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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 24. April 1944

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Tageschronik Nr.: 
114

Das Wetter:

Tagesmittel 12-18 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

30,

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 1,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

77.435

Brand:

Am 23.4.44 wurde die Feuerwehr um 19,25 Uhr nach dem Hause Scheunenstrasse 8, alarmiert, wo aus dem Keller infolge Fehlens von Russreinigungstürchen starke Rauchschwaden entstiegen. Der Uebelstand wurde beseitigt.

Tagesnachrichten.

Anbauflächen:

Die Schlacht um einen qum tobt noch immer. Draussen in der Welt tobt der schreckliche Kampf um Riesenräume, hier zwischen den Drähten des Gettos kämpfen die Juden auch nur um Raumgewinn und so wie in grossen Schlachten Gott mit den stärkeren Bataillonen kämpft, so ist es auch im Getto. Erobern kann auch hier nur der Mann der starken „Pleizes“. Nichts hat sich gegenüber dem Vorjahre geändert, alle Mühe und alle neue Theorie wird erdrückt von der alten Praxis. Das Leben ist härter als der Wille der Leitung. Man sieht, dass das Rationenprinzip, der Gedanke der gleichen Ansprüche, bei gleichen Lebensbedingungen nicht immer praktikabel ist.

Approvisation.

Die Lage ist unverändert traurig, das Getto erhält nichts für seine Töpfe, nur 1 Rollwagen Kartoffeln, 2 Rollwagen rote Beete, beides zusammen ca 18.000 kg, das ist alles. Sonstige Lebensmittel im üblichen Rahmen. Dazu muss bemerkt werden: Wenn wir in unserem Bericht lakonisch sagen, Kolonialwaren im Rahmen des Kontingents, also nicht anführen, wenn einmal paar 1000 kg Lebensmittel dieser oder jener Sorte mehr oder weniger hereinkommen, so liegt das daran, dass es ja für die Ernährung des Gettos ziemlich belanglos ist, was von diesen Artikeln an diesem oder jenem Tage einläuft. Denn mehr als zur Deckung der laufenden Rationen kommt innerhalb einer gewissen Periode nicht herein und falls doch, so dient ein solcher Ueberschuss doch nur als Reserve, immer zur Deckung künftiger Rationen. Bei Kartoffeln und Gemüse ist es doch nicht so. Da kann man schon bei stärkeren Einfuhren hoffen, dass eine Ration von Kartoffeln oder Gemüse herauskommt und dass, wenn viel hereinkommt, auch mehr ausgegeben wird. Denn Kartoffeln kann man heute nicht mehr lagern und Frischgemüse kann sich nicht halten. Mit Sehnsucht wartet das Getto auf die ersten Frühjahrsgemüsen, die in der Stadt wohl etwas früher gefext1 werden als im Getto, wo der Anbau aus verschiedenen Gründen besonders verspätet einsetzt.

Talone:

Der Präses hat die Vorarbeiten zur Ausgabe neuer Talone abgeschlossen. Man kennt noch nicht genau Prinzip und Ausmass. Zunächst wurden die sogenannten fliegenden Talone, jetzt bewegliche Lebensmittelzuteilung genannt, erledigt. Die Betriebsleitungen /Abteilungsleitung/ erhielten folgendes Zirkular:

An die Leitung des Betriebes Nr. . . . . /Abteilung/ . . . . . . . . . . . . .

Betr.: Bewegliche Lebensmittelzuteilung.

Sie wollen davon Kenntnis nehmen, dass Ihrem Betrieb /Ihrer Abteilung/ ein Kontingent von beweglichen Lebensmittelzuteilungen für

. . . . . . . . . . . . Personen wöchentlich

zugestanden wurde.

Es ist meinem Büro – Hanseatenstrasse 25 – am Dienstag einer jeden Woche eine nach Alphabet geordnete namentliche Aufstellung mit Adressenangabe unter gleichzeitigem Vermerk, welche Funktion die in Frage kommenden

. . . . . . . . . . . . Arbeiter und Angestellte 2

ausüben, einzureichen.

In der Aufstellung sind nicht mit anzuführen:

  1. Personen, die von der Lang-, Schwer- und Nachtarbeiterzulage geniessen
  2. Personen, die seinerzeit B, BR3, BI, BII, CP-ständig4 hatten,
  3. Jugendliche und
  4. Heimarbeiter.

Die erste Aufstellung ist meinem Büro schnellmöglichst5 herzugeben. Bei Zusammenstellung der in Rede stehenden Liste ist besonders zu beachten, dass für die obenerwähnte Zuteilung jede Woche andere Personen berücksichtigt werden müssen. Für die Angestellten kommt der gleiche Prozentsatz wie für die Arbeiter in Frage.

Die Aufstellung ist in 4 Exemplaren anzufertigen, wovon eine bei Ihren Akten verbleibt, während eine zweite in Ihrem Betrieb /Ihrer Abteilung/ an deutlich sichtbarer Stelle auszuhängen ist. Die restlichen 2 Exemplare sind meinem Büro, wie oben angefordert, zu übermitteln.

Das Ihnen bewilligte Kontingent an beweglichen Lebensmittelzuteilungen gilt bis auf Widerruf.

Litzmannstadt-Getto,

den 24.4.1944.

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt.6

Zuteilung von Roten Rüben:

Ab Dienstag, den 25. April 1944, werden an alle auf Coupon Nr. 56 der Gemüsekarte

500 Gramm Rote Rüben pro Kopf für den Betrag von Mk. 0.50 herausgegeben.

Litzmannstadt, den 24.4.1944.

Zuteilung von Tabak:

Die Tabakabteilung beginnt mit einer neuen Zuteilung, nach Einstellung des Freiverkaufs von Tabakwaren. Alle Abteilungen und Ressorts erhielten die folgende Zuschrift:

Rundschreiben

an alle Werkstätten und Abteilungen.

Betr.: Zuteilung von Tabak.

Der Freiverkauf von Tabakwaren /Zigaretten/ wird eingestellt. Mit Stichtag vom 25.4.44 wollen Sie der Tabakabteilung den Stand Ihrer männlichen Belegschaft über 18 Jahre /ohne Namensangabe – nur ziffernmässig/ mitteilen, wobei darauf zu achten ist, dass die Zahl der rauchenden männlichen Belegschaft über 18 Jahre

40% der allgemeinen männlichen Belegschaft

nicht übersteigen darf.

Es wäre ratsam, einige Vertrauensleute Ihres Betriebes /Ihrer Abteilung/ zur Feststellung der tatsächlichen Raucher im Rahmen des obenangeführten Prozentsatzes hinzuzuziehen.

Litzmannstadt-G., den 24.4.1944.

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt.7

Voraussichtlich wird jetzt nur Tabak ausgegeben werden u.zw. 2 Päckchen zu je 20 g monatlich, zum Preise von nicht weniger als 15 Mk pro Päckchen. Der Preis war bis jetzt 2 Mk pro Päckchen, also wieder eine tiefgreifende fiskalische Massnahme.

Ressortnachrichten.

Handstrickerei:

Dieses Ressort leidet noch immer unter Rohstoffmangel, die Heimarbeiterinnen sind ohne Arbeit.

Militärstickerei, Mühlgasse 7:

In diesem Betrieb wurde eine ganze Abteilung jugendlicher Arbeiterinnen aufgelöst, sodass sich der Betrieb im ganzen um 30% verringert. Die ausscheidenden jugendlichen Arbeiterinnen werden zu physischen Arbeiten bzw. der Schwachstrom-Abteilung, Bleicherweg 7, zugeteilt.

Die Elektrotechnische-Abteilung

führt eine elektrische Lichtleitung von der Bazargasse bis zur Schlossergasse im eigenen Wirkungskreise durch.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

13 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

6 Lungentuberkulose, 2 Tuberkulose anderer Organe, 2 Lungenkrankheiten, 7 Herzkrankheiten, 1 Gehirnhautentzündung, 1 Chronische Nierenentzündung, 1 Lebensschwäche, Frühgeburt.

1

gefext, zu fechsen ‚ernten‘; aus mhd. vehsenen; österr.

2

So in HK, LK*, JFK* und im Rundschreiben.

3

„BR“ bezeichnet vermutlich den Talon „R“, der auch „Beiratstalon“ genannt wurde. Vgl. Rubin 1988, S. 411.

4

„CP“-Talons (CP für poln. ciężko pracujący ‚schwer Arbeitende‘) gab es, wie in dem Eintrag hervorgehoben, als ständigen Talon, aber auch – unter der Bezeichnung „CP 1“ – als einmaligen Talon. Vgl. Rubin 1988, S. 411.

5

So in HK, LK*, JFK* und im Rundschreiben.

6

Der Wortlaut des Rundschreibens wird vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/170, Bl. 46: Rumkowski, Rundschreiben an die Leitung des Betriebes Nr. ... /der Abteilung/, Betr.: Bewegliche Lebensmittelzuteilung, 24.4.1944.

7

Der Wortlaut des Rundschreibens wird vollständig wiedergegeben. „Betr.“ und „Tabakwaren“ werden durch Unterstreichung bzw. Sperrung hervorgehoben. Vgl. APŁ, 278/170, Bl. 45: Rumkowski, Rundschreiben an alle Werkstätten und Abteilungen. / Betr.: Zuteilung von Tabak, 24.4.1944.