Konsumenten eigenhaendig auf der Rueckseite unterschrieben wurden.

Es wird darauf aufmerksam gemacht, dass die Nahrungsmittelkarten nur gemeinsam fuer alle Familienmitglieder – welche in dieser Kolonialwaren-Verteilungsstelle ihre Zuteilungen abnehmen – ausgegeben werden. Der Umtausch der Karten fuer nur einen Teil der Familie wird nicht zugelassen.

Der obenangegebene Umtauschtermin muss im eigenen Interesse aller Konsumenten strikte eingehalten werden.

Justizwesen.

Gerichtssaal:

Strafverhandlung vom 22.11.1943

Prochownik, Nussbrecher.

Kausen: 3
Delikte:
  • Ressortdiebstahl: 1
  • Ausserachtlassung der Dienstpflichten: 1
  • Misshandlung: 1

Der Arbeiter des Schaefteressorts Burakowski Fiszel wurde auf frischer Tat ertappt, als er im Begriffe war, 2 Paar Lederkappen, die fuer die Erzeugung von Holzschuhen fuer das Getto bestimmt waren, zu entwenden. Er wurde dafuer zu einer Strafe von 2 Monaten Gefaengnis verurteilt, wobei saemtliche mildernden Umstaende /Leder nicht fuer die deutsche Behoerde bestimmt, Elend des Angeklagten/ in Betracht gezogen wurden.

Der Kontrollor der Faekalienabfuhr, Berlin er, wurde der Ausserachtlassung seiner Dienstpflichten angeklagt, da er in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober 1943 durch angebliche Ausserachtlassung seiner Dienstpflichten verschuldete, dass die Senkgrube des Hauses Muehlgasse 25 nach Abschoepfung der Faekalien nicht zugedeckt wurde und in dieser Nacht der Feuerwehrmann Zemanek Alexander in die Senkgrube hereinfiel. Saemtliche Vorgesetzte des Angeklagten sagten dahin aus, dass bis zum Tage des Vorfalles fuer die Kontrollore der Faekalienabfuhr eine Pflicht der Kontrolle der abgeschoepften Senkgruben nicht bestanden habe, sondern dass bis zu diesem Zeitpunkte es Sache der Faekalisten gewesen sei, fuer Verschliessung der Gruben zu sorgen. Erst nach dem gegenstaendlichen Vorfalle sei es den Kontrolloren zur Pflicht gemacht worden, den ordentlichen Zustand der Senkgruben zu ueberwachen. In Anbetracht dieser Aussagen zog der Staatsanwalt die Anklage zurueck und das Gericht ging mit einem Freispruch vor.

Der Arbeiter des Bahnhofes Radegast Borkowski Szmul war angeklagt, am 29.10. d.J. der Aufforderung des die Trambahn begleitenden „T“-Mannes, die volle Elektrische nicht zu besteigen, nicht Folge geleistet zu haben und ihm einen Fusstritt und einen Faustschlag versetzt zu haben. Im Laufe der Verhandlung stellte sich folgender Tatbestand heraus: Am 29.10.1943 gegen 19 Uhr fuhr ein vollbeladener Tramwaywagen mit Arbeitern von Radegast ins Gettoinnere. Borkowski hatte sich auf der linken Seite auf den Wagen angehaengt und fuhr so bis zur Station „Staelle“. Dort holte ihn der diensthabende „T“-Mann vom Wagen herunter und wollte ihm, da der Wagen immer noch ueberfuellt war, in den Wagen nicht hereinlassen. Daraufhin wollte Borkowski mit Gewalt in den Wagen eindringen und versetzte dem O.D.-Mann einen Fusstritt und Schlag in die Brust. Das Urteil lautete: 1 Monat Gefaengnis, bedingt auf 6 Monate, und 100 Mk Geldstrafe, im Nichteinbringungsfalle eine weitere Haftstrafe von 20 Tagen.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

6 Bauchtyphus, 4 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

3 Herzkrankheiten, 1 Typhus, 1 Totgeburt.

1

In dieser Zeit reiste Biebow einige Male nach Berlin, hauptsächlich wegen Diskussionen über die Übernahme des Gettos durch die SS-eigene „Ostindustrie GmbH“ („Osti“). Vor allem versuchte er auch, sich selbst und die ihm nahestehenden Beamten vor der Einberufung zur Front zu schützen. Vgl. Rubin 1988, S. 388-389.

2

Vgl. den Eintrag „Kleinmöbelfabrik, Putziger 9“ in der Tageschronik vom 3. November 1943.

3

Zu dem in der Tageschronik genannten Auftrag für die Herstellung von Leichtbauplatten aus Beton für den Bau von Behelfshäusern für Bombengeschädigte vgl. Alberti 2006, S. 469, sowie Stier 1999.

4

Der Chronist bezieht sich vermutlich auf den Eintrag „Totale Holzsperre“ in der Tageschronik vom 26. Oktober 1943. Angesichts der anbrechenden Heizsaison war bereits in der Tageschronik vom 14. Oktober 1943 (Eintrag „Beheizung“) eine Wertsteigerung von Sägespänen vorhergesagt worden.

5

So in HK, LK*, JFK*, auch mehrfach im Folgenden.