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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Samstag, den 30. Oktober 1943

Tageschronik Nr.: 
287
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Das Wetter:

Tagesmittel 4-9 Grad, bewölkt, kalt.

Sterbefälle:

keine

Geburten:

keine Meldungen

Festnahmen:

keine

Bevölkerungsstand:

83,497

Selbstmordversuch:

Am 29. Oktober warf sich um 17 Uhr 10 Szwarc Esthera, geboren 15.5.1910 in Lodz, wohnhaft Pfefferg. 10, in selbstmörderischer Absicht vor dem Hause Franzstrasse 31 unter die Städtische Strassenbahn. Die Genannte wurde in schwerverletztem Zustande ins Krankenhaus überführt.

Tagesnachrichten.

Der Präses ist unwohl, erledigte jedoch die dringendsten Angelegenheiten.

Approvisation.

Auch am heutigen Tage sind keine Kartoffel eingelangt, sodass die allgemeine Lage noch hoffnungsloser und kritischer geworden ist. Es ist dies um so schwerer zu nehmen, als wir jetzt in der Hauptstosszeit für Kartoffeln stehen. Vergebens zerbricht man sich im Getto den Kopf darüber, welches die Ursachen dieser Stockung sind. Nur Transportschwierigkeiten können es nicht sein, weil andere Güter ins Getto kommen. Auch Gemüse traf in bescheidenen Mengen ein. Heute insgesamt 47,000 kg, davon 6700 kg Tomaten. Warum also nicht auch etwas Kartoffel? Niemand kann die Frage beantworten.

Fleisch traf im Rahmen des Kontingentes alles in allem 4000 kg ein. Von den erwarteten, angeblich avisierten 200,000 Dosen Fleischkonserven sind am 25.10. 14,800 Stück eingelaufen.

Ressortnachrichten.

Gasleitung fertig:

Die von der Hohensteinerstrasse Ecke Talweg nach der Hanseaten 63 angelegte Gasleitung ist vollkommen fertiggestellt und schon in Betrieb.

Justizwesen.

Gerichtssaal:

Jomkipur-Amnestie. Erst heute erhalten wir eine Uebersicht über die vom Präses erlassene Amnestieverordnung anlässlich des Jom-Kipur. Es handelt sich um die Niederschlagung der laufenden Strafverfahren, bezw. um Erlassung von Freiheitsstrafen. In den meisten Fällen handelt es sich um kleinere Diebstähle, u.zw. um 42 Fälle: hievon 28 Diebstähle geringfügiger Art, hauptsächlich von Kartoffeln und geringeren Lebensmittelmengen, sowie kleinere Gemüse- und Holzdiebstähle. Einige Fälle von Gartenfrevel, 3 Betrugsfälle, 1 Fall Ehrenbeleidigung, 1 Fall sträfliche Nachlässigkeit im Amte, 1 unvorsichtiger Ankauf, 2 Fälle Strassenhandel.

Bei dieser Gelegenheit ist es interessant, die Fälle selbst zu notieren, weil sie ein Bild der Gettokriminalität geben. Amnestiert wurde beispielsweise: Diebstahl eines Herrenhemdes /2 Wochen Haft/, Diebstahl von 2 Paar Socken /1 Monat Gefängnis/, Betrug zwecks Erlangung von 2 Suppen, Diebstahl eines Stoffrestes im Schneiderressort, unvorsichtiger Ankauf von 1 Paar Holzsohlen, Diebstahl eines Kleidungsstückes in der Bekleidungsabteilung.

Bezeichnend sind die Bemerkungen im Amnestieantrag. Zum Beispiel: Gemüsediebstahl, in grosser Not begangen, einziger Ernährer einer grossen Familie. Sträfliche Nachlässigkeit im Amte: vorgerücktes Alter /62 Jahre/, schwer lungenkrank. Kartoffeldiebstahl: durchgeführt wegen aussergewöhnlich misslicher Lage, ansteckender Krankheiten der ganzen Familie und Hungerschwellung.

Die meisten Verurteilten, bezw. Angeklagten sind ohne Vorstrafe. In drei Fällen handelt es sich um Jugendliche unter 17 Jahren. Bis auf einen Ehrenbeleidigungsfall kann man alles in allem sagen, dass es sich um ausgesprochenen Mundraub handelt.

Sanitätswesen.1

Keine Meldungen.

1

HK, LK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „Die heute“.