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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 13. Mai 1944

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Tageschronik Nr.: 
133

Das Wetter:

Tagesmittel 14-23 Grad, sonnig, windig.

Sterbefälle:

17,

Geburten:

1 m.

Festnahmen:

Verschiedenes: 2,

Diebstahl: 1

Einweisung:

1 /aus Litzmannstadt / 6-jähriges Mädchen

Bevölkerungsstand:

77.086

Tagesnachrichten.

Konferenz bei der Sonderabteilung:

Heute fand in der Sonderabteilung unter Vorsitz des Leiters M. Kligier eine mehrstündige Konferenz mit der Leitung der Approvisations-Abteilung statt unter Beteiligung einer Delegation von Leitern der Verteilungsläden. Die Approvisations-Abteilung fühlt sich durch die scharfe Kontrolle seitens der Sonderabteilung in ihrer Arbeit behindert und behauptet, dass diese Kontrolle eine expeditive1 Abfertigung der Konsumenten stört bzw. verhindert. Man wünscht eine Auflassung oder Milderung der polizeilichen Aufsicht. Obwohl diese Konferenz von 5 Uhr Nachmittag bis etwa 11 Uhr nachts dauerte und die Approvisations-Abteilung mit S. Reingold und Szczęsliwy an der Spitze, also mit allen Kanonen aufgefahren war, erreichte sie nichts. Kligier, der einerseits der Getto-Verwaltung gegenüber für das klaglose Funktionieren der Approvisation verantwortlich ist, andererseits aber auch der Gettobevölkerung gegenüber die Verantwortung für eine gerechte und möglichst verlustlose Verteilung trägt, hat in keinem einzigen Punkte nachgegeben.

Verschärfte Suppenverteilung:

Da zu Beginn der kommenden Woche wieder Kartoffeln ins Getto kommen sollen, die natürlich in erster Linie für die Küchen bestimmt sind, wird die Sonderabteilung auch in den Küchen eine Verschärfung der Kontrolle einführen, um eine möglichst anständige Suppenverteilung durchzusetzen. Man beabsichtigt, das Uebel an der Wurzel zu fassen und diese Wurzel heisst „Wydzielaczka“2. Um den Kontakt der Austeilerinnen mit den ständigen Protektionskindern zu unterbinden, ordnet die Sonderabteilung an, dass das Personal, das mit der Austeilung der Suppen beschäftigt ist, täglich abwechselt bzw. in einer anderen Küche arbeitet. Man findet sich damit ab, dass in den Küchen selbst ein Teil der Kartoffeln zum Schaden der Gesamtheit verloren geht. Selbst die schärfste Kontrolle kann diesem Uebelstand nicht abhelfen, aber man will wenigstens bei der allgemeinen Verteilung das tatsächlich skandalöse Protektionssystem auf ein Mindestmass eindämmen.

Approvisation.

Petersilie-Zuteilung

an die gesamte Gettobevölkerung.

Ab Sonnabend, den 13.5.44, werden auf Coupon Nr. 53 der Gemüsekarte

100 Gramm Petersilie pro Kopf für den Betrag von Mk. 0.50 herausgegeben.

Fleischkonserven-Zuteilung

an die gesamte Gettobevölkerung.

Ab Montag, den 15.5.44, wird auf Coupon Nr. 35 der Nahrungsmittelkarte

1/2 Dose Freibankfleischkonserven pro Kopf für den Betrag von Mk. 2.- zur Verteilung gebracht.

Kleiner Getto-Spiegel.

Die Anbausaison:

Noch immer ist die Zuteilung von Anbauflächen nicht ganz erledigt. Die paar Unglücklichen, die sich in der Wirtschaftsabteilung noch nicht entsprechend durchsetzen konnten, stehen noch immer verzweifelt vor der Tür Seiberts, der nur mehr schöne Worte austeilt, auf denen aber nichts wachsen kann. Er hat, was er an Protektionen zu vergeben hatte, sich bereits verausgabt und vertröstet die Menschen von einem Tag zum anderen. Inzwischen hilft sich der kleine Mann, so gut er kann. An einigen Stellen des Gettos sieht man Menschen bei einer sonderbaren Beschäftigung: Mit der Spitzhacke reissen sie auf Höfen das Pflaster auf und werfen die Katzenköpfe3 auf einen Haufen, dann gehen sie der Erde mit dem Brecheisen an den Leib. Ein paar Frauen tragen in Kisten und Taschen Erde heran, denn obwohl sie nicht mit allzuviel Kenntnissen in der Landwirtschaft belastet sind, stehen sie doch der Erde mit Misstrauen gegenüber, die unter den Pflastersteinen bislang ein geruhiges Dasein geführt hat, und so werden ein paar qum armseliger Erde in die landwirtschaftliche Produktion des Gettos „eingeordnet“.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

8 Lungentuberkulose, 1 Hirnhauttuberkulose, 2 Lungenentzündung, 5 Herzkrankheiten, 1 Magengeschwür.

1

expeditiv ‚schnell, reibungslos‘; zu expedit ‚behende, gewandt‘, zu lat. expedītus ‚unbehindert‘.

2

wydzielaczka ‚Verteilerin‘; poln.

3

Katzenköpfe: Rundliche, aus Naturstein gehauene Pflastersteine.