Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Montag, den 8. Mai 1944

Podcast Icon
Tageschronik Nr.: 
128

Das Wetter:

Tagesmittel 8-14 Grad, bewölkt, in der Nacht geregnet.

Sterbefälle:

37,

Geburten:

1 m.

Festnahmen:

Verschiedenes: 1,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

77.168

Tagesnachrichten.

Kommission im Getto:

In den frühen Morgenstunden wurden die Strassen für den Passantenverkehr gesperrt. Nach 7 Uhr durfte sich niemand zeigen. Eine grosse Kommission vom Amt für Umsiedlung und Rassen1, bestehend aus etwa 40 Personen, traf schon gegen 7 Uhr im Getto ein und besichtigte unter Führung von Amtsleiter Biebow einige grössere Betriebe. Die Berlin er Herren wurden vom Polizeipräsidenten aus Litzmannstadt, Dr. Albert, ins Getto geführt. Es handelt sich hauptsächlich um Offiziere der SS. Die Besichtigung ist in allen Betrieben befriedigend ausgefallen. Knapp 9 Uhr wurde der Verkehr wieder freigegeben, da die Kommission um diese Zeit das Getto wieder verliess.

Approvisation.

Das Getto hungert noch immer. Die geringen Einläufe an Kartoffeln und Gemüse ändern nicht im geringsten die Lage. In der Zeit vom 5.5. bis einschl. heute erhielt das Getto nur 17.200 kg Kartoffeln, 11.520 kg Rote Beete, 23.160 kg konserv. Rote Beete, 6.620 kg Spinat, ferner etwas Petersilie, bisschen Schnittlauch und ein paar Fass Sauerkraut. All das wandert in die Küchen, die jetzt nur von einem zum andern Tag leben und Gemüsepausen mit Breisuppen ausfüllen. An Fleisch kam herein, vom 5. ds.Mts. bis heute, 7.643 kg.

Die heutige Suppe besteht aus 10 dkg rote Beete, 10 dkg Sauerkraut, 3 dkg Roggenflocken und 1/2 dkg Mehl und erzielte im Schwarzhandel einen Preis von 25 Mk.

Ressortnachrichten.

Bis auf die Schneidereien ist der allgemeine Beschäftigungsstand nicht sehr befriedigend.

Die Tischlerei II richtet noch immer ein und hat fast gar keine Produktion. Der Stillstand für die Heimarbeiterinnen der Handstrickerei-Abteilung dauert noch immer an, es gibt nach wie vor kein Material. Die Frauen bekommen ihre Suppen, haben jedoch keinen Verdienst.

Fürsorgewesen.

Das ehemalige Büro Wołkowna arbeitet noch immer nicht regulär. Frl. Wołk wurde wiederholt vom Präses empfangen, der ihr eine Regelung des Fürsorgewesens für die nächsten Tage in Aussicht stellte. In der Zwischenzeit arbeiten die ehemaligen Beamten dieser Abteilung ehrenhalber an Sonntagen und man kann sich ein Bild machen, was dabei herauskommt. Die Hauptkassa / Ser/ stellt dem Büro knappe 5.000 Mk wöchentlich zur Verfügung, die natürlich im Handumdrehen verausgabt sind. Das sind ungefähr 20.000 Mk im Monat, gegenüber etwa 200.000 Mk, die in der letzten Zeit monatlich für Unterstützungen gebraucht wurden. Da das Büro Wołkowna im Zuge der Aktion des Amtsleiters aufgelöst wurde, hat der Aelteste natürlich nicht nur Schwierigkeiten, sondern auch begründete Bedenken gegen eine Rekonstruktion des Büros. Man kann aber sicher sein, dass der Präses einen Ausweg aus der kritischen Lage seines Fürsorgewesens finden wird.

Kleiner Getto-Spiegel.

Anbaufläche:

An der Alexanderhofstrasse neben der Apotheke standen noch vor kurzem zwei Holzhäuser. Sie sind bereits als Brennholz den Weg alles Irdischen gegangen. Der freie Platz an der Strasse wurde nun als Anbaufläche vergeben, zu 60, zu 100, zu 150 qum. Ich gehe um etwa 18 Uhr vorüber und finde auf diesem neuesten Garten des Gettos, der aus Sand und Staub besteht, zwei Leute in einem wüsten Handgemenge – und sie sind Nachbarn, Gutsnachbarn wider Willen. Eine Reihe zerbrochener Ziegelsteine trennt ihren Besitz. Ich trete näher und frage nach der Ursache des Raufhandels. Der Streit geht um 6 cm der Breite, das macht bei 5 m Länge 0.3 qum und um diese Fläche haben sich die beiden Gutsnachbarn fast die Köpfe eingeschlagen. Sinnlos ihnen zuzureden. Beide trampeln auf den beiderseitigen Boden, der glücklicherweise noch nicht besät ist. Die schwache Wand aus Ziegelsteinen ist zerfallen. Man muss die Beiden austoben lassen, vielleicht einigen sie sich doch auf die Hälfte und was kann schon auf diesem Raum wachsen, wenns richtig gemacht wird, drei Krautköpfe.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 17 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

18 Tuberkulose, 4 Tuberk. anderer Organe, 2 Lungenkrankheiten, 11 Herzkrankheiten, 2 Gefässverkalkung.

1

Die offizielle Bezeichnung des Amtes war „SS Rasse- und Siedlungshauptamt“.