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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Montag, den 30. August 1943

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Tageschronik Nr.: 
226

Das Wetter:

Frueh 18 Grad, sonnig, kuehl. Mittag 25 Grad, bewoelkt.

Sterbefaelle:

4

Geburten:

1 /maennlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 6

Ausweisungen:

1 /Mann zur Verfuegung der Gestapo/

Bevoelkerungsstand:

84.018

Selbstmordversuch:

Am 30. August 1943 warf sich Kalska Rochma Krejndla, geb. 1892, wohnhaft Cranachstrasse 24, gegen 8 Uhr in selbstmoerderischer Absicht vor dem Hause Sulzfelderstrasse 24 unter die Strassenbahn. Die Verletzte wurde von der Rettungsbereitschaft ins Krankenhaus ueberfuehrt.

Tagesnachrichten.

Der Tag verlief ruhig. Obwohl keine Ursache zu besonderer Nervositaet vorliegt, herrscht doch im Getto unter der Oberflaeche eine gewisse Unruhe. Es naehert sich der 1. September. Die Erinnerung an diesen Tag, an welchem im Vorjahre die Spitaeler liquidiert wurden,1 reisst diese alte Wunde wieder auf. Nichts liegt vor und dennoch hat man das Gefuehl, es stuende wieder etwas bevor. So sensibel ist das Getto, dass ein Datum imstande ist Angstzustaende zu erzeugen. Der 1. September, der 1. Kriegstag und der Beginn der furchtbarsten Aufregungen, die das Getto ueberhaupt erlebt hat. Hoffentlich bleibt es ein Datum ohne Bedeutung.2

Approvisation.

Die Kartoffelzufuhr ist etwas schwaecher. Nach wie vor unzureichend ist die Einfuhr von Gemuese.

DieZuteilung von Knochen und Adern3 eingestellt:

Der Praeses hatte im Laufe der Zeit verschiedenen Personen eine staendige Zuteilung von Knochen und Adern bewilligt, gewoehnlich 1 kg Knochen und 1 kg Adern je Woche. Die Zahl der Beguenstigten war nicht unerheblich. Nunmehr wurden mit heutigem Tage diese Zuteilungen eingestellt. Diese Massnahme erklaert sich aus der wesentlich eingeschraenkten Einfuhr von Fleisch. Aus den Rapporten ueber die Wareneingaenge ist ja auch zu ersehen, dass die Quantitaeten nicht sehr ermutigend sind.

Waren-Eingang

vom 29. August 1943.

1./ Lebensmittel: 89.850 kg Kartoffeln, 1960 kg Kohlrabi, 1350 kg Pferdefleisch, 11.940 kg Dinkelschalenmehl.

2./ Zusaetzliche Bedarfsgueter: 123.270 kg Schnittholz, 32.400 kg Nadelholz, 15.000 kg Kiefernbretter, 9510 kg Kieferfurnier, 12.100 kg Fichtenfurnier, 46000 kg Portland-Zement4, 10.000 kg Munitionsleermaterial, 4000 kg Wollfutter.

Zum 1. Mal erhielt das Getto ca 12.000 kg Dinkelschalenmehl, das ist ein Abfallprodukt des Dinkelweizens, der bisher in Europa sehr selten angebaut wurde.5 Es duerfte sich um ein Produkt aus der Ukraine handeln.

Ressortnachrichten.

Von der Abbruchstelle:

Die Arbeiten an der Abbruchstelle sind in die Endphase getreten. Die letzten Haeuser an der Sulzfelderstrasse, etwa 15, werden in den naechsten 2 Monaten abgebrochen werden. Einige besser gebaute und noch gut erhaltene Objekte werden vorlaeufig verschont bleiben. Es heisst, dass das freigelegte Terrain vom Getto abgesondert werden soll. Nach Beendigung dieser Abbrucharbeiten soll ein anderer Stadtteil an der Gettogrenze darankommen, u.z. Oststrasse, Rauchgasse, Cranachgasse, Franzstrasse.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

9 Bauchtyphus, 1 Diphtherie, 1 Ruhr, 1 Keuchhusten, 1 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

2 Lungentuberkulose, 2 Herzkrankheiten.

1

Am 1. September 1942 begann die brutale Räumung der Krankenhäuser; die meisten Kranken wurden in das Vernichtungslager Kulmhof deportiert. Vgl. den Eintrag „Evakuierung der Kranken“ in der Tageschronik vom 1. September 1942 sowie sowie die dortige Anmerkung 27; weiter den Einzelbericht vom 1. September 1942.

2

Oskar Rosenfeld beschreibt am 2. September 1943, wie die Menschen in Erinnerung an die Septemberereignisse des Vorjahres reagierten: „Ganz plötzlich werden Kranke von ihren Angehörigen aus Spital gebracht, auf Droschken etc. aus Angst vor einer überraschenden Aussiedlung. Kinder und Greise verbergen sich. Cynismus von Aschkenes, niedriger Haß, diese Gemeinheit nicht zu fassen, noch nicht dagewesen“ (Rosenfeld 1994, S. 221).

3

Adern ‚Sehnen‘; hier in der älteren Bedeutung wie in mhd. āder, ahd. ādra.

4

Portlandzement, benannt nach der englischen Halbinsel Portland, ist der übliche, zum Bauen verwendete Zement aus gemahlenem Kalkstein und Kalkmergel.

5

Die Information ist nicht ganz korrekt: Ab dem 18. Jahrhundert war Dinkel in Europa bekannt und gehörte v.a. im 19. Jahrhundert zu den wichtigsten Handelsgetreiden. Da es im Ertrag den meisten, heute üblichen Weizensorten unterlegen ist, trat es im letzten Jahrhundert in den Hintergrund.