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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 12. Februar 1944

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Tageschronik Nr.: 
43

Das Wetter:1

2 Grad Kälte, heftiger Schneesturm.

Sterbefälle:

10

Geburten:

2 /1 männlich., 1 weiblich/

Festnahmen:

keine

Bevölkerungsstand:

79,749.

Tagesnachrichten.

1500 Arbeiter:

Die Kommission hat nach wie vor mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Leute erscheinen nicht vor der ärztlichen Kommission. Der Präses hat daher die nachstehende

Bekanntmachung Nr. 409

Betr.: Entsendung von 1500 Arbeitern nach ausserhalb des Gettos erlassen:

Hiermit ergeht an alle Personen, die sich zur Kommission in der Hamburgerstr. 40 gestellt haben, die Aufforderung, sich sofort am Sonntag, den 13.2.1944

im Zentral-Gefängnis zu melden.

Diejenigen, die für die Arbeit nach ausserhalb des Gettos als nicht geeignet befunden wurden, werden sofort wieder entlassen. Diejenigen Personen, die sich aus verschiedenen Gründen bis zum heutigen Tage noch nicht zur Kommission /Aerzte-Kommission/ gestellt haben, trotzdem sie dazu verpflichtet waren, müssen sich

spätestens am Sonntag, den 13. Februar 1944,

in der Zeit von 8 Uhr-12 Uhr

im Ambulatorium Hamburgerstrasse 40 melden.

Für alle diejenigen, die diesen meinen Aufforderungen nicht sofort Folge leisten, ergehen folgende Strafmassnahmen:

a/ Stoppen der Mittage an den Arbeitsstellen / in den Abteilungen

b/ Stoppen der Brot- u. Nahrungsmittelkarten für die ganze Familie,

c/ Strafmassnahmen, die von uns nicht abhängig sind.

Des weiteren nehme ich Bezug auf meine Bekanntmachung Nr. 407 vom 9.2.1944 und warne nochmals letztmalig davor, Familienangehörige oder fremde Personen bei sich aufzunehmen und übernachten zu lassen /ganz gleich, ob bei Tag oder bei Nacht/.

Diejenigen, die dieser Anordnung zuwiderhandeln, haben ebenfalls strenge Strafmassnahmen zu erwarten.

Litzmannstadt-Getto, den 12. Februar 1944.

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste d. Juden

in Litzmannstadt.2

Die in der Bekanntmachung angedrohten Massnahmen /Stoppen der Suppen und Lebensmittelkarten/ sind zum grossen Teil bereits durchgeführt. Im Zentralgefängnis befinden sich jetzt infolge der Nachtstreife etwa 500 Personen, darunter allerdings auch die B-Qualifizierten, die als Reserve in Frage kommen.

Ablieferung von Silber und Gold:

Heute erschien3 die Bekanntmachung Nr. 408 folgenden Wortlautes:

Betr.: Ablieferung von

Ringen aller Art sowie anderen Schmuckstücken

aus Silber und Gold.

Hiermit ergeht an die Gettobevölkerung die Aufforderung, sämtliche in ihrem Besitz befindlichen

Ringe aller Art

sowie anderen Schmuckstücke aus SILBER und GOLD

abzuliefern.

Die vorerwähnten Gegenstände werden

an Wochentagen in der Zeit von 17 – 19 Uhr,

an Sonntagen in der Zeit von 8 – 14 und 16 – 19 Uhr

in der

Sonderabteilung, Hohensteinerstrasse 96

gegen Bezahlung

in Empfang genommen.

Ablieferungstermin von Sonntag, d. 13.2.1944, bis einschl. Sonntag, d. 27.2.1944.


Litzmannstadt-Getto, den 12.II.1944.

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt.4

Approvisation.

Die Ration für die Zeit vom 14.2.44 bis einschl. 27.2.44 erschien erst in den späten Abendstunden. Sie enthält auf Coupon 95 der Nahrungsmittelkarte für alle pro Kopf in den zuständigen Kolonialwaren-Verteilungsposten:

  • 600 g Roggenmehl
  • 300 g Zucker weiss
  • 150 g Zucker braun
  • 200 g Roggengrütze
  • 100 g Oel
  • 350 g Brotaufstrich /Marmelade/
  • 100 g Bauernsuppe5
  • 50 g Suppenpulver
  • 400 g Salz
  • 300 g Kaffee-Mischung
  • 100 g Kaffee-Mischung in Pulver
  • 50 g Gewürzsalz
  • 20 g Natron
  • 10 g Zitronensäure
  • 1 Stück Seife
  • Diese Ration beträgt Mk. 8.-

Ausserdem erhält jede Familie auf Grund der Gemüse-Legitimation

  • 1 Schachtel Streichhölzer
  • 100 g Schuhpasta
  • für den Betrag von Mk. 1.-.

Ferner werden ab Sonntag, den 13.2.44, 11 Uhr früh, an alle in den für sie zuständigen Milchverteilungsstellen auf Coupon 93 der Nahrungsmittelkarte pro Kopf

  • 60 g Margarine
  • 30 g Schmelzbutter
  • 250 g Gemüsesalat I
  • für den Betrag von Mk. 2.-

ausgefolgt.

Betr.: Zuteilung von Kartoffeln und Mohrrüben.

Ab Sonntag, den 13.2.44, 11 Uhr früh, werden an alle in den für sie zuständigen Kolonialwaren-Verteilungsstellen auf Coupon Nr. 44 der Gemüse-Karte

  • 500 g Mohrrüben pro Kopf
  • für den Betrag von Mk. 0,50

und ab Dienstag, den 15.2.44, auf Coupon Nr. 45 der Gemüse-Karte

  • 1 kg Kartoffeln pro Kopf
  • für den Betrag von Mk. 0,50

zur Verteilung gebracht.

Litzmannstadt, den 12.2.1944.

Seit langer Zeit wieder einmal ein Kilogramm Kartoffel! und die so sehnsüchtig erwartete Schachtel Streichhölzer.

Schwarzhandelspreise:

Im Zusammenhange mit der bevorstehenden Entsendung von 1500 Arbeitern zum Arbeitseinsatz ausserhalb des Gettos stiegen die Lebensmittelpreise rapid. Sie betrugen am 12.II.44 in den Abendstunden /vor der Ration/:

Brot Mk. 760, Mehl 550, Grütze 550, Flocken 700,

Zucker weiss Mk. 720, Zucker braun Mk. 675.

Dabei sind diese Kolonialwaren fast überhaupt nicht zu bekommen. Die Händler kaufen und halten diese Waren nach dem Diebstahl in der Mühlgasse 8 /Kooperative/ nicht.

Kartoffeln notieren bereits 180 Mk. pro kg, Kohlrüben 70 bis 75.-, Rettich 70, Möhren 90 bis 100 Mk. pro kg.

Die Ressortsuppen erreichten bereits 30 bis 35 Mark.

Fettpreise: Oel 10 bis 10,50 pro Deka. Margarine 9 bis 9,50. Kochbutter 15 bis 20, Schmelzbutter 17,50 bis 18 Mark.

Brennmaterial: Holz 3-4,50, Briketts 4-5 Mk, Kohle 8-10 Mk. pro kg.

Man hört, man spricht ...

... dass auch in der Wohnungshygiene strenge Massnahmen zu erwarten sind. Man befürchtet, dass die im Getto herumfahrende Gestapo Kontrollen in den Wohnungen durchführen und diejenigen Leute bestrafen wird, die ihre Wohnungen nicht sauber halten. Vom Baluter-Ring aus ergeht deshalb eine stille Propaganda zur Abhilfe dieses Uebelstandes.

... dass es ferner den Frauen dringend empfohlen wird, die Kosmetik vollkommen einzustellen und unter keinen Umständen mit gestrichenen Lippen und rotmanikürten Fingernägeln aufzutreten. Auch in dieser Beziehung wird eine stille Propaganda entfaltet.

Sanitätswesen.

Ansteckende Krankheiten: Keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 6 Lungentuberkulose, 1 Herzkrankheit, 1 tbc Gehirnhautentzündung, 1 Leberkrebs, 1 rechtsseitige Lähmung6.

1

HK, LK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „Morgens“.

2

Anders als in der Tageschronik sind die Textelemente „Sonntag, den 13.2.1944“ und „im Zentral-Gefängnis zu melden“ in der Originalbekanntmachung komplett unterstrichen. Außerdem werden die unter a) und b) genannten Strafmaßnahmen in umgekehrter Reihenfolge aufgeführt. Vgl. YIVO, RG 241/534: Rumkowski, Bekanntmachung Nr. 409, 12.2.1944.

3

HK, LK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „die diesbezügliche“.

4

Der Wortlaut der Bekanntmachung Nr. 408 wird vollständig wiedergegeben. Das Wort „abzuliefern“ ist im Original nicht unterstrichen. Vgl. YIVO, RG 241/533: Rumkowski, Bekanntmachung Nr. 408, 12.2.1944.

5

Bauernsuppe: Da es lokale Varianten von „Bauernsuppe“ gibt, ist die genaue Zusammensetzung nicht zu klären. Aufgrund der Nahrungsmittelknappheit im Getto ist jedoch anzunehmen, dass es sich um eine Gemüsesuppe handelte.

6

Eine einseitige Lähmung kann durch einen Schlaganfall (Apoplex) oder auch durch Unterzuckerung (Hypoglykämie) verursacht werden.