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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 24. Juli 1944

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Tageschronik Nr.: 
205

Das Wetter:

Tagesmittel 20-31 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

36,

Geburten:

3 m.

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

69,343

Tagesnachrichten.

Der Präses besuchte verschiedene Betriebe, darunter den Holzbetrieb Winograd und den Schuhmacherbetrieb Iżbicki, wo er an die Leute kurze Ansprachen hielt: Man muss, so führt er aus, in erster Linie äusserste Ruhe bewahren. Man darf nicht politisieren, sondern sich nur auf die Arbeit konzentrieren. Es ist von ungeheurer Wichtigkeit, auch in der äusseren Haltung beherrscht zu bleiben. Es ist weiters daran zu denken, dass in solchen Zeiten Unterbrechungen der Lebensmittelzufuhren möglich sind und man muss daher jeden Kohlkopf küssen, den wir jetzt hereinbekommen. Behandelt das Kraut sorgfältig und sparsam. Die Gettogärten muss man in bester Ordnung halten, denn auch das ist eine wichtige Reserve für die Gettoernährung. – In diesen, vielleicht entscheidenden Stunden der Geschichte im Allgemeinen und des Gettos im Besonderen, versucht der Präses, durch eine würdige und besonnene Haltung die Bevölkerung zu führen. Hoffentlich gelingt es, das Schifflein des Gettos, das schon so oft leck geworden, durch die Klippen der nächsten Ereignisse zu führen.

Der Präses hat in den letzten 48 Stunden eine grössere Anzahl von Fleischzuteilungen bewilligt. Ausserdem individuelle Talons, ferner Talons an eine Reihe von Leitern.

Militärische Kommission im Getto:

Eine kleine militärische Kommission besichtigte die Kirche am Kirchplatz und im Besonderen die Türme der Kirche, um diese auf Eignung als Beobachtungspunkte bzw. als Standort für kleine Abwehrgeschütze zu prüfen. Allem Anscheine nach eignen sich die Türme für den letzteren Zweck nicht.

Kommandant Rosenblatt wurde von der Kripo beauftragt, 200 O.D.-Männer zur Verfügung zu stellen. Die Mannschaft soll morgen um 6 Uhr morgens am Friedhofsrand Marysin gestellt sein und wird, wie man ihm versicherte, um 8 Uhr morgens wieder zu seiner Verfügung stehen. Der Zweck dieser Bereitschaft ist unbekannt.

Die Getto-Kripo

beabsichtigt, die O.D.-Mannschaft von 6 auf 2 zu vermindern.

Das Zentralbüro des Arbeitsressorts

ist bereits auf Hanseatenstr. 25 eingerichtet. 5 Räume, die ehemals die FUKA und dann die Abteilung für Lang-Zuteilungen benützt hatte,1 wurden für diesen Zweck in Anspruch genommen. Am Baluter Ring verbleiben nur A. Jakubowicz und Frl. Walfisz. Das gesamte übrige Personal amtiert bereits in den neuen Räumen. Auch das Personal der Warenannahmestelle wurde auf ein Minimum beschränkt, so dass nur noch sehr wenige Juden den Baluter-Ring betreten.

Approvisation.

Keine wesentliche Aenderung. Es rollt ohne Unterbrechung Kraut, Möhren und Kohlrabi ein,2 sodass bereits für die nächsten Stunden eine weitere Krautration erwartet wird.

Kartoffelration:

Ab heute wird in den Kolonialverteilungsstellen an die Bevölkerung

  • 1 kg Frühkartoffeln pro Kopf ausgegeben.

Ueber diese Zuteilung herrscht begreiflicherweise grosse Freude.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 33 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

21 Lungentuberkulose, 1 Lungeninfiltration, 10 Herzkrankheiten, 1 Darmentzündung, 1 Schrumpfniere, 1 Gehirnquetschung /Unfall/, 1 Totgeburt.

1

So in HK, LK*, NYK*, JK*, JFK*.

2

So in HK, LK*, NYK*, JFK*. In JK* fehlt der Eintrag.