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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 26. Juni 1944

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Tageschronik Nr.: 
177

Das Wetter:

Tagesmittel 19-30 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

32,

Geburten:

2 m.

Festnahmen:

Diebstahl: 1,

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

76,332

Tagesnachrichten.

Zur Arbeit ausserhalb des Gettos:

Heute ist der II. Transport mit 912 Personen abgefahren /Arzt: Dr. Adolf Wittenberg, Berlin/. Die Verladung erfolgte in der gleichen Zugsgarnitur, unter denselben Umständen wie das erste Mal. Auch diesmal sprach Gestapo-Kommissar Fuchs einige Worte an die Leute. Mit diesem Transport ging eine grössere Anzahl von jüngeren, darunter mehreren freiwilligen, Personen, die das Getto guten Mutes verliessen. Dagegen waren aber auch recht viele schwache und kränkliche Personen dabei. Es heisst, dass mit dem nächsten Transport, der Mittwoch, den 28., gehen soll, eine geringere Zahl ausreisen soll.1

Listen ausgehängt:

Gemäss den Weisungen des Zwischen-Ressort-Komitees, das bereits auf vollen Touren arbeitet, wurden in allen Ressorts die Listen ausgehängt. Eine Flut von Interventionen und Gesuchen ergiesst sich über das Zwischen-Ressort-Komitee.

Wer nur eine kleine Rolle im Getto spielt, wird von protektionssuchenden Menschen belagert. In den Korridoren der Ressorts stauen sich die2 Schlangen von Arbeitern, die ihre Reklamationen beim Leiter abgeben wollen. Soviel Namen in den Listen, soviel Gesuche, Aehnliches spielt sich bei den Aerzten ab. Die privaten Ordinationsstunden der Aerzte sind ausgefüllt mit Kranken, die noch kränker sein wollen, und mit Gesunden, die um jeden Preis krank sein wollen. Dass diese Aerzte jetzt Unsummen einheimsen, bemerken wir nur am Rande.

Hinter den Kulissen spielt sich ein Kuhhandel mit Menschen zwischen den Leitern der Ressorts ab. Bevor noch das Zwischen-Ressort-Komitee das Clearingverfahren durchführt, treffen die Ressortleiter ihre Abmachungen: streichst Du meinen Juden, streich ich Deinen Juden, gibst Du meinen Juden auf, geb ich Deinen Juden auf. Persönliche Intrigen und Abrechnungen werden jetzt abgeschlossen.

Rätselhaft, dass die Ressorts überhaupt noch arbeiten. In den Strassen wimmelt es von Menschen, die nach Protektion rennen.

Das Zwischen-Ressort-Komitee hat heute neue Weisungen an die Ressorts bzw. Abteilungen herausgegeben. Sie laufen hauptsächlich auf Regelung des Kontingents hinaus.

Man handelt mit sich selbst:

Auch diesmal handeln die Menschen mit sich selbst, d.h. Leute, die entweder nichts mehr zu verlieren haben oder leichtsinnig oder verzweifelt sind oder glauben, aus der allgemeinen Lage weise Schlüsse ziehen zu3 müssen, melden sich freiwillig als Ersatzmann. Sie verkaufen sich. Der Preis ist diesmal ziemlich einheitlich: ein Mensch kostet: 3 Laib Brot, 1/2 kg Margarine, 1 kg Zucker. Dazu kommen noch eventuell Schuhe und sonstige Kleidungsstücke.

Approvisation.

Noch immer keine Besserung. Alles in allem kam heute 3510 kg Mairettich und ca 6000 kg Sauerkraut. An Fleisch kamen 980 kg Pferdefleisch.

Kleiner Getto-Spiegel.

Die letzte Etappe:

Nach vier Gettojahren hat sich erwiesen, dass Sentiments-Vorurteile, Traditionsgebundenheiten nur Fesseln sind für denjenigen, der den Krieg überleben, der erlöst werden will. Alle Fäden zerreissen, das altgewohnte Heim ohne Träne aufgeben, den mühsam erworbenen Hausrat zurücklassen – das ist die Parole aller Gettobewohner, die eine „Ausreise-Aufforderung“ bekommen haben.

Geld, Schmuck, Pelze, Nähmaschinen, Grammophone, Musikinstrumente, Briefmarken, Sportschuhe, Fahrräder, Plätteisen, elektrische Kochapparate, Teppiche, Kristallglas wurden bereits requiriert. Jetzt heisst es, das Letzte hergeben.

Auf dem Hof des Hauses Kirchplatz 4, vor den Magazinen der Zentraleinkaufstelle, liegen, in Ballen gepackt, Polster und Decken, buntes Bettzeug. Kübel, Geschirr, Wäsche staut sich rings um den Tisch der Beamten, welche die Aufgabe haben, diesen Hausrat abzuschätzen und zu honorieren. Diejenigen, welche zur Ausreise bereit sind, bringen ihre Habseligkeiten zur Einkaufstelle, um sich für den Erlös etwas Nahrung auf den Weg anzuschaffen: ein paar Deka Zucker oder Brot oder irgendein „Kolonial“. Auf Grund der Schätzung erhalten sie einen Bon auf Gettomark und auf Reichsmark. Die Gettomark werden ihnen in der Hauptkassa, die Reichsmark im Zentralgefängnis eingehändigt.

So nimmt man Abschied vom letzten Stück des beweglichen Vermögens. Keine Träne fällt, kein böses Wort. Fatalismus hat die Betroffenen ergriffen. Sie denken: die letzte Etappe. Jetzt kann uns nichts mehr weggenommen werden. Wir sind so arm, wie Gott uns geschaffen hat. Das Kleid am Leib und ein paar Dinge für die letzte Notdurft – das genügt bis dahin. Dahin, das ist der Augenblick, wo das Schicksal über Leben und Tod entscheidet.

Sanitätswesen.

Die4 heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 25 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

15 Lungentuberkulose, 1 Darmtuberkulose, 4 Lungenkrankheiten, 8 Herzkrankheiten, 1 Darmentzündung, 1 Nierenentzündung, 1 Gehirnblutung, 1 Krebs.

1

Ein unbekannter Autor notiert am selben Tag in sein Tagebuch: „Wehe der Welt, in der kleine Kinder wie meine zwölfjährige Schwester über Leben und Tod nachdenken sollen! Ich schreibe diese Zeilen in einer besonders schrecklichen Gemütsverfassung. Fünfundzwanzigtausend aus dem armen Überbleibsel des litzmannstädtischen Gettos stehen vor der Vertreibung. Täglich verlassen 500 das Getto. Glücklich wären wir, hätten wir gewußt, daß unsere Brüder zur Arbeit und zur Sklaverei hingeführt werden ..., wenn man von den Deutschen glauben könnte, daß sie – trotz des Versprechens, sie werden zur Arbeit hingeschickt – ihnen nicht das gleiche antun werden, was sie schon Millionen unserer Brüder angetan haben. Man sagt, daß die Eisenbahnwaggons nach 11 Stunden Fahrt zurückkamen“ (Loewy/Bodek 1997, S. 51).

2

HK, LK**, JFK**: Nachfolgend gestrichen „Arbeiter“.

3

HK, LK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „können“.

4

HK, LK**, JFK**: Nachfolgend gestrichen „uns“.