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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 1. Juli 1944

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Tageschronik Nr.: 
182

Das Wetter:

Tagesmittel 18-25 Grad, bewölkt, nachdem es die ganze Nacht stark geregnet hat.

Sterbefälle:

17,

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

73,234 1

Tagesnachrichten.

Zur Arbeit ausserhalb des Gettos:

Die Kommission kämpft allmählich mit Schwierigkeiten in der Aufbringung des für den nächsten Transport erforderlichen Menschenmaterials. Die immer wieder auftauchenden Gerüchte, dass die Transporte abgestoppt werden sollen, veranlassen viele Menschen, sich erst recht zu verbergen.

Die an Hunger und Entbehrungen gewohnten Menschen ertragen auch diese erhöhten Qualen. Die Familien leisten Ungeheuerliches an Entbehrungen, um den Vater, den Bruder oder die Schwester vor der Aussiedlung zu schützen und in der Zwischenzeit zu ernähren.

Die verantwortlichen Stellen sind sich der Gefahren einer nicht rechtzeitigen Beistellung der Transporte bewusst.

Um eine Bevorratung an Lebensmitteln nach Möglichkeit zu verhindern, hat sich der Präses entschlossen, die Lebensmittelzuteilung /Rationen/ diesmal nicht für 14 Tage, sondern für eine Woche auszugeben. Es heisst, dass die Ration schon heute herauskommen soll.

Zum heutigen Bevölkerungsstand ist zu bemerken, dass sich die Zahl von 73,234 Einwohnern des Gettos wie folgt zusammen setzt:

Volksdeutsche 1
Polen 16
Juden 73,217

Die Volksdeutsche und Polen sind Familienangehörige von Juden.2

Approvisation.

Nach wie vor ist die Lage katastrophal. Keine Kartoffeleinfuhr und verschwindend geringe Gemüsezufuhr. Heute kamen insgesamt 10,280 kg Frischgemüse /Salat, Mairettich, Kohlrabi/ herein. An Fleisch kam heute 1230 kg.

Ration:

In den Abendstunden wurde die Ration bekanntgegeben:

Betr.: Lebensmittelzuteilung. Ab Sonntag, den 2. Juli 1944, 5 Uhr früh wird auf Coupon Nr. 54 der Nahrungsmittelkarte für die Zeit vom 3.7.44 bis zum 9.7.44 einschl. folgende Ration pro Kopf herausgegeben:

  • 300 Gramm Roggenmehl,
  • 100 Gramm Erbsen,
  • 250 Gramm Zucker, weiss,
  • 200 Gramm Marmelade,
  • 100 Gramm Suppenpulver,
  • 30 Gramm gekörnte Brühe,
  • 60 Gramm getrocknete Kartoffeln,
  • 500 Gramm Kaffeemischung,
  • 200 Gramm Salz,
  • 25 Gramm Kümmel
  • für den Betrag von Mk 7.50.

Weiterhin werden ab Sonnabend, den 1. Juli 44, auf Coupon Nr. 43 der Nahrungsmittelkarte

  • 100 Gramm Margarine pro Kopf für den Betrag von Mk 1.25 ausgefolgt.

Fleischzuteilung:

Ab Sonntag, den 2. Juli 1944, werden an alle auf Coupon Nr. 56 der Nahrungsmittelkarte

  • 250 Gramm Fleisch pro Kopf zur Verteilung gebracht.

Litzmannstadt, den 1.7.1944

Kleiner Getto-Spiegel.

Ein goldener Samstag:

Nach einer durchregneten Nacht taute ein feuchter trüber Sonntagmorgen auf. Man hat heute Nacht einige genommen, flüstert das Getto. Das heisst, dass ein paar Dutzend Menschen zur Ausreise nach ausserhalb des Gettos nach Czarnickiego /Zentralgefängnis/ gebracht wurden, damit der Transport zustandekomme. Mit dieser Nachricht war das Gerücht von einer 7 Tage-Ration verknüpft. Sie wollen diejenigen, die sich verborgen halten, durch Aushungern zum Antreten zwingen. Eine 14 Tage-Ration auf einmal könnte solche Versuche der Sabotage begünstigen.

Aber niemand weiss etwas Positives.

Heute sind keine Ausreise-Aufforderungen von der Post zugestellt worden. Ein gutes Zeichen. Vielleicht sind die nächsten Transporte gesichert ... In Wirklichkeit keine Spur. Im Gegenteil. Am Samstag, den 1. Juli, gab es an allen drei Sammelpunkten insgesamt knappe 600 Personen, also nicht einmal einen kompletten Transport.

In den Mittagsstunden wurde die Stimmung noch gehobener. Es hiess: die 7 Tage-Ration ist ausgeschrieben. Grossartig. Zwar fehlt eine Oel- und Kolonialzuteilung, aber schon das blosse Erscheinen hat beruhigend gewirkt, insbesondere dadurch, dass die Ration schon ab 5 Uhr morgens – wenn auch erst Morgen, Sonntag – zu beheben ist. Ausserdem brachte der heutige Samstag das Laib Brot. Wiederum ein Grund, Genugtuung über die Wohltaten des Gettos zu empfinden.

Keine Ausreise-Aufforderung, eine Ration, 1 Laib Brot – diese drei Fakten an einem Tag hatten die Kraft, das Getto glücklich zu machen. Mit einem Wort: Ein goldener Samstag!

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

8 Lungentuberkulose, 1 Tuberkul. Rippenfellentzündung, 2 Lungenkrankheiten, 2 Herzkrankheiten, 1 Gehirnhautentzündung, 2 Krebs, 1 Bauchtyphus.

1

Rechnerisch ergibt sich ein Bevölkerungsstand von 76259. Offenbar wurden die Ausgesiedelten bereits eingerechnet.

2

So in HK, LK*, JK*, JFK*.