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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Montag, den 27. September 1943

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Tageschronik Nr.: 
254

Das Wetter:

Tagesmittel 13-15 Grad, bewoelkt; heftiger Regen.

Sterbefaelle:

3

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Bevoelkerungsstand:

83.720

Tagesnachrichten.

Der Praeses besuchte verschiedene Ressorts, u.A. auch den Holzbetrieb I, Zimmerstrasse 12. In seiner Begleitung befand sich A. Jakubowicz. In diesem Betrieb gab es eine kleine Meinungsverschiedenheit zwischen Betriebsleitung und Arbeiterschaft. Ein Arbeiter hatte etwas Holz gestohlen, worauf der Leiter Terkeltaub die gesamte Arbeiterschaft mit dem Entzug der Zusatzsuppe fuer einen Tag bestrafte. Diese kollektive Bestrafung beantwortete die Belegschaft mit der Weigerung, auch die normale Suppe abzunehmen. Alle Drohungen des Leiters konnten die Arbeiter nicht zum Nachgeben veranlassen. Schliesslich verstaendigte Terkeltaub den Baluter-Ring. Aus diesem Grunde erschien der Praeses mit Jakubowicz in diesem Betriebe und wurde die Angelegenheit selbstverstaendlich sofort bereinigt. Die kollektive Bestrafung der Arbeiterschaft durch den Leiter Terkeltaub gruendet sich auf die Erfahrungen mit Materialdiebstaehlen. Er hatte die Arbeiterschaft, wie wir bereits berichtet haben,1 davor gewarnt unter Hinweis auf den Beckerman. Ob die von ihm getroffenen Massnahmen ins Schwarze getroffen haben, bleibt offen. Die ohnehin, besonders in der letzten Zeit, nervoese Arbeiterschaft glaubte diese Massnahme nicht ruhig hinnehmen zu duerfen.2 Bei Gelegenheit seines Besuches verteilte der Praeses an einige Schwarzarbeiter Kraeftigungsmahlzeiten. Die Bitten von Meistern und Instruktoren um Kolacje lehnte der Praeses mit der Begruendung ab, dass sie ohnehin im Genusse der verschiedenen B-Zuteilungen sind.

Approvisation.

Noch immer keine Besserung der allgemeinen Lage. Die Kartoffelzufuhr ist noch immer katastrophal. Am 22. kamen 15.000 kg, am 23. 20.000 kg und am 24. 15.000 kg herein. Dieses geringe Quantum ermoeglicht nicht die komplette Ausgabe der 3 kg Ration. Wie wir berichtet haben, begann die Ausgabe statt am Montag bereits am Sonntag und musste aber schon heute wieder eingestellt werden. Die endlosen Reihen loesten sich mit leeren Saecken und Rucksaecken auf, nachdem sie stundenlang im stroemenden Regen gestanden sind. Es ist noch fraglich, ob morgen Dienstag eine Ausgabe erfolgen wird, da auch die heutige Zufuhr unbefriedigend ist. In den genannten 3 Tagen kamen ebenfalls nur geringe Gemuesequantitaeten herein, dabei vorwiegend Petersilie und Sellerie, also Gemuese, das nahezu wertlos ist. Fleisch kam am 23. ueberhaupt nicht herein, waehrend am 22. und 24. insgesamt 4.900 kg herein kamen. Alle uebrige Einfuhr ist normal.

Gestern erhielt die Fleischzentrale u.A. auch sogenannte „Kaszanka“, das ist eine polnische Landwurst, die aus Leber3 und Gruetze hergestellt wird. Diese Wurst kam in Faessern zusammen mit gesalzenem Fleisch.

Ressortnachrichten.

Annulierung eines Auftrags:

Die Kleinmoebel-Fabrik, Holzbetrieb IV, erhielt Kleinwaren /Kinderspielzeug, Kindermoebel und Raeder fuer kleine Handwagerl/, die fuer Rechnung von Firmen in Leipzig, Dresden und Halle geliefert wurden, zurueck. Die Restanten dieses Auftrages wurden annuliert. Gruende hiefuer sind unbekannt.

Munitions-Herstellung:

Die fuer anfangs Oktober vorgesehene Aufnahme der Munitionsproduktion wurde neuerdings verschoben und es verlautet, dass mit dieser Produktion erst in etwa 3 Monaten begonnen werden kann.

Vermessung der Produktionsraeume:

In der Zeit vom 24. und 25. ds. wurden ueber Auftrag der Getto-Verwaltung saemtliche Betriebstaetten des Gettos vermessen. Der Zweck dieser Massnahme ist unbekannt.

Fuersorgewesen.

Gestern verteilte der Praeses aus eigenen Bestaenden an einige Personen und gesellschaftliche Gruppen etwas Gemuese anlaesslich Rosch haschana. Es verlautet, dass er aus diesem Anlasse auch an einige engere Mitarbeiter und verdiente Personen Sonderzuteilungen ausgeben wird.

Justizwesen.

Gerichtssaal:

Strafverhandlung vom 17. September 1943. Dr. Dittersdorf, Prok.: Liske. Kausen: 4, Delikte: Diebstahl 2, Amtsmissbrauch 1, Verletzung des Eigentums an Feld- und Gartenfruechten 1.

Ergebnis: Urteile: 3, Vertagt: 1. Urteile: 2 resp. 1 Monat Gefaengnis /2 Angeklagte/ fuer Diebstahl aus Küche, 10 Tage Haft mit Bewaehrungsfrist fuer Feldfrevel, 1 Freispruch /Diebstahlsbeschuldigung/.

Strafverhandlung vom 19. September 1943. Motyl, Dittersdorf, Wojdisławski, Prok.: Nussbrecher.

Am heutigen Tage hatte die Sache der letzten 2 Angeklagten – Glatter und Rosenwald – aus dem grossen Prozess der Bande der Kartoffeldiebe verhandelt werden sollen, die auf allen Gemueseplaetzen systematische Diebstaehle veruebt hat und deren uebrige Mitglieder zu Gefaengnisstrafen bis zu 8 Monaten verurteilt worden waren. Es zeigt sich, dass beide Angeklagte lungenkrank sind und deren Zustand ein solcher ist, dass sie kaum das Ende ihres Prozesses erleben duerften. Die Verhandlung wurde auf unbestimmte Zeit mit der Bestimmung vertagt, den neuen Termin erst dann anzuberaumen, bis der Gesundheitszustand deren Erscheinen vor Gericht erlauben wird.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

6 Bauchtyphus, 9 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

2 Typhus, 1 Lungenentzuendung.

1

Vgl. den Eintrag „Von der Tischlerei, Zimmerstrasse“ in der Tageschronik vom 14. September 1943.

2

Die Bereitschaft zum Streik nahm im Laufe der Zeit zu. Vor allem im „Leder- und Sattler-Ressort“ sowie im „Metall-Ressort II“ wurden solche Aktionen organisiert, in der Hauptsache von jugendlichen Aktivisten. Oft begannen die Suppenstreiks auch spontan, ohne einheitliche Leitung. Zu den Streiks im Jahr 1943 vgl. zahlreiche Einträge in den Tageschroniken, etwa vom 29. Juli 1943, 7. September 1943, 10. September 1943, 13. September 1943, 17. Oktober 1943. Auch in zahlreichen Erinnerungen, vor allem von ehemaligen Mitgliedern der Jugendorganisationen, wird von Streikaktionen unterschiedlicher Art berichtet. Vgl. etwa Wolf Fabiszewski (AŻIH, 301/457, Bl. 2-4); Zofia Kolczycka (AŻIH, 301/3078), Aleksander Klugman (AŻIH, 301/2805, Bl. 1-3); Józef Major (AŻIH, 301/532, Bl. 1f.); Józef Śmietana (AŻIH, 301/3807, Bl. 20f.); AŻIH, 301/5386, Bl. 2-4; Chaim Werebejczyk (AŻIH, 301/1312, Bl. 1-4); Miriam Werebejczyk (YVA, RG O-3/2060, Bl. 4); weiter Chęciński 1954, S. 90-92; Poznański 2002, S. 160f.

3

So in HK, JFK*; am linken Seitenrand von Hand ein Fragezeichen hinzugefügt. LK**: „Blut“.