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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Sonnabend, den 14. August 1943 

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Tageschronik Nr.: 
210

Das Wetter:

Tagesmittel 15-19 Grad, bewoelkt, zeitweise Regen. Abends heftig einsetzender Regen.

Sterbefaelle:

-

Geburten:

- /keine Meldungen/

Festnahmen:

Verschiedenes: 3

Diebstahl: 1

Bevoelkerungsstand:

84.146

Tagesnachrichten.

Keine Aenderung der Lage.

Am gestrigen Tage etwa gegen 12 Uhr Vormittag raeumte der O.D. den Friedhof, da eine behoerdliche Kommission angesagt wurde. Die von den Beerdigungen zurueckkehrenden Personen wurden angewiesen, den Friedhof raschest zu verlassen. In den Nachmittagsstunden war die Stimmung etwas besser und es hiess, dass kein Grund zu Befuerchtungen vorliege. Dafuer aber verdichtete sich immer mehr das Geruecht von einer teilweisen Aussiedlung.Da die Sonder-Abteilung Bereitschaft hatte, fand dieses Geruecht entsprechende Nahrung. Allem Anschein nach wurden doch einige Personen, man spricht von Vorbestraften, zur Arbeit ausserhalb des Gettos ausgewiesen.1

Trauungen:

Der Praeses hat die Trauungen angesetzt u.z. fuer Sonntag 6 Uhr abends im Erholungsheim in der Gnesenerstrasse. Bisher fanden wie bekannt die Trauungen in Marysin statt. Der Praeses moechte die mit den Trauungen zusammenhaengende Bewegung in Marysin vermeiden.

Approvisation.

Neue Ration:

Die in den gestrigen Abendstunden publizierte Ration sieht folgendermassen aus:

Ab Sonnabend, den 14. August 1943, wird auf Coupon Nr. 60 der Nahrungsmittelkarte fuer die Zeit vom 16.-29. August 1943 folgende Ration pro Person herausgegeben:

  • 200 g Roggenmehl,
  • 200 g Erbsen,
  • 70 g Kohlruebenmehl,
  • 50 g Zwiebelsaatmehl,
  • 450 g Zucker, braun,
  • 100 g Oel,
  • 300 g Kaffeemischung,
  • 500 g Marmelade,
  • 400 g Salz,
  • 100 g Suppenpulver,
  • 100 g Salattunke,
  • 150 g Puddingtunke2,
  • 20 g Natron,
  • 20 g Selleriesalz3,
  • 10 g Zitronensaeure,
  • 1 St Seife
  • zum Preise von Mk 7.50.

Ferner werden auf Coupon Nr. 8 der Gemuesekarten ab Dienstag, den 17. August,

  • 3 kg Kartoffeln zum Preise von Mk. 1.50 herausgegeben.

Fleischzuteilung:

Ferner werden auf Coupon Nr. 31 der Nahrungsmittelkarte

  • 100 g Fleisch ausgefolgt.

Die Kartoffeln gelangen erst, wie vorauszusehen war, Dienstag zur Ausgabe.

Die Kartoffelzufuhr bessert sich.

Waren-Eingang

vom 13. August 1943.

1./ Lebensmittel: 3.000 l Magermilch, 48.950 kg Kartoffeln, 5.130 kg Kohlrabi, 5.170 kg Weisskohl, 6.289 kg Sauerkraut, 1.710 kg Rettich, 84.400 kg Roggenmehl, 2.900 kg Kartoffelwalzmehl, 460 kg Pferdefleisch, 267 kg Rossfleisch roh, 2.262 kg Rindfleisch, 175 kg Schweinefleisch, 95 kg Kalbfleisch.

2./ Zusaetzliche Bedarfsgueter: 19 Fl. Sauerstoff, 200 kg Appret4, 1.000 kg Trockenkleister, 103 kg Oellack, 4.594 kg Jokalin5, 1.482 kg Bayolan6

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

5 Bauchtyphus, 1 Ruhr, 7 Tuberkulose.

1

Bono Wien er notiert am gleichen Tag: „Neue Gerüchte. Die Aufregung wächst. Man weiß nicht, was geschieht“ (YIVO, RG 1452, Bl. 28 des Tagebuchs, übers. aus dem Jidd.). Jakub Poznański schreibt einen Tag später in sein Tagebuch, dass „etwas im Getto brodelt, die verschiedensten Gerüchte kursieren“. Er beschreibt die Sorge der Menschen angesichts des Bereitschaftsdienstes der „Sonderabteilung“ und der Gerüchte über die bevorstehende Deportation von 250 Männern und 90 Frauen zur Arbeit: „Die einen behaupten nach Posen, die anderen nach Breslau, und wieder andere zum Abbruch durch Bombardierungen zerstörter Häuser in Deutschland“ (Poznański 2002, S. 98; übers. aus dem Poln.).

2

Puddingtunke: Pulver für die Herstellung von Pudding.

3

Selleriesalz ist eine Gewürzmischung aus Kochsalz und Selleriepulver.

4

„Appret“, eigentlich „Appret-Flerhenol“: Markenname für ein bittersalzbeständiges Appreturöl (hochsulfoniertes Rizinusöl) für die Schwerappretur von Baum- und Zellwolle u.a.

5

„Jokalin“: Markenname für ein Waschmittel bzw. einen Weichmacher aus Fettalkoholsulfonat.

6

„Bayolan“: Wahrscheinlich ist „Bayoline“ gemeint, ein Spezial-Licker (d.h. eine Emulsion aus Fett, Wasser und Emulgatoren oder aus sulfonierten Fetten und Ölen, mit denen Leder nach der Gerbung gefettet wird) aus Klauenöl.