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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 29. Mai 1944

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Tageschronik Nr.: 
149

Das Wetter:

Tagesmittel 16-32 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

31,

Geburten:

1 m.

Festnahmen:

Verschiedenes: 5

Bevölkerungsstand:

76.846

Selbstmord:

Am 27.5.1944 verübte der Josefowicz Majer, geb. 1907 in Sieradz, wohnhaft Bal. Ring 3, durch Erhängen Selbstmord. Der Arzt der Rettungsbereitschaft stellte den eingetretenen Tod fest.

Tagesnachrichten.

Der Präses beabsichtigt, das Büro für Bittschriften und Beschwerden /Sekr. Wołkowna/ in kleinem Umfang zu rekonstruieren u.zw. im Anschluss an die Darlehenskassa. Dieser Gedanke ist aus mehrfachen Gründen sehr begrüssenswert. Einerseits wird das Büro im Rahmen der Darlehenskassa gewissermassen gedeckt und andererseits gehören diese beiden Institutionen dem Wesen nach zusammen. Wir erinnern daran, dass die Darlehenskassa bei Kreditansuchen jene Fälle an das Sekretariat Wołkowna abgetreten hat, wo die persönlichen Verhältnisse des Petenten eine regelmässige Rückzahlung des Darlehens als aussichtslos erscheinen liessen. Solche Petenten haben statt eines Darlehens eine geldliche Aushilfe vom Sekretariat Wołkowna erhalten. Die räumliche Zusammenarbeit wird möglicherweise auch eine sachliche ergeben, was zweifellos dem Präses vorgeschwebt haben dürfte. Da die Darlehenskassa im Zuge der Umschichtung in den letzten Wochen einigermassen reduziert wurde, werden die erforderlichen Lokale verhältnismässig leicht abgetreten werden können.

Zur Arbeit nach ausserhalb des Gettos:

Im Zentral-Gefängnis meldeten sich auch heute wieder einige Freiwillige.

Approvisation.

Auch heute trafen Kartoffeln in grösseren Mengen ein, 58.000 kg. Grössere Mengen, das ist natürlich relativ, denn wir haben ja gesehen, dass viele Wochen hindurch nichts hereingekommen ist. Ueberdies kamen 3760 kg Radieschen und 3680 kg Petersilie /vorjähriger Ernte/. Die Kartoffeln werden wieder nicht einer Ration zugeführt werden, alles geht in die Küchen. Es ist anzunehmen, dass die Küchen das Suppenmenu ändern werden.

Kleiner Getto-Spiegel.

Immer dieselbe Geschichte:

Eines Tages fühlt sich der Sohn derart schwach, dass er zu Bett bleiben muss. Die letzte Zeit schon, so erzählt die Mutter, hat der Zwanzigjährige an Schmerzen in der Brustgegend gelitten. Die Beine waren geschwollen, das Gesicht zeigte eine aussergewöhnliche Farbe, die Beine versagten oft den Dienst. Es wird schon gehen, sagte der Junge und schleppte sich noch einige Wochen, dann brach er zusammen.

Der Arzt kommt: „Durchleuchten! Sonst kann ich nichts Positives erkennen.“ Röntgen ergibt: Ein Fleck in der Lunge ... Tuberkulose infolge von Unterernährung. Wenig Hilfe.

Der Arzt sagt: „Am besten einige Wochen Spitalspflege, dann nachhause und sehr gut nähren, Fett, Fleisch, Brot, Zucker ... Am besten Tran ...“

Die Eltern geben Teile ihrer Ration ab. Die Mutter wird schwach, bettlägerig. Die ältere Schwester spart sich den Bissen vom Mund ab, geht in Nachtarbeit, um „L“ /Zuteilung für Langarbeiter/ zu bekommen. Dem Sohn geht es nicht besser. Die Ernährung ist trotz der Opfer der Familie nicht ausreichend. Man verkauft Kleider, Schuhe, Teile der Ration, um hochwertige Nahrungsmittel dagegen einzutauschen.

Nun wird auch die Schwester krank. Geschwollene Beine – Wasser bis zu den Lungen. Es ist zum Verzweifeln.

Der Arzt kommt. Man erzählt ihm die Kranken- und Leidensgeschichte. Zuerst der Sohn, dann – nachdem die Familienmitglieder diesen durch Weggabe ihrer besten Lebensmittel haben retten wollen – auch die anderen. Der Arzt schüttelt den Kopf: „Ins Spital? Zu spät! In diesem Zustand nimmt das Spital ihn nicht mehr auf...“

Und doch! Man versucht das Unmögliche. Will den Todeskandidaten retten. Hiebei gehen die noch halbwegs gesunden Teile der Familie denselben Weg. Der Arzt blickt sich um: „Nichts zu machen. Immer dieselbe Geschichte im Getto. So geht eine Familie nach der anderen zugrunde. Sohn, Vater, Mutter, Schwester. Immer dieselbe Geschichte ... Nur die Reihenfolge wechselt ...“

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

17 Lungentuberkulose, 1 Tuberk. Gehirnhautentzündung, 1 Gehirnentzündung, 11 Herzkrankheiten, 1 Selbstmord.