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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 1. April 1944

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Tageschronik Nr.: 
92

Das Wetter:

Tagesmittel 5-17 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

16,

Geburten:

2 /m./

Festnahmen:

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

77.693

Selbstmordversuch:

Am 31.3.1944 versuchte der Opoczynski Roman, geb. 23.3.1916 in Łodz, wohnhaft Hohensteinerstr. 40, durch Einnahme von Luminal Selbstmord zu verüben. Der Arzt der Rettungsbereitschaft ordnete die Ueberführung desselben ins Krankenhaus an.

Tagesnachrichten.

Der Präses ist zur Zeit mit dem Studium der von ihm geplanten Pessachzuteilungen beschäftigt. Es heisst, dass er die Absicht habe, eine grosse Anzahl von Personen mit Pessachtalone1 zu beschenken, vor allem Leiter und solche Personen, die nicht im Genusse der Lang- bzw. Schwerarbeiter-Zuteilungen sind. Es dürften 5 Kategorien von Talone herauskommen. Das Getto ist natürlich voll von phantastischen Gerüchten, auch über eine allgemeine Pessachzuteilung, doch kommt eine solche bestimmt nicht in Frage.

Sommerzeit:

Heute erschien folgende

Bekanntmachung.

Betr.: Uhrzeit /Sommerzeit/

In der Nacht von Sonntag, den 2.4.1944, auf Montag, den 3.4.1944, wird die Sommerzeit wieder eingeführt. Es wird demnach die Uhr um

1 Stunde vorgerückt, d.h. also von:

1 Uhr nachts auf 2 Uhr nachts vorgedreht.

Litzmannstadt-Getto, den 1.4.1944

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt.2

Approvisation.

In der Einfuhr von Lebensmitteln hat sich nichts geändert. Von dem normalen Einlauf an Kolonialwaren abgesehen, kamen nur 4.500 kg Kartoffeln, 4.700 kg Sauerkraut und wiederum 7.400 kg Fruchtfüllstoff herein. An Fleisch kam ca 2.000 kg.

Zuteilungen:

Am heutigen Tage erschien folgende Bekanntmachung:

Betr.: Fleischzuteilung für die gesamte Gettobevölkerung.

Ab Sonnabend, den 1. April 1944, werden an alle auf Coupon Nr. 16 der Nahrungsmittelkarte

  • 200 Gramm Fleisch /Freibankfleisch/ herausgegeben.

Betr.: Kartoffel- und Gemüsezuteilung für die gesamte Gettobevölkerung.

Ab Montag, den 3.4.1944, werden an alle

  • auf Coupon Nr. 121 der Gemüsekarte 1 kg Kartoffeln für den Betrag von Mk. 0.50,
  • auf Coupon Nr. 122 der Gemüsekarte 500 Gramm Rote Rüben für den Betrag von Mk. 0.50,
  • auf Coupon Nr. 123 der Gemüsekarte 500 Gramm Mohrrüben für den Betrag von Mk. 0.50,
  • auf Coupon Nr. 124 der Gemüsekarte 400 Gramm konserv. Rote Rüben für den Betrag von Mk. 0.50,
  • auf Coupon Nr. 125 der Gemüsekarte 300 Gramm Sauerkraut für den Betrag von Mk. 0.50

zur Verteilung gebracht.

Litzmannstadt-G., den 1.4.1944

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 9 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

8 Lungentuberkulose, 2 Lungenentzündung, 4 Herzkrankheiten, 1 Magenblutung, 1 Dickdarmkrebs.

1

So in HK, LK*, JFK*; auch unten im Text.

2

Der Wortlaut der Bekanntmachung wird vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/170, Bl. 34: Rumkowski, Bekanntmachung / Betr.: Uhrzeit /Sommerzeit/, 1.4.1944.

3

Wie wichtig die aufgeführte Zuteilung für das Getto war, zeigt der Tagebucheintrag Oskar Rosenfelds am 2. April 1944: „Das Getto jubelt; es hat bekommen: 1 kg Kartoffeln, ½ kg rote Rüben, ½ kg gelbe Rüben, ½ kg rote eingelegte Rüben, 30 dkg Sauerkraut, ½ kg Kaffeemischung! Dazu ein wenig Sonne und die Menschen sind glücklich“ (Rosenfeld 1994, S. 282).