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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 6. März 1944

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Tageschronik Nr.: 
66

Das Wetter:

Tagesmittel 2-5 Grad Wärme, nass.

Sterbefälle:

20,

Geburten:

5 /3 m., 2 w./

Festnahmen:

Diebstahl 1

Bevölkerungsstand:

78.832 /78.844 lt. Karten-Abtlg./

Tagesnachrichten.

1710 Arbeiter:

Die erste Gruppe, 750 Mann, sind1 bereits am Bestimmungsort eingetroffen. Obwohl dies technisch nicht möglich ist, wollen Leute schon Nachrichten von Arbeitern gelesen haben, die mit dem 1. Transport in der Richtung nach Częstochowa abgefahren sind. Natürlich kann keine Rede davon sein.

Die Jagd nach Menschen wird fortgesetzt. Wieder eine Nacht der Schrecken von gestern auf heute. Es wurden Männer und Frauen, letztere in der Mehrzahl, aus den Wohnungen geholt, ca 350 zumeist alleinstehende Personen. Die Listen wurden vom Arbeitsamt aufgestellt und nicht, wie im Getto herumgesprochen wird, von den Leitern der Betriebe.

Der Präses und Kligier bemühen sich redlich, wie man beobachten kann, den Jammer der Aussiedlung nach Möglichkeit zu mildern, indem eben nur einschichtige, jüngere Personen ausgesucht werden, durch deren Weggang nicht ganze Familien in seelische und materielle Not geraten.

Gruppenweise werden die festgenommenen Personen, unabhängig, ob ihr Schicksal schon bestimmt ist oder nicht, zum Baden in die Desinfektionsanstalt geführt.

Bei der heutigen Razzia beschränkte sich die Aktion nicht mehr auf Personen, die in den Abteilungen beschäftigt sind, sondern es kamen auch Ressortarbeiter in Betracht. Freilich nur Leute, durch deren Abgang die Betriebe in der Produktion keine Einbusse erleiden.

Frühjahrs-Saison:

Nachdem die ersten Vorboten der landwirtschaftlichen Saison 1944, die erste Samensendung, eingetroffen sind, befassen sich die massgebenden Stellen bereits mit der Frage der Bodenverpachtung. Auch heuer liegen die Dinge unmittelbar vor Beginn der Verpachtung nicht klar. Es heisst, dass die Getto-Verwaltung alle grösseren, zusammenhängenden Geländestücke für sich in Anspruch nehmen will. Heute hatte der Präses mit Kligier Beratungen wegen der Bodenverteilung. Der Präses ist zunächst der Ansicht, dass der verfügbare Boden an die Ressorts abgegeben werden soll. Kligier und der Leiter des Wirtschaftsamtes, Herr Zajbert, sind gegen diese Art der Bodenvergebung, weil die Praxis gelehrt hat, dass die Leiter in der Hauptsache ihren Vorteil gewahrt und die den Ressorts zugewiesenen Parzellen für sich exploitiert haben. Da in diesem Stadium noch2 nicht bekannt ist, wieviel Boden nach Befriedigung der Getto-Verwaltung übrigbleiben wird, dürften die Entschlüsse noch einige Zeit auf sich warten lassen.

Approvisation.

Der Einlauf von Gemüse und Kartoffeln ist nach wie vor äusserst gering. Während am 3. März eine Ladung von 6080 kg Kartoffeln schlechtester Sorte hereinkamen,3 erhielt das Getto am 4.3. nur 4000 kg Kartoffeln, ebenfalls schlechter Sorte. Es kamen am 3.3. noch 8500 kg Möhren und am 4.3. ein kleiner Rollwagen mit 800 kg Kohlrüben herein. Alles in allem also fast nichts. Die Möhren werden, wenn sie es auf ihrem Leidensweg erleben sollten, zur Deckung der noch nicht voll ausgegebenen letzten Ration verwendet werden. – Fleisch kam am 3.3. keines, am 4.3. hingegen 4080 kg.

Die sogenannten inneren Küchen, die für geschlossene Betriebe kochen, haben eine gewisse Dispositionsfreiheit erhalten. Diese Küchen kochen je nach Massgabe der Vorräte fünfmal wöchentlich Suppen mit Kohlrüben und Kartoffeln und zweimal dichte Suppen ohne Kartoffeln aus Kolonialwaren mit Fleisch. Sie erhalten zusätzlich etwas Fleischadern und Knochen. Die Küche der Metallabteilung I ist besonders bevorzugt.

Der Brotumtausch auf Mehl /1,40 Mehl für 2 kg Brot/ erfolgt seit 25.2.44 in allen Verteilungsstellen ohne Formalitäten bezw. die separate Genehmigung der Talon-Abteilung.

Zusatzbrote:

Die Facharbeiter in den Bäckereien erhalten jetzt wieder ihre frühere Zuteilung u.zw. 75 dkg Brotkonsumption am Platz und 1 Brot auf 8 Tage nachhause. Sie müssen allerdings 12 Stunden täglich arbeiten.

Mazzot:

Nach einer Besprechung des Präses mit den Leitern der Bäckereien, Lajzerowicz und Gutman, beginnt die Bäckerei an der Bierstrasse demnächst mit dem Backen von Mazzot. Der Betrieb muss jedoch mit den eigenen Arbeitskräften auskommen, da zusätzliche Arbeitskräfte nicht zur Verfügung gestellt werden können. Freilich kann diese Bäckerei allein ein nennenswertes Quantum nicht produzieren, so dass damit die Frage von Mazzot für die kommenden Pessachfeiertage noch nicht völlig geklärt ist. Möglicherweise werden im Laufe der kommenden Woche noch andere Bäckereien eingesetzt werden, doch hängt dies von der Möglichkeit ab, entsprechende Fach- und Hilfskräfte aufzutreiben.

Ressortnachrichten.

Die Schneiderei Hanseaten 53 hat wieder laufend Aufträge auf Militäruniformstücke /Tarnanzüge4 etc./ und Reparaturen erhalten.

Die Schneiderei Mühlgasse 2 /Zivilsektor/ führt jetzt keine Arbeiten für den Privatgebrauch des Gettos durch. Diese Arbeit macht augenblicklich nur der Schneiderbetrieb Kreuzgasse 2.

Wäsche- und Kleider,

Franzstrasse 13, hier wurde ein Fachkurs für Jugendliche nach drei Monaten beendet. Die Mädels gehen jetzt als jugendliche Arbeiter mit fünfstündiger Arbeitszeit in die Ressorts über. Die letzte Woche des Kurses durften sie für Arbeiten zum eigenen Gebrauche verwenden.

Kleiner Getto-Spiegel.

Handel mit Menschenfleisch:

Nicht ohne innere Erregung, ja mehrnoch – nicht ohne Teilnahme – wird der Chronist von dem Jammer berichten, der mit der Entsendung von 1710 Arbeitern nach ausserhalb des Gettos verknüpft war. Die Tage dieser Aussiedlung glichen in vielem den Septembertagen 1942 unseligen Angedenkens und wer nur ein wenig Gedächtnis und Phantasie besitzt, wird bekennen, dass diese Tage symbolhaften Charakter haben bezüglich des Wesens des Gettos Litzmannstadt: Schreck und Hunger in wechselseitiger Wirkung!

Alle Begierden, die guten und die bösen, hat die Jagd auf Menschen hervorgetrieben. Noch war die Erinnerung an die vorhergehenden Arbeitertransporte dem Gedächtnisse nicht entschwunden und darum suchte jeder, der für den Februartransport bestimmt war, sich unter allen Umständen zu retten. Dem nächtlichen Zugriff entschlüpfte man durch Flucht, durch List, durch Hingabe des letzten. All das half nicht viel. Die für den Transport verantwortliche Stelle warnte in auffallend gehaltenen Kundmachungen die Kandidaten, sich ihrer Stellungspflicht zu entziehen. Sie verschärfte die Warnung mit dem Entzug der Nahrungsmittel für die ganze Familie. Nichtsdestoweniger hielt die Flucht an. Sie – nach denen bei Tag und Nacht gefahndet wurde – verbargen sich in verlassenen Baracken, in Löchern, Dachböden, abseitigen Räumen von Ressorts, in Gegenden, die nicht einmal als Schlafstätten für Tiere geeignet gewesen wären. Die zur Ausreise nach ausserhalb des Gettos bestimmten Gettobewohner, „Arbeiter“, wurden gejagt wie das Wild im Walde ... Das dauerte drei Wochen. Drei lange und bange Wochen.

Aber selbst im grössten Jammer fand sich für einige Verdammte ein Auskunftsmittel5: sie stellten einen Ersatzmann. Sie fanden – trotzdem das Getto die Reise ins Ausland als lebensgefährliche Exkursion ansah – Menschen, die an ihrer statt diese Exkursion zu unternehmen gewillt waren. Der Preis, das Honorar war: zwei Laib Brot und 1 Kilo Zucker oder andere Lebensmittel im Werte dieser beiden Produkte. Für zwei Laib Brot und 1 Kilo Zucker gingen Juden im Februar 1944 hinaus in die Knechtschaft, ins Ungewisse, vielleicht ins Verderben ... So gross war der Hunger, so gross die Gier, ihn zu stillen. „Schlechter kann es auch draussen nicht sein“ – dachte der Austauschkandidat und „vorläufig kann ich mich ein paar Tage am Brot sattessen“.

Zwei Laib Brot und 1 Kilo Zucker wiegen, wenn Schreck, Hunger und Jammer keine Grenze mehr haben, ein Menschenleben auf. Die Psychologie des Gettomenschen stellt die Wissenschaft vor bisher unbekannte Probleme.

Gesundheitswesen.

Infolge Platzmangels im Krankenhaus I an der Richtergasse wurde im Krankenhaus II, Matrosengasse, eine Interne Abteilung errichtet. An der Richtergasse bleiben jetzt nur chirurgische, gynäkologische6 und bevorzugte interne Fälle.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 6 Lungentuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

10 Lungentuberkulose, 6 Herzkrankheiten, 1 Darmtuberkulose, 1 Schrumpfniere, 1 Rippenfellentzündung.7

1

So in HK, LK*, JK*, JFK*.

2

HK, LK*, JK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „immer“.

3

So in HK, LK*, JK*, JFK*.

4

HK, LK*, JK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „und“.

5

Herbert Lewin (1899-1982), der als Gynäkologe im Getto- Krankenhaus tätig war, berichtet: „Ich arbeitete vormittags täglich etwa sechs Stunden in der gynäkologischen Abteilung des Krankenhauses. In dieser Zeit operierte ich auch. Die Hebammen und die männlichen Operationsschwestern waren ausgezeichnet. Meine Klinik hatte 30 Betten und war, wie alle Kliniken, ungezieferfrei. Nachmittags ordinierte ich zwei Stunden im gynäkologischen Ambulatorium, das ich leitete. Durchschnittlich behandelte ich dort täglich 20 Patienten. Verbandstoffe waren knapp, Medikamente gab es in geringen Mengen. Überdies gab es Apotheken, wo man für seine Medizin bezahlen musste. Allgemein niedrig war bei allen Einwohnern der Blutzucker. Sektionen konnte man nur privat durchführen, oft wurden Gehirnödeme festgestellt. In der Nacht von Freitag zu Samstag hatte ich ärztlichen Bereitschaftsdienst, den man bei Einheimischen nur von jungen Ärzten verlangte. Ich hielt auch medizinische Vorträge vor Ärzten. Vom Gesundheitswesen bekam ich monatlich 300 Mark, aber der Brotpreis stieg in der Zeit meines Aufenthaltes in Lodz von 20 auf 2000 Mark. Nebenher übte ich Praxis als Geburtshelfer aus. Arme polnische Juden waren dem Arzt oft dankbar, die reichen Parvenus in der Regel undankbar […] Beruflich hatte ich öfters mit Rumkowski zu tun. So intervenierte ich im März 1944 bei ihm, als er schwangeren Frauen und ganzen Familien die Ernährung entzog. Mit den Abzeichen eines Arztes – Mütze und Band – gab ich ihm die Sache nochmals zum Bedenken. Nach 14 Tagen erhielt ich einen positiven Bescheid. Bevor ich vorsprach, fragte ich draußen: ‚Wie ist er heute?‘ Die Antwort war: ‚Frisch, gesund und meschugge.‘“ (YVA, RG O-2/210, Bl. 1-3). Herbert Lewin war in den Jahren 1963-1969 Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland.

6

Die Aufzählung der Todesursachen ergibt 19. In der Rubrik „Sterbefälle“ der vorliegenden Tageschronik war von 20 Verstorbenen die Rede.

7

Auskunftsmittel, hier zu Auskunft in der Bedeutung ‚Hilfsmittel, Ausweg‘; regional..