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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 31. Jänner 1944

Tageschronik Nr.: 
31
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Das Wetter:

6 Grad Wärme, windig, trocken.

Sterbefälle:

11

Geburten:

1 /männlich/

Festnahmen:

Diebstahl 1,

Verschiedenes 1,

Unberechtigtes Betreten oder Verlassen des Gettos durch Juden 1.

Bevölkerungsstand:

8 Uhr früh: 79,870 plus 77 Polenkinder.

Sonstiges:

Am 30. Januar wurde Całek Abram, geb. 10.12.1908 in Pabjanice, Sohn des Mendel und der Kajla, geb. Kon, wohnhaft Siegfriedstrasse 15, in der Nähe des Bahnhofes Radegast ausserhalb der Gettoumzäunung erschossen. Die Leiche wurde von der Staatl. Kriminalpolizei zur Beerdigung freigegeben.1

Tagesnachrichten.

Die Bevölkerung wird heute im Polizeibericht erstmalig richtig /siehe oben/ mit 79,870 /plus 77 Polen kinder im Epidemiespital/ angegeben. Diese Bevölkerungsziffer steht im Einklang mit den statistischen Zahlen der Kartenstelle.

Wir haben gelegentlich der Einvernahmen des Präses in der Stadt von der Differenz zwischen den offiziellen statistischen Ziffern des Meldebüros und den Ziffern der Kartenabteilung hingewiesen. Die Angelegenheit ist nunmehr mit der deutschen Behörde klargestellt. Von nun an wird die richtige Bevölkerungszahl angeführt werden.

Baluter-Ring:

Im Zusammenhang mit der bevorstehenden Räumung des Baluter-Rings für die Gettoverwaltung erfährt man, dass lediglich das Büro Jakubowicz /Zentralbüros der Arbeits-Ressorts/ sowie die Waren-Annahmestelle am Baluter-Ring verbleiben soll.

Die Herren der Gettoverwaltung, Ribbe und Mayer2, sowie einige kleinere Beamte verlassen am 1. Februar ihren Posten, um zur Wehrmacht einzurücken.

Approvisation.

Am heutigen Tage kamen im Getto 8940 kg Kartoffeln und 3970 kg Kohlrüben an. Weiters sind 2863 kg Gemüsesalat eingetroffen, sodass man in den nächsten Tagen mit einer Salat-Zuteilung rechnen kann.

Fleisch- und Wurstzuteilung:

Ab Dienstag, den 1.2.44, werden an alle auf Coup. 22 der Nahrungsmittelkarte in den für sie zuständigen Wurstläden

  • 100 g Wurst pro Kopf

und ab Donnerstag, den 3.2.1944, auf Coup. 7 der Nahrungsmittelkarte in den zuständigen Fleischläden

  • 150 g Fleisch pro Kopf

zur Verteilung gebracht.

Die Herausgabe von Fleisch und Wurst erfolgt im Rahmen der Fleischanlieferungen.

Litzmannstadt, 31.1.1944.

Bei dieser Zuteilung ist bemerkenswert, dass, da nicht genug Fleisch und Wurst zur Deckung der ganzen Ration vorhanden ist, die Kundmachung darauf hinweist, dass die Herausgabe von Fleisch und Wurst im Rahmen der Fleischanlieferung erfolgen wird.

Brennmaterial:

Mit Rücksicht auf die starken Kohlenzufuhren der letzten Tage musste die Kohlen-Abteilung die Mannschaften von den Holzhäuser-Abbruchstellen einziehen, wodurch naturgemäss wieder eine Verknappung von Brennholz auf den Plätzen der Kohlen-Abteilung eintrat. Es gelangt derzeit kein Holz zur Ausgabe auf die letzten, noch nicht behobenen Zuteilungen.

Fürsorgewesen.

Suppen für Kranke:

Schon in der Aerzteversammlung vom 29. Januar dieses Jahres konnte man aus der Stimmung des Präses erkennen, dass er beabsichtige, den Kranken die Suppen wieder zuzuwenden, soferne die Aerzte mit den Befreiungen etwas rigoroser vorgehen.3 Am Tage nach der Sitzung erledigte die FUKA diese Angelegenheit. Da der Präses in Begleitung des Präsidialmitgliedes der FUKA, Luzer Najman, in der Versammlung erschienen war, konnte man annehmen, dass die Angelegenheit in positivem Sinne erledigt werden werde. Mit der üblichen Schnelligkeit erledigte die FUKA die Suppenzuteilungen an Kranke durch das noch am 30.I.44 herausgegebene Rundschreiben Nr. 19, das folgenden Wortlaut hat:

An alle Ressorts und Abteilungen.

Betr. Zuwendungen an Kranke.

Im Einvernehmen mit dem Herrn Präses werden die Zuwendungen an Kranke in folgender Weise geregelt:

  1. Abwesenden dürfen keinerlei Zuwendungen /weder Suppen noch geldliche Zuschüsse/ ohne Vorlage eines ärztlichen Zeugnisses gewährt werden.

  2. Die ärztlichen Zeugnisse auf Arbeitsbefreiungen müssen auf einen möglichst kurzen Zeitabschnitt ausgestellt werden, mit Ausnahme sicherer Diagnosen, wenn die Heilung längere Zeit beansprucht, z.B. Beinbruch, Pleuritis, Operationsfall usw.

  3. Das ärztliche Attest muss in einheitlicher Form laut unten stehendem Muster mit lesbarer Handschrift ausgefüllt werden und folgende Angaben enthalten:

    Name, Vorname, Alter, Adresse, Beruf /Beschäftigungsart/,

    Diagnose, Befreiungstermin, Angabe, ob gehfähig oder bettlägerig, Datum, Stempel und Unterschrift des Arztes.

    In den Ressorts, welche einen Ressortarzt besitzen, sind die Atteste für gehfähige Kranke nur dann gültig, wenn sie vom Ressortarzt bestätigt werden.

  4. Die ärztlichen Befreiungsatteste sind in der Regel für die Leiter bindend. Hat jedoch der Leiter Verdacht, dass der Arzt irregeführt worden ist, so steht ihm das Recht zu, den Kranken sofort durch eine ärztliche Kommission nochmals untersuchen zu lassen. Derartige Nachuntersuchungen sind als dringend zu behandeln.

    Bis zur Entscheidung der ärztlichen Kommission muss jedoch der Leiter die Abwesenheit des Betreffenden auf Grund des ärztlichen Zeugnisses als gerechtfertigt anerkennen und ihm die Zuwendungen gewähren.

  5. Die Dauer der Befreiungen und somit auch der Zuwendungen wird bei

    a/ Nicht-Etatisierten auf höchstens 8 Wochen

    b/ Etatisierten auf höchstens 2 Monate4

    festgesetzt. Wegen evtl. Prolongierung können sich die Ressorts /Abteilungen/ an Fach- und Kontroll-Abteilung wenden.5

  6. Kranke, deren Abwesenheit gerechtfertigt ist, erhalten die erste Suppe unentgeltlich, eine Zuwendung in Höhe von Mk. 2,50 – Jugendliche Mk. 1,35 – pro Tag /die Woche zu 6 Tagen/, /zu führen über die Lohnliste, zu buchen auf Konto „Arbeiterverpflegung“/, sowie diejenigen gelegentlichen Lebensmittelzuteilungen /auch Zusatzsuppen/, welche sie bei Anwesenheit erhalten würden, und zwar gegen Bezahlung.

    Von diesen Zuwendungen werden keinerlei Abzüge – mit Ausnahme der 4% für Miete – vorgenommen.

  7. Bei Arbeitsunfällen erhält der Verunglückte während der ganzen Krankheitsdauer bis zur Genesung die ersten Mittage unentgeltlich, die anderen Lebensmittelzuteilungen gegen Bezahlung sowie seinen durchschnittlichen Verdienst.

  8. Kranke, die sich im Krankenhaus befinden, erhalten keine Mittage /auch keine Zusatzmittage/.

    Nicht-Etatisierten steht das Recht auf Mk. 2,50 resp. Mk. 1,35 pro Tag zu.

  9. Bei der Gesundheits-Abteilung werden ärztliche Kommissionen geschaffen, separat für Getto A, B und C, welche gehfähige Kranke zwecks Untersuchung vorladen, Bettlägerige an Ort und Stelle untersuchen werden.

    Die Fach- und Kontroll-Abteilung wird den ärztlichen Kommissionen Aufstellungen von Kranken einreichen, getrennt nach Ressorts, zwecks stichprobenartiger Ueberprüfung, ob die ärztliche Befreiungsatteste nur in begründeten Fällen ausgestellt wurden.

  10. Personen, welche bezüglich ihrer Krankheit die Aerzte irreführen, dagegen durch die ärztliche Kommission als arbeitsfähig anerkannt werden, werden durch die Fach- u.6 Kontroll-Abteilung zwecks administrativer Bestrafung zur Verantwortung gezogen.

  11. Die Herren Aerzte, welche Befreiungsatteste ohne genügende Begründung ausstellen, werden durch eine spezielle Kommission, bestehend aus Vertretern der Gesundheits-Abteilung und der Fach- u. Kontroll-Abteilung, zur Verantwortung gezogen.

  12. Die Ressorts werden aufgefordert, die wöchentlichen Meldungen über den Evidenzstand per Dienstag /inclusive/ in doppelter7 Ausfertigung einzusenden. Auf dem Duplikat ist die tägliche Anzahl der Abwesenden, separat ob mit oder ob ohne ärztliche Befreiung, anzugeben sowie das prozentuale Verhältnis der Abwesenden zum gesamten Evidenzstand eines jeden Tages, getrennt für Erwachsene und Jugendliche.

  13. Die Vorschriften obigen Rundschreibens treten ab Montag, den 31.I.1944, in Kraft.

Litzmannstadt-Getto, den 30. Januar 1944.

MR/Mo.

Folgt:

/Muster des ärztlichen Attestes9 nach obigen Angaben/10

Justizwesen.

Wir bringen nachstehend den Bericht über den Prozess Gustaw Garfinkel:

Strafverhandlung vom 24., 25. und 26. Januar 1944.

Senat. Motyl, Binsztok, Wojdyslawski, Staatsanwalt: Nussbrecher.

An obigen drei Tagen wurde der Prozess gegen den Leiter des Teppich-Ressorts I, Gustaw Garfinkel, und den Angestellten dieses Ressorts, Modrzewiecki Hersz, verhandelt.

Die Anklage hält Garfinkel vor, als Leiter des Teppichressorts

1./ in der Zeit von Mai 1942 bis 1. Januar 1944 besonders gezeichnete Suppenkarten über das Kontingent der im Ressort beschäftigten Arbeiter herausgegeben zu haben, wobei er mindestens von Anfang August 1943 bis 1. Januar 1944 solche Mittagskarten veräusserte, ferner im Sommer 1942 einige Ressortmittage, bestehend aus Brot und Wurst, u.zw. von Arbeitern, die im Betriebe neu aufgenommen, aber noch nicht verpflegt waren, angefordert und für sich verwendet zu haben.

2./ dass er 112 verschiedene Talons der Bekleidungsabteilung unter die Arbeiterschaft nicht verteilt habe und ungültig werden liess,

3./ dass er Gelder, die ihm durch das Sekretariat für Bittschriften und Beschwerden für Bedürftige des Betriebes anvertraut waren – u.zw. mindestens 2000.- Mark – sich angeeignet habe,

4./ dass er sich 10 kg Naftalin, die für den Betrieb bestimmt waren, angeeignet habe,

5./ dass er 1750 kg Sägespäne, die das Teppichressort vom Kohlenplatz und der Kleinmöbelfabrik Basargasse abnahm, für sich verwendet habe,

6./ dass er sich von einem Arbeiter unentgeltlich 1 Paar Schuhe habe anfertigen lassen.

Modrzewiecki Hersz war angeklagt,

1./ durch Veräusserung der von Garfinkel widerrechtlich ausgestellten Mittagskarten diesem Beihilfe zum Amtsmissbrauch geleistet zu haben,

2./ einen regelmässigen Handel mit Suppenlegitimationen getrieben zu haben.

Garfinkel stellte jegliche Schuld in Abrede und führte im wesentlichen aus:

Im August 1942, als die erste Serie der neuen Mittagskarten herauskam, war es den Ressortleitern erlaubt, über eine gewisse Anzahl von Suppen frei zu disponieren. Im Einvernehmen mit der Ressortküche gab er zehn besondere Mittagskarten heraus, die er mit der Aufschrift: „dyspozycyjne“ kenntlich machte. Auf diese Legitimationen bekamen bedürftige Arbeiter zusätzliche Mittage.

Zur Zeit der Herausgabe der II. Serie der Mittagskarten, als eine schärfere Kontrolle der Sonderabteilung einsetzte, durften solche Karten nicht mehr herausgegeben werden. Die Küche setzte ihm die Anzahl der „Dispositionsmittage“ auf sechs herab und verlangte von ihm die Vorlegung von normalen Mittagskarten.

Garfinkel liess damals zuerst zehn Karten auf Namen beliebiger im Ressort beschäftigter Arbeiter ausstellen, die mit einer „8“ gekennzeichnet waren. Diese Legitimationen waren bis Ende 1942 in Umlauf. Zur Zeit der III., IV., V. und VI. Serie der Mittagskarten wurden zu Dispositionszwecken Karten von Arbeitern, die aus dem Ressort bereits ausgeschieden waren, respektive solche, für die Duplikate ausgestellt11 waren, die verlorengegangenen Originalkarten aber wiedergefunden wurden, verwendet.

Ab August 1943 hat die Küche nur noch drei Dispositionsmittage herausgegeben und zwar auf die Weise, dass sie täglich um drei Mittage weniger quittierte.

Garfinkel verteidigte sich damit, dass die ganze Zeit hindurch die Dispositionsmittage nur an kranke, bedürftige Angestellte des Ressorts ausgefolgt und niemand dabei geschädigt wurde, im Gegenteil, es sei dadurch ein gutes Werk geschehen. Brot und Wurst habe er nie für sich verwendet und mit den Talons habe er keine Malversationen gemacht. Er hat jeweils sofort alle Arbeiter aufgefordert, ihre Bedürfnisse den Instruktoren bekanntzugeben; die Talone wurden verteilt. Als dann noch welche übrig blieben, liess er noch nachträglich Talons verteilen. Schliesslich blieben noch Talons auf solche Sachen, für welche kein Bedürfnis da war, wie Ohrenschützer, Taghemden12 für Frauen und anderes. Er hat die Bekleidungsabteilung angerufen und die Zusicherung erhalten, die Talons werden ihm verlängert werden.

Bezüglich der Unterstützungsgelder entschuldigte sich Garfinkel damit, dass er zur Zeit, als das Geld ankam, durch dringende andere Arbeiten /Absendung einer Arbeitsgruppe nach Marysin in die Mieten, Kommissionen, Reduktion im Ressort/ beschäftigt war, so dass er die Gelder nicht zur Auszahlung bringen konnte.

Das Naftalin sei ins Ressort gekommen und die Fertigware damit konserviert worden. Allerdings habe er damals den Magazineur davon nicht verständigt, da er dazu einen anderen, mehr sachverständigen Arbeiter verwendete.

Die Sägespäne habe er ausdrücklich für sich bestellt und dies auch Herrn Tabakman, dem Bürochef der Kleinmöbelfabrik, gesagt. Die Sägespäne, die vom Kohlenplatz kamen, habe er nicht für sich verwendet.

Es sei richtig, gab Garfinkel zu, dass er sich vom Arbeiter Pfefferberg habe ein Paar Schuhe anfertigen lassen, es sei jedoch nicht seine Schuld, dass Pfefferberg trotz einiger Mahnungen keinen Preis nennen wollte. Dass die Frau des Pfefferberg später in eine Bäckerei kam, ist nur darauf zurückzuführen, dass ihr schlechter Gesundheitsstand dies erforderte.

Modrzewiecki bestritt ebenfalls jegliche Schuld und gab lediglich zu, manchmal für sich Zusatzsuppen gekauft zu haben.

Das Beweisverfahren hatte folgendes ergeben:

Die Zeugen Szepes und Lubinski haben einmal beobachtet, dass aus dem Büro Garfinkels der Bote Widawski mit einem Paket Mittagskarten herausging und sie dem Modrzewiecki zusteckte.

Der Zeuge Grossmann kaufte dann von Modrzewiecki eine Mittagskarte und stellte fest, dass die Evidenznummer des Arbeiters fehlte und ausserdem auf der Karte mit einem Grünstift eine „0“ aufgezeichnet war. Im Laufe von einigen Tagen hatte Grossmann mit Lubinski bei Modrzewiecki acht solche Mittagskarten aufgekauft.

Die Sekretärin Garfinkels, Lejzerowicz Janina, gab zu, sechs Paar spezieller Mittagskarten der 6. Serie über Auftrag Garfinkels ausgeschrieben zu haben. Diese Karten wurden mit einer mit Rotschrift geschriebenen Nummer von 1 bis 6 gekennzeichnet. Gleich bei der Abnahme der13 Karten in der Küche wurden diese Karten herausregregiert14. Sie waren auch dadurch kenntlich, dass der Ressortstempel rot, und nicht – wie bei den anderen Mittagskarten – schwarz war. Die Stempelung dieser Karten besorgte der Leiter selbst. Nach der Aussortierung wurden sie sofort dem Leiter überbracht.

Die ehemalige Sekretärin Bankier erinnerte sich genau daran, dass Garfinkel ihr Anweisungen zur Ausfolgung von Brot und Wurst für neuaufgenommene, noch nicht arbeitende Personen gegeben habe. Sie hat öfter auf dem Tisch des Leiters 3 bis 4 Portionen Brot und Wurst gesehen und hat auch einmal gesehen, wie die Frau Garfinkels in der Küche15 6 Portionen Brot und Wurst auf einmal abgenommen hat.

Der Bürochef Staszewski erklärte, über schriftlichen Auftrag des Leiters Garfinkel zehn zusätzliche Legitimationen ausgestellt zu haben, die er mit einer „8“ besonders kenntlich machte. Diese Legitimationen sind täglich aus der Evidenzabteilung sofort ins Büro des Leiters gebracht worden. Er bestätigte auch, dass die Sekretärin Bankier ihn seinerzeit darauf aufmerksam gemacht habe, dass der Leiter Brot und Wurst für sich verwende und dass sie gesehen habe, wie die Frau des Garfinkel auf einmal 6 Portionen Brot und Wurst abgenommen habe.

Es traten nun eine Reihe von Zeugen auf, die behaupteten, keine oder nur einmal eine Unterstützung erhalten zu haben, obwohl sie auf den Listen16 ein-, zwei- oder auch dreimal figurieren. Dabei wurde auch festgestellt, dass manchen Personen im November oder Dezember eine Unterstützung ausgezahlt, im August oder September jedoch zurückgehalten wurde.

Einige Instruktorinnen sagten aus, sie haben ihre Belegschaft einigemale aufgefordert, ihre Bedürfnisse an Kleidung und Wäsche anzugeben, schliesslich aber habe sich niemand mehr auf das, was noch vorhanden war, gemeldet.

Bezüglich des Naftalins haben die Zeugen Stawicki und Manowicz ihre Aussagen aus der Prokuratur geändert. Ersterer will dabei gewesen sein, als die Teppiche mit Naftalin bestreut wurden, letzterer – der Magazineur des Ressorts – will beim Aufladen der Teppiche zum Abtransport gesehen haben, wie sich ein weisses Pulver aus den Teppichen geschüttet habe, das er als Naftalin erkannt haben will.

Da diese Aussage in krassem Widerspruche mit der Aussage in der Prokuratur steht und das ganze Auftreten des Zeugen ihn verdächtig machte, liess ihn der Staatsanwalt verhaften.

Zeuge Pfefferberg gab an, dem Garfinkel ein Paar Halbschuhe angefertigt zu haben. Ueber einen Preis wurde nicht gesprochen. Seine Frau hat gleich darauf einen B III-Talon und später Bäckerei bekommen.

Hinsichtlich der Sägespäne wird aus dem schriftlichen Material festgestellt, dass zwei Bedarfsmeldungen – eine an den Kohlenplatz, eine an die Kleinmöbelfabrik – eigenhändig durch Garfinkel geschrieben und herausgelangt sind. Die Sägespäne vom Kohlenplatz kamen ins Ressort, die aus der Kleinmöbelfabrik wurden durch den Boten Widawski, wie dieser selbst angibt, direkt in die Wohnung des Garfinkel und dessen Vater geschafft. Eine Quittung über die Abnahme dieser Sägespäne wurde durch den Betrieb ausgestellt. Der Betrieb wurde auch durch die Kleinmöbelfabrik dafür belastet.

Der Zeuge Tabakman bestätigte nicht die Behauptungen Garfinkels und erklärte, es sei unzweifelhaft um eine Ressort- und nicht eine Privatangelegenheit gegangen.

Die Verteidigung führte eine Reihe von Zeugen, die bestätigten, dass Garfinkel ihnen Mittagskarten zukommen liess. Auch auf andere Weise hat Garfinkel manche von ihnen unterstützt.

Als letzter Zeuge wurde der Leiter der Ressortküche, Wolinski, einvernommen. Er gab wohl zu, dass es zur Zeit der ersten Serie der Mittagskarten besondere Dispositionssuppen gegeben habe und dass Mittagskarten mit der Aufschrift „dyspozycyjne“ honoriert wurden. Dies habe jedoch bei Herausgabe der zweiten Serie der Mittagskarten aufgehört. Seit dieser Zeit gab es keine Dispositionssuppen. Erst in den letzten Monaten habe er dem Teppichressort täglich drei Suppen zur Verfügung gestellt. Diese hatten jedoch mit den seinerzeitigen Dispositionsmittagen nichts gemeinsames. Dass er diese drei Suppen dem Ressort täglich zur Verfügung gestellt habe, hat folgenden Grund: die Küche braucht sehr oft vom Ressort eine Gefälligkeitsleistung, z.B. Schälen von Kartoffeln, Leihen eines Wagens, Reparieren einer Pumpe usw. Um nun keine Schwierigkeiten zu haben und immer schnell vom Ressort das, was er brauchte, zu bekommen, gab er dem Ressort pauschal täglich 3 Suppen. Diese Suppen waren eigentlich für die Leute bestimmt, die in der Küche die erwähnten Aushilfsarbeiten leisteten. Er überliess jedoch die Verteilung dieser Suppen dem Ressortleiter. Die Ausgabe dieser 3 Suppen erfolgte auf diese Weise, dass dem Ressort täglich um 3 Suppen weniger quittiert wurden.

Garfinkel wurde vom Senat in fünf Punkten für schuldig erklärt und:

1./ wegen Herausgabe der Mittagskarten, Verkauf derselben und Abnahme der Brot- u. Wurstrationen zu 1 Jahr Gefängnis,
2./ wegen Aneignung der Unterstützungsgelder zu 1 1/2 Jahren Gefängnis,
3./ wegen Aneignung des Naftalins zu 6 Monaten Gefängnis,
4./ wegen Aneignung der Sägespäne zu 6 Monaten Gefängnis,
5./ wegen Geschenkannahme zu 6 Monaten Gefängnis,
    insgesamt zu 2 Jahren Gefängnis

verurteilt.

Von der Anklage bezüglich der Bekleidungstalons wurde Garfinkel freigesprochen.

Modrzewiecki wurde ebenfalls schuldig gesprochen und erhielt

wegen Beihilfe zum Amtsmissbrauch 5 Monate Gefängnis
wegen Suppenhandel 200 Mk. Geldstrafe.

Sanitätswesen.

Keine ansteckenden Krankheiten gemeldet.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 6 Lungentuberkulose, 2 Lungenkrankheiten, 2 Herzkrankheiten, 1 Magenblutung.

1

Im Tages- und Tätigkeitsbericht des Gettokommissariats der Kripo heißt es dazu: „Der Jude hatte widerrechtlich das Getto verlassen. Der Schußwaffengebrauch war berechtigt (Sonderbefehl des Kdo.d. SchP.-S.I a- vom 11.4.1941 Ziff. 3)“ (APŁ, 203/62, Bl. 77).

2

Der Bremer Albert Meyer, geb. 25. April 1902, war innerhalb der Gettoverwaltung der Leiter der Warenverwertung, in der alles erfasst wurde, was von den Gettobewohnern beschlagnahmt oder ihnen „abgekauft“ worden war. Meyer konnte für seine Taten offenbar nicht mehr gerichtlich belangt werden; Diamant gibt an, er sei „verstorben“. (APŁ, GV29340, Bl. 41; Alberti 2006, S. 271; Diamant 1986, S. 173).

3

HK, LK**, JFK*: Nachfolgend gestrichen „Schon“.

4

Im Original des Rundschreibens nachfolgend „/Suppen und Gehalt/“.

5

So in HK, LK*, JFK* in Übereinstimmung mit dem Text des Rundschreibens.

6

Im Original des Rundschreibens „und“.

7

Im Original des Rundschreibens ist das Wort „doppelter“ unterstrichen.

8

Im Original des Rundschreibens „gez. J. Rumkowski.gez. „M. Rosenblatt“.

9

HK, LK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „folgt“.

10

Mit Ausnahme der genannten Abweichungen wird der Wortlaut des Rundschreibens vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/422, Bl. 16f.: Rumkowski/Rosenblatt, Rundschreiben Nr. 19 / An alle Ressorts und Abteilungen, Betr. Zuwendungen an Kranke, 30.1.1944.

11

HK, LK**, JFK*: Nachfolgend gestrichen „worden“.

12

Taghemden sind Unterhemden, im Gegensatz zu Nachthemden. Vgl. Junker/Stille 1988, S. 209 und 257.

13

HK, LK**, JFK*: Nachfolgend gestrichen „Mittag“.

14

herausregregiert, vermutlich statt herausregrediert, zu regredieren ‚Regress nehmen‘, zu lat. regressus ‚Rückkehr, Rückgang‘.

15

HK, LK**, JFK*: Nachfolgend gestrichen „einmal“.

16

HK, LK**, JFK*: Nachfolgend gestrichen „des“.