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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 7. Februar 1944

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Tageschronik Nr.: 
38

Das Wetter:

Früh 1 Grad, in der Nacht fiel etwas Schnee.

Sterbefälle:

13

Geburten:

2 /1 männl., 1 weibl./

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

79.780

Tagesnachrichten.

Die Stimmung im Getto ist schlecht. Man flüstert wieder von Ein- und Aussiedlungen. Was die ersteren betrifft, so steht dies im Zusammenhang mit dem Aviso einer grösseren Partie Maschinen aus Lublin. Es handelt sich um eine Schnallenfabrik, die aus Lublin ins Getto übertragen wird. Im Zusammenhang damit spricht man auch von einer Einsiedlung der zugehörigen Belegschaft.

Was das Geflüster von der Aussiedlung betrifft, so dürfte die Ursache darin zu suchen sein, dass vor einigen Tagen durch das Arbeitsamt in Posen eine grössere Anzahl, angeblich einige hundert Metallarbeiter, wie Fräser, Schleifer, Schlosser etc. angefordert wurden, was jedoch die Getto-Verwaltung im Hinblick auf den eigenen Mangel an derartigen Fachkräften abgelehnt habe, nichtsdestoweniger hält sich dieses Gerücht.

Kommission im Getto:

Heute wurde das Getto von einer grösseren Kommission bestehend aus Offizieren des Luftschutzes besucht. Alle einschlägigen Einrichtungen des Gettos wurden besichtigt. Die im Getto1 gezogenen Luftschutzgräben erwiesen sich als untauglich, da man in geringer Tiefe auf Wasser stiess und der lehmige Boden Einsturzgefahr befürchten laesst.

Amtsleiter Biebow erteilte daher dem Aeltesten den Auftrag, auf dem Friedhofsgelände Luftschutzgräben graben und diese mit Hilfe von Grabsteinen versteifen zu lassen. Diese Arbeiten wurden durch die Abteilung Praszkier sofort in Angriff genommen.2

Pferde-Assentierung3:

28 Pferde des Gettos wurden assentiert und als militärtauglich qualifiziert. Ein Termin für die Ablieferung dieser Pferde liegt noch nicht vor.

Das Zentralsekretariat

des Präses amtiert bereits in den Räumen der ehemaligen wissenschaftlichen Abteilung. Eine rasch durchgeführte Adaptierung bietet dem Zentralsekretariat ein recht bequemes Amtieren.

Beratung beim Präses:

Einige Persönlichkeiten des Gettos erhielten um zwei Uhr nachmittags eine Aufforderung des Präses, um 5 Uhr abends bei ihm zu erscheinen. Der Zweck dieser Zusammenkunft ist zur Stunde noch nicht bekannt.

Gemüseabteilung:

Die Gemüse-Abteilung hat ihren Sitz nach dem Gemüseplatz Hanseatenstrasse 10 verlegt.

Der Diebstahl

in der Kolonialwaren- und Brotverteilungsstelle Mühlgasse 4 ist noch immer nicht aufgeklärt. Von den Tätern ist keine Spur.

Mandelik Anna,

die am 17. Januar d.J. aus dem Getto verschwand, ist noch immer nicht aufgefunden worden. Sie stammt aus Prag.4

Diebstahl im Magazin der Sonder-Abteilung:

Seit einiger Zeit haben die Magazineure im Verpflegslager5 der Sonder-Abteilung das Fehlen von verschiedenen Lebensmitteln beobachtet. Es lag systematischer Lebensmitteldiebstahl vor.

Man half sich schliesslich durch die Anbringung einer Alarmglocke.

Vorgestern trat nun diese Alarmglocke tatsächlich in Tätigkeit. Die sofort eindringenden O.D.-Männer der Sonder-Abteilung fanden im Lager den Tischlerarbeiter Lewin vom Holzbetrieb III an der Putzigerstrasse vor. Er wurde in flagranti beim Oeleingiessen ertappt.

Lewin arbeitete seit mehr als einem Jahr für die Sonder-Abteilung als Gehilfe bei verschiedenen Tischler- und Schlosserarbeiten, insbesondere bei Revisionen, wobei er zum Oeffnen verschlossener Türen verwendet wurde.6

Lewin, der das volle Vertrauen der Sonder genoss und eben in den Approvisationslagern der Sonder-Abteilung die Verschlüsse angelegt hatte, missbrauchte dieses Vertrauen, indem er sich gleichzeitig Nachschlüssel anfertigte und systematisch das Lager bestahl. Er wurde sofort verhört und zur Verfügung des Leiters der Sonder-Abteilung, Kligier, gestellt.

Approvisation.

Minimale Gemüse-Einfuhr:

Am 5. Februar kamen insgesamt 13.110 kg Rettich, die zur Deckung der laufenden Ration verwendet werden, und etwa 18.000 kg Kartoffeln, die den Küchen zugeführt werden. Am gestrigen Sonntag waren, wie gesagt, keine Eingänge zu verzeichnen. Der genaue Bericht vom heutigen Tage steht noch aus.

Brennmaterial-Zuteilung:

Von der Kohlen-Abteilung wurde heute auf Coupon 29 der Nahrungsmittelkarte eine neue Brikett-Zuteilung ausgeschrieben, u.zw. gelangen

ab Montag, den 14.II.44 pro Kopf 10 kg Briketts

zum Preise von Mk. 1.50

zur Ausgabe. Der Plan sieht eine Verteilung dieser Ration vom 14. bis 27. Februar d.J. vor.

Kleiner Getto-Spiegel.

Möhren vermehren sich nicht ...

Ein Waggon Mohrrüben ist eingetroffen. Es kommt sonst7 fast nichts herein. Die Gemüseplätze sind leer, die schon längst ausgeschriebene Ration von 1 kg Rettich und 1/2 kg Möhren gelangt nur teilweise zur Ausgabe, da es nichts zu verteilen gibt. Nur von Zeit zu Zeit kommt etwas herein. Gestern ist also ein Waggon Mohrrüben hereingekommen: ganze 4000 kg, eine Menge, man könnte damit fast 8000 Konsumenten befriedigen. Aber die Zahl ist gewöhnlich viel geringer, kein Wunder. – Wenn solch ein Waggon auf den Gemüseplatz kommt, wird er ausgeschüttet, und sofort melden sich alle dort Arbeitenden, nicht so sehr zur Arbeit, als zum Essen. Sie sind stark ausgehungert, so stark, dass sie alles, was nur geniessbar ist, roh geniessen, ganz zu schweigen von solchen Leckerbissen wie Mohrrüben. Was sich nur auf dem Platz befindet, das ganze Personal, wirft sich auf diesen einen Waggon Mohrrüben und stopft sich den Magen voll. Es braucht schon nichts anderes mehr gegessen zu werden, die Brotschnitte, die Suppe, alles wird stehengelassen und nachhause getragen, denn sie konnten ihren Hunger ja mit den Mohrrüben stillen.

Kann man es den Leuten übelnehmen! Es gibt solche, die drei bis 4 kg aufessen können. Das sind zwar Rekordesser, aber kleinere Quantitäten kann schon jeder einzelne herunterbringen. Wer verurteilt es, wenn sie dann die dadurch ersparte Suppe oder das Brot ihren Angehörigen nachhause bringen!

Im Getto ist es üblich, dass jeder, der auf dem Gemüseplatz, bei8 Kolonialwaren9, Bäckerei etc. beschäftigt ist, von den Lebensmitteln geniessen darf, solange er auf dem Arbeitsplatze ist. Er darf aber nichts heraustragen. Und so verkleinert sich der Mohrrübenhaufen auf dem Gemüseplatz auf beträchtliche Weise. Der Sonder steht zwar und passt auf, – aber er selbst ist auch nur ein Mensch, hungert wie die anderen und ... isst auch davon!

Nun wird die Ware vom Gemüseplatz zu den Verteilungsstellen gebracht. Die Transportleute bei den Handwagen haben steinerne Herzen, aber sehr umfangreiche Mägen, sie können auch ein schönes Quantum verzehren, und auf den Verteilungsplätzen selbst kommt schliesslich auch keine Mohrrübe dazu, im Gegenteil, sie vermindern sich zusehends. Um das Fehlgewicht zu ersetzen, werden sie mit Wasser begossen, Sand und Steine kommen dazu. Es gibt verschiedene Kombinationen, verschiedene Kniffe, um das Gemüse länger am Lager der Verteilungsstelle zu halten und auf diese Weise länger davon geniessen zu können: man verschiebt die Ausgabe der Ration um 1-2 Tage, gibt täglich nur an eine gewisse Anzahl von Konsumenten ab, nur um sich ein paar Mohrrüben retten zu können.

Es ist also kein Wunder, wenn nach so vielen Instanzen und Wegen, die das hereingekommene bisschen Ware durchgemacht hat, nur noch zirka 2-2500 kg zur Verteilung kommen. Der Rest ist unterwegs verschwunden.

Die durchschnittliche Konsumentenzahl einer Verteilungsstelle ist 2000. Wenn die Gemüseabteilung die Ware für diese Konsumenten an die Läden schickt, so sind gewöhnlich 5% für Manko /Austrocknen, Uebergewicht usw./ mit eingerechnet. Nach der Verteilung aber zeigt sich10, dass nicht alle Konsumenten ihre Ration erhalten haben, es fehlen noch etwa 5 bis 10 Prozent. Nun beginnt die Tragödie. Der Verteilungsstellenleiter moniert um einen Zuschuss, um das Manko zu decken, die Kolonialwarenabteilung unterstützt ihn, denn die Konsumenten sollen doch befriedigt werden. Aber die Gemüse-Abteilung – obwohl sie unter derselben Hauptleitung wie die Kolonialwaren- und Brotverteilungsstelle steht – ist anderer Meinung. Sie sagt, dass sie doch das nötige Quantum, ja noch mehr, geschickt hat, und somit ist für sie die Angelegenheit erledigt. Die Sonderabteilung vertritt denselben Standpunkt. Der wirklich Leidtragende dabei ist der Konsument, der nun monatelang warten kann, bis er zu seinem kleinen bisschen Gemüse kommt, wobei es fraglich ist, ob er es überhaupt noch erhalten wird. Manche Läden decken ihre Verschuldungen nun auf diese Weise, dass sie, wenn eine neue Ration angeliefert wird, die alten Schulden decken. Dadurch wird das Defizit immer größer und keiner weiss, wie es wieder kleiner werden soll. Vielleicht mit einer allgemeinen Pleite, vielleicht wenn der Krieg doch ein Ende nehmen soll, vielleicht ... wer weiss ...

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 3 Flecktyphus, 11 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 9 Lungentuberkulose, 2 Tuberkulose anderer Organe, 1 Herzkrankheit, 1 Bauchwassersucht11.

1

HK, JFK**: Ursprünglich „um die Stadt“; von Hand ersetzt. Am rechten Seitenrand von Hand eine Markierung; am unteren Seitenrand (mit Pfeil zu dem hervorgehobenen Teil des Textes) die polnischsprachige Anmerkung ‚in II. Kopie trotzdem‘. Offenbar von Nachkriegsbearbeitern.

2

Die Instrumentalisierung des Friedhofsgeländes für Luftschutzgräben kam einer groben Schändung gleich. Friedhöfe gelten im Judentum als ewige Stätten, die nicht angetastet werden dürfen. Für Näheres vgl. die Anmerkung zum Eintrag ‚Alter Friedhof in Gefahr‘ in der Tageschronik vom 26. Juni 1942.

3

Assentierung ‚Musterung‘; zu assentieren ‚auf Militärdiensttauglichkeit hin überprüfen‘, zu lat. assentiere; österr.

4

Anna Mandelik (geb. 12. März 1904) war mit dem 4. Prager Transport in das Getto gekommen. Sie wohnte zunächst in der Brunnenstraße 16 und vom 21. Januar 1944 an in der Pfeffergasse 1. Auf ihrer Meldekarte ist notiert: „Vermisst“ (APŁ, 278/1011). Sie hat den Krieg überlebt. Vgl. Seemann 2000, S. 294.

5

Verpflegslager, eine ältere Variante neben Verpflegungslager.

6

HK, LK**, JFK**: Nachfolgend gestrichen „Er genoss das volle Vertrauen der Sonder-Abteilung und hatte eben in den“.

7

HK, LK**, JFK**: „sonst“ jeweils von Hand hinzugefügt. HK: Am Rand die polnischprachige Anmerkung ‚in II. Kopie auch mit Bleistift‘.

8

HK, LK**, JFK**: Nachfolgend gestrichen „in der“.

9

HK, LK**, JFK**: Ursprünglich „Kolonialwaren-Verteilung“; „Verteilung“ gestrichen.

10

HK, LK**, JFK**: Nachfolgend gestrichen „gewöhnlich“.

11

Bauchwassersucht: Ansammlung von freier Flüssigkeit im Bauchraum, auch Aszites genannt. Sie kann Folge einer Herzerkrankung oder einer Leberschädigung sein. Allerdings tritt sie auch bei sehr einseitiger, eiweißarmer Ernährung auf. Sinkt der Eiweißgehalt im Blutplasma, so verlässt das Wasser aufgrund von Osmose die Gefäße und lagert sich z.B. als Ödem in die Beine, als Aszites in den Bauch oder als Lungenerguss in die Lungen ein.