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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 28. Februar 1944

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Tageschronik Nr.: 
59

Das Wetter:

Tagesmittel 1-2 Grad unter 0, Frost.

Sterbefälle:

18

Geburten:

5 /3 weibl., 2 männl./

Festnahmen:

Diebstahl: 3

Bevölkerungsstand:

79.644 /79.656/

Tagesnachrichten.

1600 Arbeiter:

Auch heute noch keine Aenderung der Lage. Von einem Termin der Aussendung ist noch keine Rede. Die Menschen sind wie Heringe in den beschränkten Unterkünften des Zentral-Gefängnisses zusammengepfercht und obwohl die Verpflegung gut ist, leiden die Leute sehr unter den nahezu unerträglichen Lebensbedingungen. Noch immer halten sich Leute versteckt und die Familien opfern sich für ihre Schützlinge auf. Die Folgen dieser Verhältnisse werden sich erst im nächsten Monat zeigen. Schon jetzt spielen sich Tragödien ab, deren Einzelheiten man erst später erfassen wird.

Kommission im Getto:

Eine behördliche Kommission unter Führung des Oberbürgermeisters Dr. Bradfisch und Amtsleiter1 Biebow, bestehend aus höheren SS-Offizieren besichtigten die wichtigsten Ressorts.

In der Metall-Abteilung I kam die Kommission gerade zum Prägen des Gettohartgeldes und wie immer nahmen die Herren einige Münzen zur Erinnerung mit. Wie man von den Leitern der besuchten Ressorts erfährt, war die Kommission sehr gut beeindruckt.

Lang-Arbeiter:

In der Abteilung für Zusatz-Karten ist Hochbetrieb. Es wird Tag und Nacht gearbeitet. Am 1.3.44 wird an die Ressorts bzw. Abteilungen die Zusatzkarte für Lang-, Schwer-, und Nachtarbeiter ausgegeben werden. Die Betriebe haben ein Schreiben erhalten, wodurch die Leiter und Bürochefs aufgefordert werden, die vorgelegten 4 Wochen-Berichte vom 31.1. bis 26.2.44 noch einmal genauest zu überprüfen und eventuelle Fehler richtigzustellen. Denn für die Richtigkeit der Angaben haften die Leiter und Bürochefs persönlich dem Präses. Die Ausgabe der Karten erfolgt in der Abteilung für Zusatzkarten, an bevollmächtigte Vertrauenspersonen der einzelnen Betriebe. Es ist also sicher, dass die Lang-, Schwer- und Nachtarbeiter ihre zusätzlichen Lebensmittel noch in der ersten Märzwoche erhalten werden.

Approvisation.

Keinerlei Aenderung. Die Lage ist trostlos. Die Menschen sehen durchwegs elend aus und geschwollene Gesichter2 begegnen einem auf Schritt und Tritt. Menschen, die sich kaum zum Laden schleppen können, um ihre karge Ration durchzukämpfen. Auch keine Hoffnung für die nächsten Tage. Nicht einmal die letzte Kartoffel- und Mohrrüben-Ration ist zur Gänze ausgegeben, da nicht genügend Ware vorhanden ist.

Ressortnachrichten.

Ein jüdischer Held:

Im Leder- und Sattler-Ressort verprügelte der dortige Ober-Instruktor Zygmuntowicz einen 14-jährigen Knaben so, dass der Junge über zwei Stunden ohnmächtig lag. Man brachte ihn durch künstliche Atmungsversuche endlich zum Bewusstsein und übergab ihn dann der schliesslich herbeigerufenen Rettungsbereitschaft. Der jüdische Held Zygmuntowicz wunderte sich, als er den Knaben liegen sah, dass seine Prügel einen solchen Erfolg gehabt haben. Es ist zu hoffen, dass diesem als Sadisten berüchtigten Ober-Instruktor endlich das Handwerk gelegt wird.

Finanzwesen.

Von der Hauptkassa

erfahren wir, dass insgesamt über 2 Millionen in3 10 Mk-Hartgeld /Quittungen/ und 400.000 in 5 Mk-Stücken ausgeprägt wurden. Demnächst wird die Prägung von 20 Mk-Stücken beginnen. Die in den Umlauf gesetzten Hartgeldmünzen kommen ebensowenig wie das Papiergeld wieder zur Hauptkassa zurück. Die mangelnde Geldzirkulation stellt den Hauptkassier vor ein äusserst schwieriges Problem.

Kleiner Getto-Spiegel.

Ein Finanzminister rauft sich die Haare:

Die Tatsache, dass in der Hauptkassa eine ständige Bargeldknappheit herrscht, wodurch viele Betriebe nicht regelmässig Löhne und Gehälter auszahlen können und auch die Unterstützungsgelder, die das Sekretariat Wołkowna anweist, nicht ausgezahlt werden, veranlasste uns zu einer Ueberprüfung des Zustandes in der Hauptkassa. Wir sassen dem Finanzminister gegenüber, der sich buchstäblich die Haare rauft. Er steht vor einem absolut unlösbaren Problem. Das vom4 ihm in Umlauf gesetzte Geld zirkuliert nicht. Die Hauptkassa hat ein Monatsbudget von ca 6 Millionen Mark. Die Einkünfte decken jedoch kaum 1/3 dieses Budgets. Das liegt daran, dass die Hauptkassa durch die Approvisionierung nur ganz geringfügige Einkünfte hat. Frühere Finanzmassnahmen des Aeltesten, wie beispielsweise Ausgabe von Gemüsesalat zu 4 Mk das kg oder Bonbons /5 dkg 2 Mk/ oder Zigaretten zu 1 Mk das Stück sind heute nicht mehr möglich. Gemüse, Kartoffeln, Fleisch wird fast nichts ausgegeben, Zigaretten sind rationiert und entsprechend den Weisungen der Getto-Verwaltung dürfen die Kleinverkaufspreise nicht erhöht werden. Solange also das Getto für seine Arbeit nicht den Gegenwert in Lebensmittel erhält, der Aelteste also keine Möglichkeit hat, der Bevölkerung etwas zu geben, verkaufen, kann die Hauptkassa nicht den Rücklauf der ausgegebenen Papier- bzw. Hartgeldbestände erwarten. Um sich flüssig zu erhalten, muss daher der Finanzminister des Gettos, Hauptkassier Ser, für eine ständige Auffüllung der Kasse durch Zuschuss an Papier- bzw. Hartgeld-Quittungen sorgen. Papier5 gibt es nicht und kann auch nicht im Getto gedruckt werden. Die Ausgabe von Hartgeld hängt jedoch von den Vorräten an entsprechendem Blech ab. Nun hat die Metall-Abteilung Hartgeld aus Leichtmetallblech zweier Stärken hergestellt. Eine Stärke zur Prägung von 10 Mk-Stücken, eine dünnere zur Prägung von 5 Mk-Stücken. Um nun an Blech zu sparen, werden die 10 Mk-Münzen ebenfalls aus dünnerem Blech hergestellt werden und die 5 Mk-Münzen werden wahrscheinlich nicht weiter geprägt werden. Hingegen werden jetzt 20 Mk-Stücke, vielleicht sogar auch 50 Mk-Stücke geprägt werden, um die Blechbestände zu strecken. Was immer aber auch die Hauptkassa unternehmen mag, auf die Dauer bleibt das Problem unlösbar, solange es keinen Lebensmittelumsatz geben wird, bzw. solange nicht die deutsche Behörde dem Getto für die geleistete Arbeit Lebensmittel liefern wird.

Da jedoch die Ernährung der Juden von deutscher Seite grundsätzlich auf der gegenwärtigen Basis festgelegt ist, hat der Finanzminister des Gettos wenig Hoffnung, seine Haare wieder in Ordnung zu bringen.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 1 Flecktyphus.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 6 Lungentuberkulose, 1 Darmtuberkulose, 1 Tuberk. Gehirnhautentzündung, 1 Brustfellentzündung, 7 Herzkrankheiten, 1 Beiderseitige6 Lungenentzündung, 1 Frühgeburt /allgemeine Schwäche/.

Nachtrag zu den Tagesnachrichten:

Todesfall:

Heute verstarb der Arzt Dr. Abram Jakób Karo, geb. 14.8.1909 in Łodz. Der junge Arzt hatte knapp vor dem Kriege seine Studien beendigt. Im Getto war er als erster Leiter der Rettungsbereitschaft an der Hamburgerstrasse 13 und später ärztlicher Leiter des Ambulatoriums an der Hamburgerstrasse 40.7 Er erfreute sich im Getto grosser Beliebtheit. Eine wahrscheinlich in Ausübung seiner Tätigkeit erworbene Tuberkulose streckte den jungen Arzt im blühenden Alter von 35 Jahren nieder.

1

So in HK, LK**, JFK*.

2

Geschwollene Gesichter sind als Zeichen einer sehr mangelhaften Ernährung anzusehen. Vor allem durch fehlendes Eiweiß, aber auch durch fehlende Vitamine wird Wasser in das Gewebe eingelagert, so auch im Gesicht.

3

HK, LK**, JFK*: „in“ von Hand hinzugefügt; auch weiter hinten im Satz.

4

So in HK, LK**, JFK*.

5

So in HK, LK**, JFK*; hier für „Papiergeld“.

6

So in HK, LK**, JFK**.

7

So in HK, LK**, JFK*.