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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 24. Januar 1944

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Tageschronik Nr.: 
24

Das Wetter:

Tagesmittel 5-8 Grad, warm, sonnig.

Sterbefälle:

16

Geburten:

3 /2 weibl., 1 männl./

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

82.957

Tagesnachrichten.

Der Präses ist wieder mobil und amtiert ohne Unterbrechung auf dem Baluter-Ring. Er liess sich über den Verlauf des ersten Verhandlungstages im Garfinkel-Prozess berichten.

Der Fall Garfinkel:

Während die erste Verhandlung um Mitternacht geschlossen wurde, dürfte der heutige zweite Verhandlungstag, infolge der zahlreichen Zeugen, bis in die Morgenstunden dauern. Die Verhandlung begann um 5 Uhr Nachmittag, da man an den Werktagen die Zeugen nur nach Schichtschluss laden konnte.

Die Anmeldung der Musikinstrumente

dauert an. Die Aktion führt Kapellmeister Bajgelman durch. Sobald eine Uebersicht über die im Getto angemeldeten Instrumente vorliegen wird, werden wir darüber berichten.1

Approvisation.

Die minimale Einfuhr von Gemüse /heute kamen 18.450 kg Rettich/ lässt keine Hoffnung auf Besserung der Lage zu, umsomehr da ausser 3.986 kg Quark keine anderen Lebensmittel hereinkamen.

Ressortnachrichten.

Juwelier-Betrieb:

Die Entscheidung wurde bereits getroffen. Der Juwelier-Betrieb bleibt am Bleicherweg und lediglich die Einkaufsstelle für Wertgegenstände und Pelze scheidet aus.

Metall II:

Der Leiter im Metallbetrieb II, Ing. Alter Szatan, wurde plötzlich über Befehl des Amtsleiters Biebow abgesetzt und als Arbeiter dem Metall I zugeteilt. Ing. Szatan soll sich gelegentlich eines Besuches Herren der Getto-Verwaltung gegenüber im Betriebe geäussert haben, dass der Präses ihn zu Unrecht schikaniere. Der Fall wurde untersucht und endete mit der obenerwähnten Disziplinierung.

Man hört, man spricht ...

... dass eine Frau Aurbach als Austausch-Internierte nach Palästina reisen soll.

Wir haben schon seinerzeit einen ähnlichen Fall vermerkt, der jedoch nicht durchgeführt wurde. Wir kommen noch auf diese Angelegenheit zurück, sobald wir Näheres erfahren.2

1

Ein ausführlicher Bericht über die Begutachtung der abgegebenen Instrumente folgt in der Tageschronik vom 8. März 1944 (Eintrag „Ablieferung der Musikinstrumente“). Zur Instrumenten-Aufstellung vgl. die dortige Anmerkung.

2

Die Chronisten beziehen sich in dem Eintrag auf den Fall Stefania Davidovicz, über den die Tageschronik vom 22. Juli 1943 (Rubrik „Man hoert, man spricht“) berichtet. Bereits am nächsten Tag, dem 25. Januar 1944 (Eintrag „Frau Aurbach abgereist“), wird das Thema wieder aufgegriffen.