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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Samstag, den 11. Dezember 1943

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Tageschronik Nr.: 
329

Das Wetter:

2 Grad Kälte, trockener Frost.

Sterbefälle:

-

Geburten:

- /keine Meldungen/

Festnahmen:

Verschiedenes 1

Bevölkerungsstand:

83,242.

Brand:

Am 10.12. wurde die Feuerwehr um 15 Uhr 20 nach dem Betrieb Chemische Wäscherei, Holzstr. 75, gerufen, wo ein Leergutschoppen, in welchem altes Papier und andere Abfälle abgelagert waren, in Brand geraten war. Das Feuer wurde mit Hilfe von zwei Motorspritzen gelöscht. Als Brandursache wird Kurzschluss vermutet. Sachschaden ist nicht entstanden.

Tagesnachrichten.

Keine Ereignisse von Belang.

Approvisation.

Am gestrigen Tage wurde eine Zuteilung von Fleisch und Wurst sowie von Panzen bekanntgegeben und zwar werden

ab 10.12.43 auf Coupon 9 der Nahrungsmittelkarte 200 g Fleisch,
  auf Coupon 3 der Nahrungsmittelkarte 500 g Panzen und
ab 12.12.43 auf Coupon 11 d. Nahrungsmittelkarte 200 g Wurst

pro Person ausgegeben.

Weiters wurde mit gleicher Bekanntmachung die Zusatzration, von welcher der Amtsleiter in seiner Rede am 7.12. sprach, ausgeschrieben und zwar werden

ab Freitag, den 10.12., an alle für die Zeit bis zum 19.12.43 einschl. auf Coupon 114 der Gemüse-Karte in den zuständigen Kolonialwarenverteilungsstellen pro Person

200 g Roggenmehl und 1 kg Mohrrüben für Mk. 1,20

auf Coupon 115 der Gemüsekarte 1 kg Rettich für Mk. -,50 ausgegeben.

Der Kartoffel-Einlauf ist augenblicklich befriedigend. Es sind heute etwa 126,000 kg hereingekommen, hingegen nur 12,000 kg Kohlrüben. Nach einer kürzeren Pause erhielt das Getto wieder etwas Porree. Fleisch kam im üblichen Rahmen.

Weitere Steckrübenzuteilung:

Mit heutiger Bekanntmachung wurde die zusätzliche Steckrübenzuteilung, welche Amtsleiter Biebow in seiner Rede ankündigte, ausgeschrieben und zwar:

4 kg Steckrüben zusätzlich bis zum 19.12. /Zusatzration/, weiters

5 kg Steckrüben für die Zeit vom 28.2. bis 12.3.44 einschliesslich, d.h. für zwei Wochen /Winterbevorratung/, und ausserdem

1 kg Steckrüben unentgeltlich, zusammen also ... 10 kg.

Die Einwohner rechts der Hohensteinerstrasse nehmen diese Steckrüben am Kino in Radegast /Marysin/ ab, während die der linken Seite die Zuteilung vom Gemüseplatz an der Hanseatenstrasse abzuholen haben. Bedauerlicherweise sind diese Steckrüben schon frostgeschädigt.

Gerichtsaal:

Unter dem Eindruck der Rede des Amtsleiters Biebow hat der Vorsitzende des Gerichtes eine grundsätzliche Aenderung des Verfahrens sowohl in Zivil- als auch in Strafsachen durchgeführt. Es wird darauf hinauskommen, dass tatsächlich eine Art Schnellverfahren platzgreifen wird, was sich allerdings nicht zum Wohle der Bevölkerung auswirken dürfte. Da sich insbesondere Diebstähle aller Art im Getto mehren, wird es bei einem solchen summarischen Verfahren unvermeidlich sein, dass sich das Zentralgefängnis rasch füllen wird.

Kleiner Getto-Spiegel.

Idyll in schwarz-weiss:

Vor dem Fleischladen. Es werden Panzen ausgegeben. Geduldig stehen die Menschen Schlange. Der Ordnungsdienst wacht darüber, dass möglichst wenig Protektionskinder die Reihe durchbrechen und umgehen. Aber da kommt ein klobiger Gardist der sogenannten „Weissen Garde“ /Bäcker1/ heran, von oben bis unten mehlbedeckt. Er braucht nur einen Mann in der Reihe zu streifen und schon macht man ihm Platz, denn sein weisser Kittel färbt rasch ab, und der Gettomensch hat wenig Zeit zum Putzen seiner Kleider. Der Gardist schiebt sich also ohne viel Mühe in den Laden.

Aber noch ein anderer hat Glück mit seiner Farbe. Ein Rauchfangkehrer /Kominiarz2 / tritt in die Reihe und auch er kann sich allmählich ohne allzu grossen Widerstand in den Laden vorschieben, denn sein russbedeckter Anzug ist ebenso unbeliebt wie der weisse Kittel des Bäckers3. Beide haben keine Protektion und doch weicht die Masse vor ihnen zurück. Ja selbst der diensthabende O.D.-Mann hat kein Interesse an engerer Berührung mit ihnen, auch er möchte möglichst unbehelligt von dem schwarz-weissen Geschick seine Dienststunden abtun.4

Sanitätswesen.

Heute keine ansteckenden Krankheiten gemeldet.

1

LKV/b**: „Bäcker“ von Hand gestrichen.

2

Kominiarz ist das poln. Wort für ‚Schornsteinfeger‘.

3

LKV/b**: „Bäckers“ von Hand ersetzt durch „Gardisten“.

4

LKV/b**: Am Rand des Eintrags von Hand zwei Pfeile; dazu die polnischsprachige Anmerkung ‚war: Bäckers, nur hier‘. Offenbar von Nachkriegsbearbeitern.

5

LKV/b**: „Dr. O.S.“ von Hand gestrichen.