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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 27. März 1944

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Tageschronik Nr.: 
87

Das Wetter:

2 Grad, zeitweise Schneegestöber.

Sterbefälle:

30

Geburten:1

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: -

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

77.746

Tagesnachrichten.

Neben der O.D.-Wache am Baluter-Ring wurde eine Wachstube für den O.D. der Getto-Strassenbahn eingerichtet. Es befinden sich demnach jetzt nebeneinander folgende Dienststuben: 1./ Transport-Abteilung /Schaffner und Wagenführer/, 2./ O.D. der Strassenbahn, 3./ Wachstube der Sonder-Abteilung am Baluter-Ring, 4./ Wachstube des O.D. am Baluter-Ring.

Der Präses hat in seiner Eigenschaft als Patron des Arbeitsamtes Musterungen in verschiedenen Abteilungen vorgenommen und disponierte zunächst 53 kräftige Männer aus der Gemüse-Abteilung nach Radegast, um die von dort rückdirigierten schwachen Arbeitskräfte zu ersetzen. Radegast hat demnach jetzt eine Belegschaft von etwa 250 Mann neue Kräfte, was den2 Bedarf dieser Baustelle zunächst vollkommen entspricht. Freilich muss der Präses daran denken, dass, nach Fertigstellung der Baulichkeiten, wenn die Produktion der Platten beginnen sollte, sofort ein ziemlich bedeutendes Aufgebot an Arbeitskräften notwendig sein wird und man kann sich darauf verlassen, dass er alles tun wird und die Produktion im Rahmen der Wünsche des Amtsleiters sicher stellen wird.

Der Umstand, dass die Schneider-Abteilungen in den letzten Tagen beträchtliche Aufträge für die Wehrmacht hereinbekommen haben, erleichtert dem Präses wesentlich die Umschichtung, indem vor allem die nach Radegast dirigierten Frauen für die Produktion in den Schneidereien zur Verfügung gestellt wurden. So sind alle Teile zufrieden. Der Leiter in Radegast Ing. Olszer hat nun das Menschenmaterial, das er wirklich verwenden kann, die Schneidereien bekommen anschulbare3 weibliche Arbeitskräfte und diese Frauen sind zufrieden, dass sie nicht bei so schlechtem Wetter im Freien arbeiten müssen, abgesehen von dem überaus anstrengenden Weg nach und von der Arbeitsstelle. Weniger begeistert natürlich sind die Leute, die der Präses vom Gemüseplatz nach Radegast geschickt hat, da man dort nur Sand, Ziegel und Bretter vor sich hat, die nicht mehr auf Kosten der Gesamtheit des Gettos aufgefressen werden können. Der Präses schreckte auch nicht davor zurück, ein paar von den Unterleitern der Gemüseplätze zur physischen Arbeit nach Radegast zu schicken.

Approvisation.

Obwohl der Termin für die Winterbevorratung längst abgelaufen ist, kommt noch immer kein Gemüse herein, von Kartoffeln nicht zu reden.

Am heutigen Tage kamen weder Kartoffeln noch Gemüse herein. Abgesehen von etwas Kartoffelwalzmehl, Roggenmehl und Kümmel kamen 5000 Dosen Fleischkonserven ins Getto.

Die Serie der Hungerwochen reisst nicht ab, das Getto hungert wie noch nie.

Schwarzhandelspreise:

Brot 1100-1300 Mk, Mehl 850-900 Mk das kg, Zucker 900 Mk das kg, Grütze 850 Mk das kg, Fleischkonserve „R“ 700 Mk die Dose, eine Ressortsuppe heute 40-45 Mk.

Ressortnachrichten.

Der Holzbetrieb II

steht noch immer still mit Rücksicht auf die gründliche Reorganisation. Der Einbau von Maschinen aus den Holzbetrieben der Stadt und die Zufuhr von bedeutenden Materialmengen dauert an.

Hingegen haben die Schneidereien

Hochbetrieb.

Die Leder- und Sattler-Abteilung

arbeitet unverändert weiter an Spatenlaschen und Pferdegeschirren.

Die Metall-Abteilung

bekommt noch immer Maschinen, meistens neue Automaten-Drehbänke und ähnliche Einrichtungen für die Erzeugung von Munitionsbestandteilen.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 5 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

12 Lungentuberkulose, 2 Tuberkulose anderer Organe, 5 Lungenkrankheiten, 6 Herzkrankheiten, 1 Hirnhautentzündung, 1 Brustvereiterung, 1 Gebärmutterkrebs, 1 angeborene Lebensschwäche, 1 Polyserositis.

1

HK, JK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „/1 m. 1 w./“ (Lesung unsicher).

2

So in HK, JK*, JFK*.

3

anschulbar, zu anschulen in der Bedeutung ‚anlernen‘; regional.