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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Montag, den 23. August 1943

Tageschronik Nr.: 
219
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Das Wetter:

Tagesmittel 33-40 Grad, sonnig.

Sterbefaelle:

11

Geburten:

1 /maennlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 4

Bevoelkerungsstand:

84.055

Feueralarm:

Am 22. ds. wurde die Feuerwehr um 17 Uhr nach dem Hause Hamburgerstrasse 2 alarmiert, wo im Kellerraum Papierabfaelle und Stofflumpen brannten. Das Feuer, das vermutlich durch einen fortgeworfenen Zigarettenstummel entstand, konnte mit einer Kuebelspritze rasch geloescht werden.

Tagesnachrichten.

Keine Ereignisse von Belang. Die Hitzewelle dauert an.

Approvisation.

Lage unveraendert, ausreichende Einfuhr von Kartoffel, hingegen weiter unzureichende Zufuhr von Gemuese. Zur letzteren Misere kommmt hinzu, dass infolge der Hitze das Gemuese in den Getto-Gaerten von Raupen befallen ist, sodass vor allem das Kraut in Unmassen den gefraessigen Insekten zum Opfer faellt. Es muss vorzeitig abgenommen werden, dadurch fehlt es natuerlich auch an Weisskohlblaettern, mit denen sich ein Teil der Bevoelkerung notduerftig ernaehrt hat.

Waren-Eingang

vom 22. August 1943.

1./ Lebensmittel: 238.170 kg Kartoffeln, 7700 kg Rettich, 1450 kg Kohlrabi, 4240 kg Weisskohl, 13.695 Fl. Tomafein, 27.310 Btl. Bauernsuppe.

Ressortnachrichten.

Bettfedern- und Steppdecken-Ressort:

Das im Kulturhaus untergebrachte Ressort fuer Erzeugung von Steppdecken hat die Arbeit bereits aufgenommen. Wie bereits gemeldet, wurde zum Leiter dieser Abteilung der aus Prag stammende Arzt Dr. Glaser bestellt, der gleichzeitig auch die Funktion des Chefarztes uebernommen hat. Die Arbeiter dieses Ressorts erhalten dieselbe Brotration, welche sie seinerzeit in Dombrowa hatten. Das ist eine Zusatzration von 35 dkg taeglich.

Kleiner Getto-Spiegel.

Nachtlager auf Hoefen:1

In den unertraeglichen Hitzen dieser Tage befinden sich die Bewohner der engen Gettowohnungen in einer aeusserst verzweifelten Lage. Der Kampf gegen das Ungeziefer, vor allem gegen die Wanzen, ist, angesichts der Enge des Raumes und der unzulaenglichen Mittel, aussichtslos. In der Hitze vermehrt sich das Ungeziefer und jagt die von der schweren Arbeit des Tages erschoepften Menschen des Nachts aus den Wohnungen. Gegen 11 Uhr nachts kann man beobachten, wie die Menschen mit dem Bettzeug aus den Wohnungen fluechten, um sich in den Hoefen ein Nachtlager zurechtzumachen. In der Umgebung der Tischlereibetriebe lagern die Menschen zu hunderten auf den Bretterstoessen. Hier unter freiem Himmel atmen sie freier und koennen ein paar Stunden ungestoert schlafen. Doch ist das wieder eine Gefahr fuer viele Menschen, die infolge schlechter Ernaehrung fuer Erkaeltungen besonders anfaellig sind. Wer Eisenmoebel hat, ist noch einigermassen in der Lage, dieser Pest Herr zu werden, aber wer auf Holzbetten oder Pritschen schlaeft, lebt in der Hoelle.

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

10 Bauchtyphus, 7 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

7 Lungentuberkulose, 1 Tuberk. Gehirnhautentzuendung, 1 Herzkrankheit, 1 Gehirnblutung, 1 chron. Darmentzuendung.

1

„Nachtlager auf Hoefen“, hier möglicherweise eine Anspielung auf das „Nachtlager von Granada“. Noch im 20. Jahrhundert war das „Nachtlager von Granada“ eine weit verbreitete Redewendung. Sie geht zurück auf die damals sehr bekannte gleichnamige Oper von Conradin Kreutzer (1780-1849); deren Libretto stammt von Karl Johann Braun Ritter von Braunthal (1802-1866) nach dem Schauspiel „Das Nachtlager von Granada“ (1818) von Johann Friedrich Kind (1768-1843).