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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 6. Dezember 1943

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Tageschronik Nr.: 
324

Das Wetter:

früh 0 Grad, mittags 2 Grad, trocken.

Sterbefälle:

7

Geburten:

1 /männlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Diebstahl: 2

Bevoelkerungsstand:

83.267

Tagesnachrichten.

In den Abendstunden verlautet, dass der Amtsleiter Biebow morgen, Dienstag, abends zu den Leitern und Vertretern der Arbeiterschaft sprechen wird. Die Versammlung soll im ehemaligen Kulturhaus stattfinden, wo sich jetzt die Steppdeckenfabrik befindet. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Nachricht durch das Getto, zumal es tatsächlich eine regelrechte Sensation ist, dass eine deutsche Persönlichkeit zu Juden sprechen soll. Die Steppdeckenfabrik hat bereits den Auftrag, den Saal für die morgige Versammlung bereit zu stellen. Es ist begreiflich, dass man im Getto ausserordentlich gespannt ist auf die Ausführungen des Amtsleiters, dies umsomehr als bisher in der Frage der Verpflegung der Schwerarbeiter noch immer keine Entscheidung gefallen ist. Zweifellos wird der Amtsleiter über dieses Problem sprechen, da es augenblicklich ein brennenderes nicht gibt. Abgesehen von den Leitern, die ja im Genusse der B-Zuteilungen waren, hatten ja so ziemlich alle wichtigen Faktoren in den Betrieben zum Teil die B-Zuteilungen genossen, zum grössten Teil die B I- und B III-Talone. Als die B III-Talone im Zuge der Reorganisation durch den Präses fielen, trat an deren Stelle das Kräftigungsabendessen. Da auch diese Einrichtung durch das Machtwort des Amtsleiters aufhörte, stehen die Leiter, Instruktoren, Gruppenführer und Schwerarbeiter ohne jede zusätzliche Ernährung da. Da der Amtsleiter in seiner Kundmachung vom 7.11.1943 einen Plan in Aussicht gestellt hatte, erwartet man nunmehr, dass er diesen seinen Plan der Versammlung zur Kenntnis bringen wird. Dass er bei dieser Gelegenheit auch sonstige Probleme des Gettos zur Sprache bringen wird, darf als selbstverständlich vorausgesetzt werden.

Approvisation.

Keine wesentliche Aenderung. Der Kartoffeleinlauf ist heute etwas stärker mit ca 165.700 kg. Ferner wieder 50.000 kg Kohlrüben und etwa 35.000 kg Rettich und Möhren. Befriedigende Fleischzufuhren sichern eine Wochenration. Erstmalig erhielt das Getto ca 3.500 kg Kuerbissaft, womit der hungrige Gettobewohner nicht viel anzufangen wissen wird.

Ressortnachrichten.

Tischlerei:

Die II. Abteilung der Tischlerei, Reiterstrasse, steht unmittelbar vor der Stilllegung, abgesehen von einem kleinem1 Auftrag, der für einige Tage Arbeit sichert. Die Lage in diesem Betrieb ist folgende: Dort wurden bisher die Kinderbetten fabriziert. Da jedoch die Holzbeschaffung ausserordentlich schwierig ist und die Getto-Verwaltung ein eminentes Interesse hat an der2 Beschaffung von kriegswichtigen Aufträgen, entschloss sich der Amtsleiter, die noch vorhandenen Holzreserven für solche Aufträge sicherzustellen, für welche sogenannte Holzscheine bewilligt werden. Da die Kinderbetten durchwegs für Rechnung von Privatfirmen erzeugt werden und diese sich Holzscheine augenblicklich nicht beschaffen können, wird es zu einem Stillstand in der Kinderbettenproduktion kommen müssen. Für die allernächsten Tage erhält dieser Betrieb einen Auftrag zur Lieferung von verschiedenen Pulten, Regalen und Holzbänken für das sogenannte „Pack-Ressort“, das demnächst in Radegast errichtet wird.

Ein Pack-Ressort:

Bekanntlich3 produziert der Holzbetrieb, Putziger 9, die sogenannten Winterbaukisten. Das sind Kisten, die für Wehrmachtsautos hergestellt werden und in welchen Autobestandteile für Kraftkolonnen verpackt werden sollen. Diese Kisten wurden zum grössten Teil in Bestandteilen nach Theresienstadt in Böhmen4 geliefert, wo sie komplettiert wurden und wo gleichzeitig die erwähnten Autobestandteile fabriksmässig verpackt wurden. Da allem Anschein nach Theresienstadt diesen Auftrag nicht zur Zufriedenheit der Auftraggeber durchgeführt hat, kam dieser Auftrag ins Getto. Nunmehr werden diese Arbeiten in Radegast durchgeführt werden. Die Leitung übernimmt Herr Feiner von der Schneiderei-Abteilung. Die innere Einrichtung für dieses Ressort wird eben der Holzbetrieb, Reiterstrasse, liefern.

Nähmaschinen-Reparatur:

In diesem Betrieb wurde ein grösserer Diebstahl aufgedeckt. Mehrere Personen wurden verhaftet.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

2 Bauchtyphus, 2 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

2 Lungentuberkulose, 3 Herzkrankheiten, 1 Lungenentzündung, 1 frühe Totgeburt.

1

So in HK, LK**, JFK**.

2

HK: Ursprünglich „die“; von Hand korrigiert. LK**; JFK**: „die“.

3

Der Chronist bezieht sich an der betreffenden Stelle auf wiederholte Berichte im November 1943. Vgl. zuerst den Eintrag „Kleinmöbelfabrik, Putziger 9“ in der Tageschronik vom 3. November 1943.

4

In Theresienstadt (Terezín) in der Nähe von Prag hatten die Nationalsozialisten in einer alten Garnisonsstadt ein gettoähnliches Konzentrationslager eingerichtet. Juden hauptsächlich aus Böhmen und Mähren, aber auch aus dem übrigen Mittel- und Westeuropa waren hier eingepfercht. Die erste Gruppe Häftlinge kam aus Prag und traf Ende November 1941 in Theresienstadt ein. Für viele war das Lager eine Durchgangsstation auf dem Weg in den Osten und damit in den Tod. Im Januar 1942 verließ der erste Transport Theresienstadt ; 2000 Juden wurden nach Riga deportiert, von hier aus brachten die Deutschen ihre Opfer auch in die Vernichtungslager Treblinka und Auschwitz-Birkenau. Nach Theresienstadt wurden viele ältere Juden, Juden in besonderer Stellung oder Juden mit Kriegsauszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg deportiert. Wie in einem Getto war auch hier ein Ältestenrat für die Organisation jüdischen Lebens zuständig. Vorsitzender war zuerst Jakob Edelstein, dann der Soziologe Paul Eppstein und anschließend der Rabbiner Benjamin Murmelstein aus Wien. Auch im angeblichen „Mustergetto“ waren die Lebensbedingungen jedoch katastrophal, so starben 1942 knapp 16000 Menschen im Lager, das sind gut 50 Prozent der durchschnittlichen Gesamtbevölkerung. Insgesamt starben im Lager 33.000 Menschen und 88.000 deportierten die Nationalsozialisten weiter in die Vernichtungslager. Vgl. Enzyklopädie des Holocaust 1995, Bd. 3, S. 1403-1407; Schneider 2005, S. 31-33; Kárny/Blodug/Kárná 1992. Wichtig zum Lager Theresienstadt sind vor allem auch die als Jahrbuch erscheinenden „Theresienstädter Studien und Dokumente“. Das Standardwerk Adler 1955 wurde kürzlich neu zugänglich gemacht: Adler 2005. Auch existieren zahlreiche Erinnerungsberichte, die hier nicht eigens genannt werden sollen, zuletzt erschienen etwa Manes 2005, Spier-Cohen 2005 und Brenner-Wonschick 2006. – Jakub Poznański notiert Ende Oktober 1943 in seinem Tagebuch, dass „in der letzten Zeit“ Postkarten aus Theresienstadt ins Getto gelangt seien: „Aus dem Inhalt der Karten kann man schließen, dass dort auch so etwas wie das Getto Lodz oder wie ein Arbeitslager errichtet worden ist, denn alle arbeiten dort. Ob sie ausreichend zu essen haben, oder ob sie solche Hungerrationen bekommen wie wir, das weiß ich nicht. Sie haben es schon deshalb besser, weil sie schreiben dürfen, uns dagegen ist es verboten, die Post zu nutzen“ (Poznański 2002, S. 121f.; übers. aus dem Poln.).