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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 3. Juli 1944

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Tageschronik Nr.: 
184

Das Wetter:

Tagesmittel 22-34 Grad, sonnig, heiss.

Sterbefälle:

36,

Geburten:

1 w.

Festnahmen:

Diebstahl: 1,

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:1

Tagesnachrichten.

Zur Arbeit ausserhalb des Gettos:

Heute in den frühen Morgenstunden ging der V. Transport mit 700 Personen von Bahnhof Radegast ab. Als Arzt ging Dr. Fritz Heine /Berlin/ mit.

Im Zentralgefängnis verblieb nur eine geringe Reserve für den nächsten Transport, der Mittwoch gehen soll.

Im Getto flüstert man von einer weiteren Anforderung von 3000 arbeitsfähigen Männern. Offizielle Stellen wissen jedoch von dieser Anforderung nichts. Immerhin herrscht erhöhte Unruhe im Getto.2

Mord:

In der Nacht von gestern auf heute wurde der Frydman Szmul Lajb, geb. 1.4.1900, wohnhaft Basarg. 9, auf dem Gelände des Holzbetriebes, Putzigerstr. 9 /Działka/, ermordet. Die Leiche wurde in den dort befindlichen Brunnen geworfen. Näheres über diese Mordtat ist unbekannt.3

Approvisation.

Die Ernährungslage bessert sich noch immer nicht. Der Einlauf an Frischgemüse ist äusserst unbefriedigend. Es kamen 1464 kg Kohlrabi, 156 kg Mairettich und 10,370 kg Salat herein. Auch Fleisch ist wieder etwas weniger hereingekommen, insgesamt nur 1610 kg Rossfleisch.

Wie die Personen, die sich vor der Aussiedlung verstecken, die Lage meistern können, ist ein Rätsel. Die Opferwilligkeit der Angehörigen oder Freunde wird auf eine harte Probe gestellt. Dennoch halten viele Menschen durch und hoffen, sich so bis zum Schluss dieser Aktion zu retten.

Kleiner Getto-Spiegel.

„Auf nach Czarnieckiego“:

Die Parole lautet: „Auf nach Czarnieckiego!“ Jeder Transport soll 700 Menschen umfassen. Und da diese Zahl auf natürlichem Wege sehr schwer aufzubringen ist, muss eine strenge Hand nachhelfen. Hängt man dir den Brotkorb höher, dann bekommst du geradezu Sehnsucht nach der Suppe in Czarnieckiego. Und wenn du sogar dieser Sehnsucht widerstehst, holt dich die strenge Hand nachts aus dem Bett und schleppt dich ins Sammellager.

Man soll für immer die Figuren zeichnen, die in den Tagen der 5 Transporte in den Strassen des Gettos, auf dem Weg ins Zentralgefängnis, zu sehen waren: mit den Bündeln auf den gekrümmten Rücken, den Koffern und Handtaschen auf den schwachen Schultern, Kinder und Greise verschwitzt danebentrottend ... Figuren, wie sie Dostojewskij und andere russische Schriftsteller geschildert haben4. Aber zwischen all diesen Menschen, hinter ihnen, da sie nicht Schritt halten kann, eine Frau: lose graue Strähne über die Schläfen bis auf die Schultern fallend, zum Teil unter einem bunten Kopftuch verborgen; an Stelle eines Kleides eine zerschlissene Pelzweste, an der ein kurzer Mädchenrock aus grobem Leinen befestigt ist; die Beine derart geschwollen, dass sie in den fast absatzlosen Halbschuhen nicht Platz haben; in den Händen kleinere und grössere Bündel, auf der linken Schulter ein aus buntem Zeug zusammengefügter Rucksack; vorn über die Schenkel baumelnd eine Suppenschüssel und eine Menaschka. Die alte Frau trägt den Rücken derart gebeugt, dass nur hie und da, wann sie sich an eine Häusermauer aufstützt, ihr verwittertes Gesicht und der zahnlose Mund sichtbar wird.5 Sie stolpert mehr, als sie geht. Das Gettopflaster lässt ein rhythmisch gleichmässiges Ausschreiten nicht zu. Auch sie ist eine Kandidatin für „Arbeit ausserhalb des Gettos“. Auch sie wird dort draussen irgendwo am Aufbauwerk teilnehmen. Auch sie muss gehen. Denn sie ist – allein. Alleinstehende Personen werden bei der Ausreise bevorzugt. Sie hat Mann, Kinder, nächste Angehörige verloren und ist allein zurückgeblieben. Die einsame Frau humpelt nach Czarnieckiego. Es ist ein schöner warmer Tag. Das Unglück, allein zu sein, wird mit dem Glück, auf Arbeit ausserhalb des Gettos gehen zu dürfen, belohnt.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 19 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

19 Lungentuberkulose, 1 Bauchfelltuberkulose, 5 Lungenkrankheiten, 4 Herzkrankheiten, 1 Darmkatarrh, 1 Gehirnhautentzündung, 1 Gehirnschlag, 1 Nierensclerose, 1 Beckenniere6, 1 Geisteskrankheit, 1 Lebensunfähigkeit /neugeborenes Kind/.

1

HK, LK**, JK**, JFK**: Keine Angabe.

2

Ein unbekannter Tagebuchschreiber notiert: „Die Situation wird immer unsicherer, aus allen Ressorts werden neue Listen angefertigt – wieder werden Tausende von Opfern vorbereitet – gestern hätte man an eine Entspannung denken können, aber leider erweist es sich als Trugschluß – und die Vorbereitungen zur Verschickung dauern unaufhörlich an. Ach! wie traurig ist unsere Situation!“ (Loewy/Bodek 1997, S. 56).

3

Jakub Hiller schreibt in seinem Tagebuch über den genannten Mordfall: Der Polizist Frydman habe kontrollieren wollen, wer nachts auf seinem Grundstück Gemüse entwende, und sei, als er sich dorthin geschlichen habe, mit einer Eisenstange erschlagen worden. Hiller kommentiert die Tat mit den Worten: „Soweit hat der Hunger im Getto geführt“ (AŻIH, 302/10, Bl. 11; übers. aus dem Jidd.).

4

In seinen literarischen Werken porträtierte Dostojewski immer wieder Arme, Kranke und Schwache. Die Außenseiter der russischen Gesellschaft erschienen bereits im Roman „Arme Leute“ (1846), in den „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ (1860) spielen sie eine ebenso gewichtige Rolle wie in Dostojewskis bekanntestem Roman „ Schuld und Sühne“ (1866).

5

So in HK, LK**, JFK*.

6

Beckenniere: Angeborene Lage-Anomalie einer Niere im kleinen Becken. Die Nierenfunktion ist meist ausreichend; jedoch besteht eine Neigung zu Entzündungen, Stein- und Zystenbildung. Möglicherweise war eine durch die Beckenniere ausgelöste fortgeschrittene Entzündung die Todesursache.