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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 15. April 1944

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Tageschronik Nr.: 
106

Das Wetter:

Tagesmittel 12-15 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

6,

Geburten:

3 / 1 m., 2 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

77.550

Selbstmordversuch:

Am 14.4.1944 versuchte der Sanier Chaim, geb. 12.12.1908 in Lodz, wohnhaft Cranachstr. 4, durch Einschnitt in den Hals Selbstmord zu verüben. Der Genannte wurde durch die Rettungsbereitschaft ins Krankenhaus eingeliefert.

Tagesnachrichten.

Bei völlig ruhigem Tagesverlauf konzentriert sich das Interesse des Gettos auf die Anbauflächen. Das Wirtschaftsamt wird nach wie vor zu allen Tagesstunden belagert. Der Präses hat O.D. hinbeordert, der den Auftrag hat, den Parteienverkehr in den Vormittagsstunden bzw. bis 5 Uhr Nachmittag hintanzuhalten. Dennoch gelingt es natürlich einer Anzahl Menschen einzudringen, hauptsächlich alles, was Kappe hat, kann sich beim diensthabenden Polizianten den Eintritt durchsetzen. Es werden noch immer nicht Privatgesuche erledigt, da die Flächen zunächst für Ressorts, in zweiter Reihe für Abteilungen zugewiesen werden. Private Anwärter werden sich mit den Resten begnügen müssen. Trotz aller Beteuerungen merkt man überall wieder die Hydra Protektion. An der Parzelle Drukarska-Reiterstrasse hat das VI. Polizei-Revier einen Streifen von 10 bzw. 20 m Breite vom Zaun für sich beansprucht, um zu vermeiden, dass so nahe am Gettodraht gearbeitet wird. Drei Jahre lang wurde dort gearbeitet, jetzt soll das nun verhindert werden. Was hat sich in Wirklichkeit herausgestellt? Dass die beim VI. Polizei-Revier arbeitenden Juden sich die Protektion dieses Reviers, zwecks Erlangung dieses Streifens, gesichert haben. So werden also wiederum Juden unmittelbar am Draht arbeiten, weil sie die besondere Protektion der deutschen Polizei besitzen.

Approvisation.

Eine leichte Besserung in der Kartoffeleinfuhr, 16.000 kg. Sollte das ein Anzeichen für den Beginn grösserer Einfuhren sein? Nach der allgemeinen Lage ist das kaum anzunehmen. Es kamen ferner 5.260 kg Rote Beete, auch diese nach wie vor ganz minderer Qualität. Ausserdem kamen noch 4.150 kg konserv. Rote Beete. An Fleisch kam ausser 970 kg Kalbsgekröse nichts herein.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 3 Lungentuberkulose, 2 Herzkrankheiten, 1 Gehirnblutung.