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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 29. November 1943

Tageschronik Nr.: 
317
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Das Wetter:

Frueh 3 Grad, es regnet. Mittag 9 Grad, trocken, sonnig.

Sterbefaelle:

7

Geburten:

2 /1 maennlich, 1 weiblich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Diebstahl: 1

Schmuggel: 11

Bevoelkerungsstand:

83.337

Brand:

Am 28.11. wurde die Feuerwehr nach dem Hause Kelmstr. 44 alarmiert, wo eine Zimmerdecke eingestuerzt war. Dabei wurde die dort wohnende Zylberszak Ryfka leicht verletzt.

Selbstmordversuch:

Am 28.11. versuchte Rozenblum Eugeniusz, geb. 1923 in Lodz, durch Einnehmen eines Schlafmittels Selbstmord zu begehen. Derselbe wurde ins Krankenhaus ueberfuehrt.

Tagesnachrichten.

Keine Ereignisse von Belang.

Approvisation.

Noch immer kreisen alle Gedanken und Gespraeche ueber die Lage der Approvisation. Es scheint, als ob die Lage sich eher verschlimmert als gebessert haette. Meistens technischer Natur duerfte die Ursache sein; dass gerade heute die Kartoffelzufuhr einen erheblichen Ruck nach vorwaerts bekommen hat, laesst zwar fuer die naechste Zeit auf eine Besserung hoffen, aber da das Getto gerade in der letzten Zeit so arge Schwankungen mitgemacht hat, ist die Stimmung deswegen nicht rosiger. Am heutigen Tage kamen 180.000 kg Kartoffel, 277.000 kg Kohlrueben, 12.500 kg Rettich, 8.000 kg Kuerbis, 2.500 kg Petersilie und 9.500 kg Porree. Fleisch wie ueblich.

Bemerkenswert ist eine Besserung der Zufuhr von Heizmaterial. Es kamen heute 474.000 kg Steinkohle und Briketts herein. Man hofft daher auf eine Kohlenration.

Rettich-Zuteilung:

Ab Montag, den 29.11.1943, werden auf Coupon Nr. 113 der Gemuesekarte

1 1/2 kg Rettich fuer den Betrag von 1.- Mk ausgegeben.

Ressortnachrichten.2

Posamenten-Betrieb:

Der groesste Teil der fuer diesen Betrieb bestimmten Maschinen ist bereits eingetroffen und wird aufgestellt. Die erforderlichen Instruktoren werden von reichsdeutschen Fachleuten eingeschult werden. Wie man hoert, sind die Maschinen aus Elberfeld hereingekommen, von dort kommen auch die Fachleute.

Werkzeugmangel:

Das FUKR erliess heute ein Rundschreiben /Nr. 16/ an alle Ressorts und Abteilungen, mit welchem die Leiter aufgefordert werden, groesste Sparsamkeit mit Holzmaterial-Werkzeugen zu beobachten.3 Das Rundschreiben hat folgenden Wortlaut:

Betr.: Holzmaterial und Werkzeuge.

Die Knappheit des uns fuer innern Bedarf von der Getto-Verwaltung freigegebenen Holzmaterials veranlasst uns, Massnahmen zu treffen, welche den Zweck haben, mit dem jeweils Vorhandenen so zu wirtschaften und es so zu verteilen, dass wir wenigstens den dringenden Anspruechen der Ressorts und Abteilungen entsprechen koennen. Wir fordern daher die Leiter auf, uns bei dieser Aktion wirksam zu unterstuetzen und bei der Durchfuehrung dieser Anordnung folgende Weisungen zu beachten:

1./ Groesste Sparsamkeit – jeden Missbrauch von Holz zu4 vermeiden bzw. verhueten.

2./ Neu-Bestellungen an Holz u. Holzgegenstaenden auf das notwendigste begrenzen u.5 ueberpruefen, ob ein dringender Bedarf wirklich vorliegt.

3./ Schadhafte Holzgegenstaende reparieren lassen und so ihrem frueheren Verwendungszweck wieder zufuehren. Ueberzaehlige und nicht mehr reparaturfaehige Holzgegenstaende sind der Getto-Tischlerei zu uebergeben.

4./ Bedarfsmeldungen auf Holz und Holzgegenstaende muessen unbedingt mit der Unterschrift des Leiters versehen sein. Die Verantwortung dafuer, ob die angeforderten Gegenstaende wirklich benoetigt werden, traegt der Leiter des betreffenden Ressorts oder Abteilung.

5./ Es werden spezielle Kontrollen vorgenommen werden, ob tatsaechlich Bedarf der jeweilig angeforderten Holzgegenstaende besteht.

6./ Alle Ressorts und Abteilungen sind verpflichtet, ein genaues Inventarverzeichnis der bei ihnen sich derzeit befindlichen Holzgegenstaende /Arbeitstische, Buerotische, Sessel, Hocker, Schraenke, Regale, Leitern, Bottiche u.s.w./ aufzustellen und dem FUKR bis spaetestens den 10.12.43 einzusenden, widrigenfalls ihre an uns gerichteten Bedarfsmeldungen fuer Holz und Holzgegenstaende nicht genehmigt werden.

Desgleichen muss man auch mit Werkzeugen jeder Art insbesondere mit Schlosserwerkzeugen und elektrotechnischen Werkzeugen sehr sparsam umgehen, denn auch hier werden bei Ausschreibung von Bedarfsmeldungen Beschraenkungen auferlegt werden muessen, da das Zentrallager fuer Eisen und Metall nicht in der Lage ist, allen diesbezueglichen Wuenschen der Besteller zu entsprechen. Fuer die Bewirtschaftung von Werkzeugen werden demnach auch die vorerwaehnten Massnahmen zur Anwendung gelangen, wenn auch vorlaeufig von der Einsendung einer Inventarliste abgesehen wird.6"

Dazu ist zu bemerken, dass sich dieses Rundschreiben hauptsaechlich darauf konzentriert, die Holzgegenstaende der Betriebe zu erhalten. Es hat sich naemlich, angesichts der kalten Jahreszeit, die ueble Gewohnheit herausgebildet, nicht nur schadhafte, sondern sogar brauchbare Einrichtungsgegenstaende zu verfeuern. Es ist kein Wunder mit Ruecksicht auf die geringen Zuteilungen von Heizmaterial.

Bekanntlich werden im Getto Moebelstuecke hauptsaechlich nach ihrem Heizwert geschaetzt. Man muss sich daran erinnern, dass im ersten Getto-Winter ein grosser Teil der Wohnungseinrichtung von der frierenden Gettobevoelkerung kurzerhand verheizt wurde.

Fuersorgewesen.

Die Bekleidungsabteilung, Hohensteinerstrasse 70, benachrichtigt mit Rundschreiben die Leiter der Abteilungen und Betriebe, dass die ausgegebenen Talons auf Bekleidungsstuecke nur 4 Wochen von dem Datum an gueltig sind, das auf dem Talon aufgestempelt. Alle Arbeiter, welche solche Talons erhalten haben, muessen auf diesen Verfallstermin aufmerksam gemacht werden.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

2 Bauchtyphus, 2 Keuchhusten, 5 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

3 Lungentuberkulose, 1 Tuberk. Gehirnhautentzuendung, 3 Herzkrankheiten.

1

Im Tages- und Tätigkeitsbericht der Kripo vom selben Tag ist ein längerer Eintrag zum Schmuggel zu finden: „Lebensmittelschmuggel in das Getto: Der Pole Wladyslaw Bugajny, Alexanderhofstr. 397 wohnhaft, beschäftigt als Pferdelenker bei der Firma Behr, hatte von der Entwesungskammer [Kammer zur Desinfektion] der Gettoverwaltung den Auftrag, Waren verschied. Art zu befördern. Er nahm während seines Aufenthalts auf dem Gelände mit 2 dort beschäftigten Juden Beziehungen auf und lieferte verabredungsgemäß für 2 Mäntel 750 gr. Tafel margarine und 1 geschl. Gans. Als die Juden von der Entwesungskammer in das Getto kamen, wurden diese von einen [sic!] von der Dienststelle eingesetzten Beobachter angehalten u. überführt. Beide geflüchteten Juden und der Pole B. wurden ermittelt und festgenommen. Während der Pole B. zugibt, die Margarine geliefert zu haben, bestreitet er die Lieferung der Gans“ (APŁ, 203/62, Bl. 125f.).

2

LKV/b**: Nachfolgend von Hand die polnischsprachige Anmerkung ‚auch II und III‘. Offenbar von Nachkriegsbearbeitern.

3

So in HK, LKV/a**, LKV/b**, JFK**.

4

Das Wort „zu“ ist eine Hinzufügung der Chronisten.

5

Im Originaltext des Rundschreibens: „und“.

6

Mit Ausnahme der genannten Abweichungen und unter Auslassung der Schlussformel („Zentralbüro des Arbeits-Ressorts / FACH- und KONTROLL-REFERAT / gez. J. Rumkowski gez. Ing. B. Kopel“) wird der Wortlaut des Rundschreibens korrekt wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/422, Bl. 146: Zentralbüro des Arbeits-Ressorts (gez. J. Rumkowski /Ing. B. Kopel), Rundschreiben Nummer 16 an alle Ressorts und Abteilungen / Betrifft Holzmaterial und Werkzeuge, 20.11.1943. Jack Bresler erinnert sich: „Der Winter [...] war besonders hart, und die Bewohner des Ghettos verheizten ihre Möbel, ja sogar ihre Betten, um nicht zu erfrieren. Aber wie lange hielt ein Möbel-Vorrat schon an?“ (Bresler 1988, S. 95). Vgl. auch Zelman 1995, S. 60; Löw 2006a, S. 157f.