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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Samstag, den 6. November 1943

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Tageschronik Nr.: 
294

Das Wetter:

Tagesmittel 4-6 Grad, bewölkt, kalt.

Sterbefälle:

-

Geburten:

- /keine Meldungen/

Festnahmen:

Verschiedenes 1

Bevölkerungsstand:

83,459.

Tagesnachrichten.

Die Auflassung der B-Cooperative hat auf die Bevölkerung keinen besonderen Eindruck gemacht. Die Besonnenen sind sich im klaren darüber, dass diese Geste keinerlei Einfluss auf die allgemeine Lage nehmen wird. Die bezügliche Kundmachung wurde kühl aufgenommen, zum Teil sogar sarkastisch kommentiert, da die Aktion ja doch nicht restlos durchgeführt wird und – wie man behauptet – dem Protektionismus alle Türen öffnet. Zur Zeit befasst man sich im Getto mit dem Rätselraten, wer jetzt wohl zu den fünfzig Bevorzugten gehört, bezw. wann die Zahl von 50 auf das Doppelte oder Dreifache erhöht werden wird.

Approvisation.

Die Lage ist unverändert kritisch. Der Hunger marschiert durch das Getto. Heute herrscht bei den Küchen, in denen die Mittage ausgegeben werden, noch lebhaftes Treiben, vor allem ein intensiver Handel mit den Zusätzen, die am heutigen Tage zum letztenmale ausgegeben wurden. Kein Wunder also, wenn die Suppen im Preise gestiegen sind. In den ersten Vormittagsstunden zahlte man 10 Mark, etwas später wurde die Börse flauer, 8-9 Mark, in einzelnen Fällen sogar noch billiger. Wie die Reaktion morgen, Sonntag, am ersten zusatzfreien Tage sein wird, muss abgewartet werden. Es wurde verfügt, dass an diesem Tage alle Einwohner eine Suppe erhalten.

Rettichzuteilung:

Ab Sonntag, den 7.XI.43, werden auf Coup. 33 der Gemüsekarte an alle in den für sie zuständigen Kolonialwaren-Verteilungsstellen pro Person

  • 750 Gramm Rettich für den Betrag von 0,50 Mark

ausgegeben.

Die Ausgabe der Kartoffelration /2 kg pro Person/ klappt einwandfrei. Hingegen herrscht Knappheit an Oel, weshalb bei der Rationsausgabe die Verteilungsstellen angewiesen wurden, pro Familie nur 10 Deka auszugeben. Es erhält also auch eine mehrköpfige Familie vorerst nur 10 dkg Oel, für den Rest einen Gutschein zur späteren Behebung.

Diese Massnahme hat ein sofortiges Ansteigen des Oelpreises zur Folge gehabt. Am Tage der Ration kostete 1 Dekagramm bereits 6 Mark. Auch die sonstigen Preise sind angestiegen, Brot kostet bereits 320 Mark. Kolonialprodukte wie Flocken, Mehl und dergleichen sind zurückgehalten und überhaupt nicht erhältlich. Gemüsepreise haben wieder gigantische Ziffern erreicht. Rote Rüben bis 30 Mark 1 kg, soferne solche überhaupt aufzutreiben sind, Kartoffeln 40 Mark. Zucker kostet mit Rücksicht auf die Verringerung des Rationsquantums – es wurden statt wie bisher 45 dkg nur 40 dkg zugeteilt – bereits 2 Mark 70 ein Deka. Wurst und Fleisch stiegen auf 2 Mark pro Deka.

Brennmaterial ist nach wie vor sehr teuer. Holz kostet 3 bis 3,50 pro Kilogramm, Briketts 5 bis 6 Mark.

Kleiner Getto-Spiegel.

Spaete Ernte:

Die gluecklichen Działka-Besitzer haben allmaehlich ihre Ernte heimgebracht, jede Frucht zu ihrer Zeit, wie es in der Bibel heisst.1 Die Gaerten sind leer, oede. Die Bäume stehen in ihrem letzten Laub da. Die Zaeune verschwinden allmaehlich, insbesondere die Zaeune aus Holz, sodass ein Garten in den andern uebergeht. Denn um diese Jahreszeit gibt es keinen Besitzstreit mehr. Die „Gutsherren“ hausen in ihren Wohnungen, kuemmern sich nicht mehr um das Schicksal ihrer Działkas.

Jetzt sind die Zaungaeste dran. Die Not ist gross, Kartoffeln kommen nicht herein, man ist auf die halbe Ration gesetzt. Und auch Gemuese ist aeusserst knapp.

In diesen schweren Tagen kann man beobachten, dass Menschen ploetzlich auf den fremden Działkas auftauchen, mit Saecken und Rucksaecken ausgestattet. Sie suchen nach etwas Essbarem, nach dem, was der Besitzer etwa zu ernten vergessen hat oder was ihm zu ernten nicht lohnte: unscheinbare Stengel von Porree oder von nicht gediehenen Zwiebeln, kleine, im Wachstum zurueckgebliebene Kohlkoepfe oder verrunzelte Kohlrabi ...

Der hungrige Magen ist nicht waehlerisch, er will gefuellt sein. Er begehrt nicht die schoenen vollwertigen Fruechte. Ihm genuegt die spaete Ernte, wenn sie auch noch so karg sein sollte. Auch ein paar Ruebenblaetter koennen das Leben um einige Stunden verlaengern.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

3 Bauchtyphus, 4 Tuberkulose.

1

Der Ausspruch „jede Frucht zu ihrer Zeit, wie es in der Bibel heisst“ bezieht sich auf Prediger Salomo: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde / Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, was gepflanzt ist [...]“ (Prediger 3,1-2).