Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 15. Juli 1944

Podcast Icon
Tageschronik Nr.: 
196

Das Wetter:

Tagesmittel 16-26 Grad, bewölkt, nachdem es die ganze Nacht geregnet hat.

Sterbefälle:

20,

Geburten:

5 /2 m., 3 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Bevölkerungsstand:

71,606 1

Ausweisungen:

700 /Personen, zur Arbeit ausserhalb des Gettos, V. Transport am 3.7.1944/

Tagesnachrichten.

Jubel im Getto:

So glücklich war das Getto noch nie. Heute gegen Mittag erhielt der Aelteste den Auftrag, die Aktion der Aussiedlung zu stoppen. Der Präses rief selbst sofort die Kartenstelle an und ordnete an, dass sämtliche Blockierungen der Lebensmittelkarten sofort aufgehoben werden. Wie ein Pfeil schoss er mit seiner Droschke durch die Stadt, von Ressort zu Ressort und ins Zentralgefängnis.

Die Menschen umarmten sich auf der Strasse, küssten sich in den Abteilungen und Ressorts: „Keine Aussiedlung mehr“!

Man dachte erst garnicht darüber nach, ob dies nur eine kurzfristige Unterbrechung oder eine endgültige Einstellung der Transporte ist. Eines ist sicher, für Montag wird kein Transport mehr vorbereitet. Das Getto hat sich abgewöhnt, länger als in Stunden zu denken. Erst wollte man’s nicht glauben. Nach soviel Jammer will man auch eine glückliche Nachricht nicht recht glauben. Allmählich aber überzeugt sich das Getto, dass es wirklich so ist und man kann sich denken, was für eine Entspannung das bewirkte. Am Nachmittag schon sah man die ersten Entlassenen aus dem Zentralgefängnis und den Punkten mit ihrem Gepäck durch die Strassen wandern, zurück in ihre Wohnungen. Aber diese Wohnungen sind zum grösstenteil nur noch leere vier Wände, denn alles Hab und Gut wurde doch so rasch als möglich verklopft. Kein Bett, kein Stuhl, kein Schrank, ja man wird auf der Erde schlafen, man wird sich schon wieder helfen. Der Gettomensch ist wie eine Katze, fällt immer auf die Beine, er wird wieder alles schaffen. Die Zentraleinkaufstelle wird wohl alles zurückgeben. Der Präses wird sicherlich dafür sorgen, dass den Rückkehrern aus dem Zentralgefängnis und den Punkten geholfen wird.

Die Kommission im Zentralgefängnis und das Zwischen-Ressort-Komitee kann nur noch Bilanz machen. Im Zentralgefängnis wird es manchen geben, der den plötzlichen Abschluss bedauern wird. Man hat ja gut gelebt, am Unglück der anderen sich vollgefressen. Aber das Getto geht über die Enttäuschung dieser wenigen Menschen hinweg. Alles in allem ein Jubeltag im Getto wie noch nie.2

Gegen 1/2 7 Uhr morgens wurde der Verkehr an den beiden Toren an der Hohensteinerstrasse gesperrt. Um 7 Uhr morgens marschierte ein Zug von etwa 1000 russischen Kriegsgefangenen, die in irgendeinem Gefangenenlager bei Litzmannstadt beschäftigt sind, durch die Hohensteinerstrasse. Gegen 1/2 3 Uhr bewegte sich derselbe Zug in umgekehrter Richtung.

Approvisation.

Eine weitere Besserung in der Frischgemüsezufuhr. Heute schon 144,000 kg Weisskohl, 18,000 kg Möhren, 4,600 kg Kohlrabi, 1000 kg Rote Beete und 4,700 kg Mairettich. Gottlob, es gibt wieder was zu essen.

Auch Fleisch kam wieder herein u.zw. 1500 kg.

Ration:

Betr.: Lebensmittelzuteilung.

Ab Sonntag, den 16. Juli 1944, 6 Uhr früh, wird auf Coupon Nr. 65 der Nahrungsmittelkarte an alle in den für sie zuständigen Verteilungsstellen für die Zeit vom 17.7.1944 bis zum 23.7.1944 einschl. folgende Ration pro Kopf herausgegeben:

  • 300 Gramm Roggenmehl,
  • 100 Gramm Roggengrütze,
  • 250 Gramm Zucker, weiss,
  • 250 Gramm Brotaufstrich,
  • 60 Gramm Oel,
  • 100 Gramm Suppenpulver,
  • 500 Gramm Kaffeemischung,
  • 100 Gramm Erbsenblattmehl,
  • 10 Gramm Zitronensäure,
  • 20 Gramm Natron
  • für den Betrag von Mk. 7.75.

Weiterhin werden pro Familie

  • 1 Schachtel Streichhölzer
  • 1 Päckchen Waschpulver
  • für den Betrag von Mk 1.- ausgefolgt.

Ferner gelangen ab Sonnabend, den 15.7.1944, an alle in den für sie zuständigen Milchverteilungsstellen auf Coupon Nr. 63 der Nahrungsmittelkarte

  • 30 Gramm Butter pro Kopf
  • für den Betrag von Mk 0.50

zur Verteilung.

Litzmannstadt, den 15.7.1944

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

11 Lungentuberkulose, 7 Herzkrankheiten, 1 Darmriss, Darmverschluss, 1 Gehirnquetschung /Unfall/.

1

Rechnerisch ergibt sich ein Bevölkerungsstand von 71306. Die höhere Zahl bleibt Grundlage für die weitere Bevölkerungsstatistik. Die 700 deportierten Personen werden erst mit der nächsten Bevölkerungsangabe (d.h. der Tageschronik vom 18. Juli 1944) erfasst.

2

Ein junges Mädchen schreibt an diesem Tag in sein Tagebuch: „Oh, wie wunderbar! Grandios! Die Aussiedlung ist abgesagt. Wie unerwartet das gekommen ist. Die Lebensmittelkarten sind entsperrt. Die Menschen werden aus Czarnieckiego entlassen. Menschen küssen sich auf den Straßen. Was für eine Freude“ (AŻIH, 302/9, Bl. 2; übers. aus dem Poln.). Von der unbändigen Freude der Menschen im Getto berichtet auch Jakub Hiller in seinem Tagebuch (AŻIH, 302/10, Bl. 61). Jakub Poznański schreibt einen Tag später: „Es ist schwer zu beschreiben, was sich in den Ressorts und auf den Straßen des Gettos abspielte, als diese Nachricht sich im Getto verbreitete. Einander völlig fremde Menschen küssten sich auf den Straßen in der Anwesenheit aller anderen. Alle hatten Tränen der Freude und der Rührung. Amsterdam, der Chef unseres Ressorts, von dem ich schon früher geschrieben habe, stürmte auf den Hof und warf sich in meine Arme und küsste sich mit mir wie mit einem Bruder. Seine Freude kann man vergleichen mit der Freude eines kleinen Kindes, das sein liebstes oder erträumtes Spielzeug geschenkt bekommt“ (Poznański 2002, S. 183; übers. aus dem Poln.). Ein unbekannter Tagebuchschreiber notiert an diesem Tag seine sehr viel zwiespältigeren Gefühle: „Heute morgen hat sich ein Gerücht mit elektrisierender Geschwindigkeit im Getto verbreitet: ‚Es wird nicht mehr ausgesiedelt‘ … Die Leute umarmten und küßten sich. Ich schenkte dieser Meldung nicht viel Glauben, aber später stellte sich heraus, daß es stimmte – die Freude überwältigte mich, aber ein paar Stunden später wurde mir diese Freude wieder vergällt – ich erfuhr, daß jemand einen Brief gelesen hatte, der im Waggon der Aussiedler versteckt worden war – sie waren nach Koło gefahren: Das ist ein schrecklicher Name für uns, der Name dieser Stadt, dort war das Schlachthaus für die Juden. … Aber es ist schließlich doch besser, daß es aufgehört hat. Wie schrecklich ist der Gedanke, daß auch diese 7000 Weggeschickten erbarmungslos getötet wurden. – Sollte unser Feind die Schlechtigkeit, Kühnheit, Torheit besitzen, eine solche Tat noch jetzt zu vollbringen, in diesem Augenblick, der doch entschieden sein letzter ist? Sollte er? Ja! Deutsche Torheit ist unergründlich!“ (Loewy/Bodek 1997, S. 73f.). Vgl. auch Biderman 1995, S. 166.