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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 11. März 1944

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Tageschronik Nr.: 
71

Das Wetter:

Tagesmittel 2-5 Grad, in der Nacht geschneit.

Sterbefälle:

9,

Geburten:

1 /männl./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

77.957

Tagesnachrichten.

Amtsleiter Biebow setzt seine Aktion mit unverminderter Verve fort und lässt der Reihe nach die Beamtenschaft der verschiedenen Abteilungen antreten. Kein Wunder, dass bei der Schnelligkeit, mit der eine solche Musterung durchgeführt wird, zu physischen Arbeiten ein Menschenmaterial dirigiert wird, das diesen Anstrengungen nicht im entferntesten gewachsen ist. Die meisten sind ja so verdutzt und verschüchtert, dass keiner einen Einwand wagt, um auf seine Krankheit oder körperliche Schwäche hinzuweisen. Am heutigen Tage ist in Radegast die 1. Partie von ca 163 Personen eingetroffen. Diese Gruppe besteht aus den aus der Tabak-Abteilung und Fleischzentrale herausgeholten Personen. Diese Leute hatten noch gestern ihre Arbeitszuweisung nach Radegast, Baugelände, vom Arbeitsamt erhalten. Bis auf eine Person, zufälligerweise Leiter des Archivs Dr. Oskar Singer, erhielten alle Personen die Zuweisung als physische Arbeiter. Der Obengenannte wurde als sogenannter Chef der Arbeiterevidenz nach Radegast zugeteilt.1

Die Lage in Radegast:

Bis zum heutigen Tage hatte die Baustelle Radegast ca 98 Arbeiter beim Bau der Baracken beschäftigt. Mit dieser Belegschaft hatte Ing. Harry Olszer, der Leiter dieses Baubetriebes, eine Baracke in der Länge von 92 m erbaut und weitere Bauten in Angriff genommen. Es wurden die Fundamente für weitere grosse Baracken gelegt, beträchtliche Erdaushebungen und Planierungen vorgenommen. Die Barackenhalle, die der Vollendung entgegengeht, macht einen recht imposanten Eindruck und der Amtsleiter war wohl der Ansicht, dass bei einer Vervielfachung der Belegschaft auch eine entsprechende Beschleunigung der Bauten zu erreichen sein wird. Das Gegenteil jedoch trat ein. In Wirklichkeit brauchte Olszer etwa 50 tatsächlich leistungsfähige Hilfsarbeiter. Der Ansturm von ca 160 ziemlich fassungslosen Büromenschen, denn um solche handelte es sich zumeist, verursachte zunächst in Radegast eine völlige Desorganisation. Gegen Abend stellte Ing. Olszer fest, dass der Betrieb nur 10% der normalen Tagesproduktion erzielt hat. Es ist anzunehmen, dass am kommenden Montag weiter Menschen hinauskommen werden.

Der Präses hat das Sekretariat für Bitten und Beschwerden /Wołkowna/ selbst aufgelöst und das Personal dem Arbeitsamt zur Verfügung gestellt. Auch dieses Personal wird der Baustelle Radegast zugewiesen werden.

Heute um 16 Uhr fand die Musterung des Personals der Kolonialwarenabteilung durch den Amtsleiter statt und fast der grösste Teil des Personals wurde ebenfalls nach Radegast dirigiert.

Nach der Aussiedlung der Arbeiter

nach Czestochowa bzw. Kielce wurde das Damenkomitee2 im Zentral-Gefängnis liquidiert. Im Zentral-Gefängnis befinden sich noch ca 150 Internierte.

Approvisation.

Unverändert kritische Lage. Keine nennenswerten Zufuhren. Während am 9.3. an Gemüse nichts hereinkam, verzeichnen wir am 10. den Einlauf von ca 26.000 kg Möhren und am heutigen Tage 3.750 kg Möhren. An Fleisch erhielt das Getto am 9. 2.500 kg, am 10. nichts und am heutigen Tage 2.855 kg. Dieses Fleisch wird hauptsächlich für die Bedürfnisse der „L“-Zuteilungen Verwendung finden. Sonstige Lebensmittel im bescheidenen Kontingentrahmen.

Fleischkonserven-Zuteilung:

Ab Sonntag, den 12.3.1944, wird an die Gesamtbevölkerung des Gettos auf Coupon Nr. 31 der Nahrungsmittelkarte

1/2 Dose Fleischkonserven pro Kopf für den Betrag von Mk. 1.50 herausgegeben.

Es ist seit langer Zeit wieder die erste Fleischkonserven-Zuteilung und man hofft allgemein, dass mangels Frischfleisch jetzt wenigstens laufend Konserven ausgegeben werden.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

5 Lungentuberkulose, 1 Tuberkulose der Knochen, 3 Herzkrankheiten.

1

Oskar Singer führte seine Chronistentätigkeit trotz der ihm zugewiesenen Stellung in Radegast weiter und trat seine Stellung als Leiter des „Archivs“ im April 1944 wieder an. Vgl. den Eintrag „Entlassung aus Marysin“ in der Tageschronik vom 21. April 1944.

2

Zum Damenkomitee, welches auch Damenpatronat genannt wurde, gehören Gerszonowicz, Kaufman, Rosner, Szpigel und Dora Uryson.