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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Montag, den 4. Oktober 1943

Tageschronik Nr.: 
261
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Das Wetter:

Tagesmittel 17-26 Grad, sonnig, warm.

Sterbefaelle:

10

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 4

Bevoelkerungsstand:

83.662

Unfall:

Am 2.10. stuerzte der 5jaehrige Krakowski Rafael, wohnhaft Inselstr. 30, aus dem Fenster seiner im 2. Stockwerk gelegenen Wohnung. Er erhielt eine Gehirnerschuetterung und wurde durch die Rettungsbereitschaft ins Krankenhaus ueberfuehrt.

Tagesnachrichten.

Keine besonderen Ereignisse.

Der Fall Winograd:

Die Tageschronik vom 30. September 1943 hat vermerkt, dass der Leiter der Holzgalanterie-Abteilung, in der Bazarna, Winograd, wegen Beanstandung von Lieferungen auf 1 Monat in Czarnieckiego zur Disposition der Getto-Verwaltung gestellt wurde. Winograd hatte die ganze Verantwortung auf sich genommen und die Strafe sofort angetreten.

Nun hat Amtsleiter Biebow auf Intervention des Arbeits-Ressort-Chefs, A. Jakubowicz, den inhaftierten Winograd wieder freigegeben, d.h. aus dem Zentral-Gefaengnis entlassen. Winograd wird voraussichtlich seine Arbeit in der Holzgalanterie-Abteilung gleich wieder aufnehmen.1

Amtsleiter Biebow hat die Disposition getroffen, dass diejenigen Maschinen, welche kriegswichtige Artikel produzieren, von der Bazarna in die Putziger 9 verlegt und dort die entsprechende Verwendung finden werden.

Approvisation.

Kuerbis-Ration:

Wie erwartet, ist tatsaechlich eine Kuerbisration herausgekommen. Die Kundmachung erfolgte in den gestrigen Nachmittagsstunden, wonach auf Coupon Nr. 110 der Gemuesekarte ab Sonntag, den 3.10.1943,

  • 2 kg Kuerbisse pro Person zum Preise von Mk 1.- herausgegeben wird.

Dieses Gemuese war der Bevoelkerung nicht sehr bekannt. Allgemein hoert man auf der Strasse und in den Bueros die Frage: „Was macht man mit Kuerbis?“ Die Verwendung dieser Frucht als Kompott ist noch einigermassen populaer, da aber die wenigsten Verbraucher ueber genuegend Zucker verfuegen und auch Saccharin sehr teuer ist, wissen die wenigsten was damit anzufangen. Aus Kuerbis kann man ein schmackhaftes Gemuese herstellen, etwa wie Weisskohl, freilich ist hierzu etwas Essig erforderlich und an dem Artikel fehlt es im Getto. Allenthalben auf den Strassen sieht man Leute, Kinder und Erwachsene, mit den Riesenfruechten. Oft staunt man, dass das Kind die maechtige Kugel ueberhaupt nach Hause bringen kann. Viele fragen erst garnicht, was macht man mit Kuerbis, sie schneiden einfach ein Stueck des gelben Fleisches ab und essen es schon auf der Strasse roh. In den Fenstern sieht man ueberall Kuerbiskerne zum trocknen, auf den Strassen ueberall die Reste von Kuerbiskoernern, kurz: das Getto steht augenblicklich im Zeichen des Kuerbis.2

Die Kartoffelzufuhr ist augenblicklich befriedigend, man darf fuer die naechste Zeit eine gewisse Stabilitaet in der Kartoffelversorgung erwarten.

Weitere Personalreduzierung in den Milchverteilungsstellen:

Das Personal in den Milchverteilungsstellen wurde weiter reduziert. Die Milchlaeden arbeiten nur mehr 3 Mal woechentlich u.z. abwechselnd ein Tag diesseits und ein Tag jenseits der Bruecke.

Ressortnachrichten.

Feuerschutz im Metall-Ressort I:

Die Leitung des Metall-Ressorts I, Hanseatenstrasse 63, organisiert einen eigenen Feuerschutz. Die Leute werden unter Aufsicht des Feuerwehr-Kommandos eingeschult.

Fuersorgewesen.

Talons B I und B II liquidiert?

Bekanntlich hat der Praeses den Talon B III, der bisher als sogenannter Umlauftalon in den Ressorts fungierte, gaenzlich aufgehoben und an dessen Stelle die Zuweisung eines jeweils 14taegigen Kraeftigungsmittags verfuegt.

Seit einigen Tagen beschaeftigt sich der Praeses mit dem Plan, auch die Talons B I und B II zu sistieren und durch Kraeftigungsmittage zu ersetzen. Der Vorgang hiebei soll in der Weise erfolgen, dass die Inhaber des Talons B I staendig eine 14taegige Kolacje mit 14taegiger Pause, des Talons B II mit 28taegiger Pause erhalten.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

2 Bauchtyphus, 5 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

2 Lungentuberkulose, 2 Lungenkrankheiten, 4 Herzkrankheiten, 1 chronische Darmentzuendung, 1 Oberschenkeltuberkulose.

1

Zur Verhaftung und Freilassung von Winograd vgl. auch Poznański 2002, S. 117.

2

Die Kürbiszuteilung greift Alice de Buton in ihrem Bericht „Was kocht das Getto heute“ auf: „Als erstes wurden Kürbisse, hier unter dem Namen ‚Dynie‘ bekannt, an die Hungrigen verteilt. 2 Kilo pro Kopf zum Preise von 1 Mk. Obwohl diese Zuteilung am Tage nach der Kolonial-Ration, die auch 5 kg Kartoffel für 10 Tage enthielt, bekanntgegeben wurde, war der Andrang ein derartiger, dass es stundenlanges Reihenstehen erforderte, um zu diesen seltsamen Früchten zu gelangen. Wahre Riesenexemplare, rund, oval, länglich, grün, gelb oder orange wurden von den Glücklichen nachhause geschleppt, die eine mehrköpfige Familie zu versorgen haben, während kleinere Familien oder Einzelpersonen oft nur Teile und Stücke von grossen Kürbissen erhalten konnten, da diese Kürbiss-Elefanten das Rationsgewicht von 2 kg weitaus überstiegen. Man hatte früher diese Art von Banys – wie die Kürbisse nach ihren Kernen, die ebenfalls als Delikatesse getrocknet und dann geschält wie Mandeln verzehrt werden, auch genannt sind, nie gesehen und doch waren alle froh, wieder etwas Gemüse für den Kochtopf zu haben. Von allen Seiten hörte man fragen: Was macht man damit? Wie kocht man das? Haben Sie das schon gegessen?“ (YIVO, RG 241/888; vollständig abgedruckt in Bd. 5).