Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 1. Januar 1944

Tageschronik Nr.: 
1
Podcast Icon

Das Wetter:

Tagesmittel 1-2 Grad unter 0, starker Schneefall, heftiger Wind.

Sterbefälle:

Geburten:

- /keine Meldungen/

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Bevölkerungsstand:

83.132

Tagesnachrichten.

Der Präses veranstaltete heute um 10 Uhr vormittags im ehemaligen Präventorium an der Hanseatenstrasse 55 die Bar-Mizwah-Feier1 seines dekretadoptierten Sohnes Stanisław Stein. Es waren etwa 30 dem Präses näherstehende Personen geladen. Der Bocher2 sagte die Haftarah3 auf sfardisch4. Der Präses hat dem Jungen im Laufe des Jahres eine sorgfältige jüdische Erziehung angedeihen lassen.

Die Ansprache an der bescheidenen Tafel hielt Mosze Karo. Von Damen waren Frau Regina Rumkowska, Frau Jakubowicz und Frl. Fuchs anwesend.5

Der Präses, wie immer charmant zu seinen Gästen, verstand es, trotz der bescheidenen Aufmachung der Tafel eine gewisse familiäre Stimmung zu schaffen.6

Approvisation.

Lage unverändert.

Ressortnachrichten.

Federn und Daunen:

Der Sortierpunkt in der Kirche am Kirchplatz wird liquidiert. In dieser Kirche wird nunmehr ein grosses Lager des Zentralbüros der Arbeitsressorts geschaffen. Hauptsächlich wird jetzt ein grosses Lager von Zement gestapelt, der für die Erzeugung der Heraklitplatten verwendet werden dürfte.7

Lang-Arbeiter:

In den Ressorts werden nunmehr alle organisatorischen Arbeiten durchgeführt zum Zwecke der Angleichung der Arbeitszeiten an die Bestimmungen8 bezüglich der Lang-Arbeiter-Zuteilungen. Etwas komplizierter ist es in manchen Ressorts, die mehr als eine Schicht arbeiten. Es gibt hier augenblicklich ziemlich wilde Arbeitszeiten, z.B. hat gegenwärtig die Metall-Abteilung II 2 Schichten von 6-16 und von 16-2 Uhr.

Die Wäschereien von 7-15, von 15-23 und von 23-7 Uhr.

Leder- und Sattler-Ressort von 6-14 und von 14-22.

Schäfte-Ressort von 7-15.30 und von 15.30-1 Uhr.

Die Listen der Lang-Arbeiter laufen pünktlich am Baluter-Ring ein und man hofft, dass in 2-3 Tagen alle Fragen, die noch offen sind, geregelt sein werden.9

Justizwesen.

Gerichtssaal:

Strafverhandlung vom 27.12.1943. Richter Motyl, resp. Senat Motyl, Bytenski, Wojdisławski, Prok. Liske.

Kausen: 2, Delikte: Diebstahl: 2

Urteile: 2, davon freisprechend: in einer Sache ein Angeklagter.

Der Schuster Bornsztajn Icek wurde beim Herausgehen aus dem Ressort, Franzstr. 76, angehalten und in seinem Brotsack10 1 Stück Brandsohlenleder gefunden. Anlässlich einer bei seinem Schwager Kmin Jude Lipman durchgeführten Hausdurchsuchung wurden bei diesem 3 Holzsohlen und ein Stück rotes Leder gefunden. Bornsztajn verteidigte sich dahin, jemand habe ihm das Leder in seinen Brotsack unterschoben, er wisse nicht, wie dasselbe dahin gelangt ist. Kmin bestritt, die bei ihm vorgefundenen Sachen gestohlen zu haben und behauptet die Holzsohlen habe er gekauft, das rote Leder sei bei ihm durch einen Bekannten, den er nannte, zum Verkaufe deponiert worden. Bornsztajn wurde schuldig gesprochen und zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Bezüglich Kmin konnte dessen Schuld nicht nachgewiesen werden und er wurde mangels genügender Beweise freigesprochen.

Vor einem 3gliedrigen Senat wurde ein Ressortdiebstahl aus dem Holzbetrieb, Putzigerstr., verhandelt, der ursprünglich nach einer grösseren Sache aussah, aber bei der heutigen Hauptverhandlung sich als kleine und ziemlich harmlose Sache entpuppte. In der Nacht vom 28. auf dem11 29. Oktober d.J. haben Leute der Untersuchungsabteilung das Ressort an der Putzigergasse beobachtet. Einige Arbeiter wurden gegen Früh mit kleineren Holzmengen angehalten. Heute waren 6 Arbeiter angeklagt. Das Urteil lautete: 5 Arbeiter wegen Diebstahls von kleineren Mengen ABFALLHOLZ je 1 Monat Gefängnis, 1 Arbeiterin, die erwiesenermassen nur zwei Stück Kienholz zum Einheizen hatte, 20 Mk Geldstrafe.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

5 Flecktyphus, 3 Tuberkulose.

1

Bar Mizwa (aram. ‚Sohn des Gebotes, Gesetzespflichtiger‘) ist die Bezeichnung für einen Jungen, der das 13. Lebensjahr vollendet hat und damit – nach dem Religionsgesetz – mündig und gesetzespflichtig ist. Ab diesem Zeitpunkt übernimmt er alle Rechte und Pflichten eines Gemeindemitgliedes. Er wird in der Synagoge zur Tora-Lesung aufgerufen, legt die Tefillin an und wird beim Minjan mitgezählt. Die Zeremonie, in der dies gefeiert wird, nennt man ebenfalls Bar Mizwa. Sie stellt eine der wichtigsten Stationen im religiösen Leben dar. Vgl. Simon 2004, S. 15-17; de Vries 2003, S. 28.

2

Bocher ist der jiddische Ausdruck für „junger Mann“ (aus hebr. bachur).

3

Haftara (hebr. ‚Abschluss, Abschied‘) wird der Abschnitt aus den Büchern der Propheten genannt, der am Schabbat-Morgen und an den Feiertagen der Tora-Lesung folgt. Dieser Text hängt meist inhaltlich mit dem jeweils gelesenen Tora-Abschnitt zusammen. Im Gegensatz zur Tora sind die Haftara-Abschnitte in Buchform gedruckt. Vgl. Böckler 2002, S. 131-133; de Vries 2003, S. 30f.

4

sfardisch bzw. sefardisch wird als Gegensatz zu aschkenasisch gebraucht. Das Adjektiv bezieht sich auf den biblischen Namen S(e)farad, der als Bezeichnung für die iberische Halbinsel benutzt wurde. Die sefardischen Juden aus Spanien und Portugal ließen sich aufgrund der Vertreibung aus beiden Ländern Ende des 15. Jahrhunderts in Italien, Holland, Deutschland und Osteuropa sowie vor allem in Nordafrika, auf dem Balkan und im Nahen Osten nieder. Sie bewahrten ihre Bräuche, ihre Sprache (Judezmo) und ihre spezifische Aussprache des Hebräischen und waren in eigenen Gemeinden organisiert. Die sefardische Aussprache unterscheidet sich vor allem in der Vokalfärbung. Im heutigen Israel setzte sie sich gegen die aschkenasische Aussprache durch. Vgl. Weinberg 1994, S. 18-27 und 248f.; weiter Bierbach/Lochow 1997.

5

So in HK, LK**, JFK**.

6

Oskar Rosenfeld war bei der Bar-Mizwa-Feier anwesend. Er notiert in seinem Tagebuch: „Schöner Wintertag – Bar Mizwah Ziehsohn (Waise) beim Praeses. 32 Gäste. Zur Thora als erster aufgerufen. Junge sagt Haftorah mit sephardischer Aussprache und Nigun. Wirkt prächtig – bisher völlig assimiliert. Praeses hier Interessantes geleistet. Fast alle Gäste (Kann, Schipper, Reingold, Jakubowicz, Bender, Stenschliwi, Najman, Schipper, Praszkier, Kommandant Rosenblatt, Blaugrund etc.) zur Thora aufgerufen. Nachher kleiner Imbiss: Obstwein, kleines Gebäck, Knacknüsse aber weder Schulent noch Wurstbrot – Karo Ansprache an Bar-Mizwah Jungen. Hafttorah aus Jecheskel über ‚Judenstaat‘. Stimmungsvoller Vormittag... Praeses ein paar Worte: ‚Ich hoffe, es wird sein gut...‘ Dora Fuchs und Arek Jakubowicz kennengelernt, damit alle Honoratioren des Gettos“ (Rosenfeld 1994, S. 260). Nigun bzw. Niggun (hebr. ‚Melodie‘) bezeichnet sowohl die Melodie vor allem liturgischer Gesänge als auch, wie in diesem Falle, die Kantilation der Tora-Lesung. Vgl. Weinberg 1994, S. 201. Jecheskel ist die hebräische Bezeichnung für das biblische Buch Ezechiel, das zu den drei großen prophetischen Schriften des Tanach zählt. Der Prophet Jecheskel stammte aus einem Priesterhaus und prophezeite den Israeliten im babylonischen Exil (597-538 v.Chr.) den Wiederaufbau des Landes Israel und die Wiedereinführung des Tempelkultes. Vgl. Werblowsky/Wigoder 1997, S. 246f.

7

Die genannten Heraklitplatten waren zur Herstellung von Behelfshäusern für die ausgebombte Zivilbevölkerung in Deutschland vorgesehen. Im November 1943 hatte das Getto einen entsprechenden Großauftrag aus dem „Reichsministerium für Bewaffnung und Munition“ erhalten. Vgl. dazu die Tageschronik vom 22. November 1943 (Rubrik „Ressortnachrichten“) sowie die Beilage zur Tageschronik vom 7. Dezember 1943 (Eintrag „5000 Arbeiter für Behelfshäuser“); weiter Stier 1999.

8

HK, LK**, JFK**: Nachfolgend gestrichen „zum Zwecke“.

9

Hintergrund der beschriebenen organisatorischen Arbeiten war eine von Amtsleiter Biebow angeordnete Umstellung des Approvisationssystems zugunsten der „Leistungsträger“ des Gettos. Hiernach sollten „Langarbeiter“ (mindestens 55 Wochenstunden) eine bessere Verpflegung erhalten als die übrige Gettobevölkerung. Vgl. die Tageschronik vom 7. Dezember 1943 (Rubrik „Tagesnachrichten“) sowie die dazugehörige Beilage (Einträge „Ernährungsfrage“ und „Die Neuregelung“); weiter die Tageschronik vom 30. Dezember 1943 (Eintrag „Der Präses spricht“) sowie die dortige Beilage („Akten-Notiz betr. Lang-, Schwer- und Nachtarbeiterzulage“). Biebows Einflussnahme auf die Approvisation war eine Folge der Machtverschiebungen im Getto, über die in zahlreichen Einträgen der Tageschroniken vom November und Dezember 1943 berichtet wird.

10

HK: „Brotsack“ zusätzlich von Hand hinzugefügt.

11

So in HK, LK**, JFK**.