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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 27. Dezember 1943

Tageschronik Nr.: 
345
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Das Wetter:

Tagestemperatur 2 Grad, es schneit.

Sterbefälle:

5,

Geburten:

1 /männlich/

Festnahmen:

Verschiedenes 1,

Diebstahl 2

Bevölkerungsstand:

83.151

Tagesnachrichten.

Heute fand unter dem Vorsitz des Aeltesten der Juden in den Abendstunden eine Sitzung im FUKR statt, bei der auch Aron Jakubowicz anwesend war. Das Thema der Sitzung war die Anpassung der sanitären Verhältnisse an die neue Lage, die durch die teilweise Inanspruchnahme des Spitals an der Matrosenstrasse durch die deutsche Behörde geschaffen war. Es wurde beschlossen, eine neue Badeanstalt einzurichten. Das Objekt hiefür ist noch nicht bestimmt. Es ist ein Gebäude in der Gegend der Holzressorts in Aussicht genommen.

Ferner wurde die Lage in den Waschanstalten besprochen. Den Leitern wurde zur Pflicht gemacht, besser und schneller zu arbeiten und vor allem auch verlässlich in Bezug auf Vermeidung von Verwechslungen. In dieser Beziehung wird über die Gettoanstalten sehr geklagt.

Die für den 28. Dezember angesagte Rede des Präses wurde abgesagt.

Zum zweijährigen Hochzeitstage erhielt der Präses eine grosse Anzahl von Glückwünschen aus allen Kreisen der Bevölkerung.1

Approvisation.

Heute kamen ins Getto: 50,650 kg Kartoffeln, 10,590 kg Rettich und 5,460 kg Möhren.

Ressortnachrichten.

Vorfall in der Handstrickerei, Fischgasse 21:

Die Leitung dieses Ressorts wurde von einigen Instruktorinnen davon in Kenntnis gesetzt, dass eine Anzahl Arbeiterinnen statt der Produktion Privatarbeiten ausführten2 . Die Leitung ging sofort mit der Untersuchung vor und überzeugte sich, dass tatsächlich privat gearbeitet wurde. Bis zur völligen Aufklärung dieser Angelegenheit haben3 die Leiter Wiśniewski und Borowski die Ausfolgung der Zusatzsuppen für 5 Arbeiterinnen auf zwei Wochen eingestellt. Daraufhin hat die ganze Gruppe die Annahme der Ressort-Suppen4 verweigert.

Da eine Intervention des Arbeitsamtes den Vorfall nicht beilegen konnte, verständigte sich die Leitung mit dem Baluter-Ring. Der Präses ordnete telefonisch an, dass die betreffende Gruppe sofort festzunehmen und ins Zentralgefängnis abzuführen.5 Mit einem entsprechenden Aufgebot des O.D. wurde diese Massnahme durchgeführt und etwa 70 Personen festgenommen.6 Der Präses hat wahrscheinlich missverständlich angenommen, dass es sich um eine Arbeitsverweigerung handelt. Obwohl dies nicht der Fall war, nahm die Leitung des Ressorts die Anordnung des Präses zur Kenntnis und liess die ganze Gruppe ins Zentralgefängnis überführen, von wo sie erst um ein Uhr nachts entlassen wurde. Ein Verfahren ist im Gange. Ein Teil der inhaftierten Personen wurde der Untersuchungsabteilung überstellt, der andere Teil, der nicht unmittelbar beschuldigt wurde, ist strafweise zu den Arbeiten bei den Winterbaukisten nach Marysin dirigiert worden. Ein ganz kleiner Teil der Arbeiterinnen, denen keine Beteiligung an der Aktion nachgewiesen werden konnte, hatten7 ihre Arbeit im Ressort wieder aufnehmen können.

Finanzwesen.

Einführung von Hartgeld:

Heute erschien nachstehende Bekanntmachung des Präses:

Bekanntmachung Nr. 405

Betr.: Einführung von Hartgeld /Zehn Mark Quittungen/.

Die Gettobevölkerung wird hierdurch darauf hingewiesen, dass mit dem heutigen Tage, also ab 27.12.1943,
Hartgeld im Werte von Zehn-Mark-Quittungen
in Umlauf gesetzt wird.

Neben diesem Hartgeld /10 Mark-Quittungen/ behalten die 10-Mark-Quittungen in Papier auch weiterhin ihre Gültigkeit.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

5 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

2 Lungentuberkulose, 3 Herzkrankheiten.

1

Zur Hochzeit des Judenältesten mit der damals 33-jährigen Regina Weinberger vgl. den Eintrag ‚Die Hochzeit des Präses‘ in der Tageschronik vom 26. bis 28. Dezember 1941 sowie den undatierten Einzelbericht ‚Worüber das Getto im Dezember sprach‘ vom Dezember 1941.

2

So in HK, JFK**; LK: „ausführen“.

3

HK, JFK**: Nachfolgend gestrichen „daraufhin“.

4

LK: „Ressort-Suppe“.

5

So in HK, JFK**; LK.

6

So in HK, JFK**; LK.

7

HK: Ursprünglich „haben“; von Hand korrigiert. JFK**; LK: „haben“.

8

Unter Aussparung der abschließenden Orts-/Datumsangabe „ Litzmannstadt-Getto, den 27. Dezember 1943“ sowie des Titels „Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt“ wird der Wortlaut der Bekanntmachung Nr. 405 vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/169, Bl. 235: Rumkowski, Bekanntmachung Nr. 405, 27.12.1943.