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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 18. Dezember 1943

Tageschronik Nr.: 
336
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Das Wetter:

Früh 1 Grad unter 0, trocken, sonnig. Mittag 5 Grad +, Sonnenschein.

Sterbefälle:

-

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

83.202

Tagesnachrichten.

Heute ereignete sich an der Abbruchstelle, Sulzfelderstrasse, ein Unfall, bei welchem ein Arbeiter schwer verletzt wurde. Der Präses interessierte sich sofort für die Verhältnisse dieses Arbeiters und als man ihm meldete, dass 2 kleine Kinder vorhanden sind, deren Mutter im September vorigen Jahres ausgesiedelt wurde, alarmierte er das Sekretariat Wołkowna. Im Verlauf von einer Stunde waren die Kinder in sicherer Obhut. Die Kinderärztin Dr. Mandels wurde ins Sekretariat berufen, wohin die Kinder bereits gebracht worden waren. Nach der ärztlichen Untersuchung wurden die beiden Kinder, ein 4-jähriger Junge und ein 6-jähriges Mädchen, dem Kinderheim /Bursa/ überstellt. Der Präses erkundigte sich noch im Laufe des Vormittags über die Durchführung. Diese Episode kann nicht ohne die1 Bemerkung verzeichnet werden, dass der vielbeschäftigte Präses in dem Augenblick, wo es sich um Kinder handelt, immer noch Zeit findet, nach dem Rechten zu sehen.

Approvisation.

In den heutigen Vormittagsstunden erschien mit Datum vom gestrigen Tage die neue Ration. Alles in allem ein getreues Abbild der letzten, nur mit dem Unterschied, dass nur 80 dkg Kolonialwaren gegen 92 dkg der vorigen Ration, also 12 dkg weniger, dagegen 55 dkg Zucker gegen 50 dkg der vorigen Ration, also um 5 dkg mehr, ausgegeben werden. Leider aber ist die Marmeladeration mit 20 dkg gegenüber 50 dkg der vorigen Ration ein schwerer Schlag. Die 5 dkg Zucker können diesen Ausfall nicht ersetzen.

Die Ration bringt:

Ab Sonnabend, den 18.12.1943, wird auf Coupon Nr. 89 der Nahrungsmittelkarte für die Zeit vom 20.12.1943 bis 2.1.1944 einschl. folgende Ration herausgegeben:

  • 600 g Roggenmehl
  • 200 g Roggenflocken
  • 550 g Zucker braun
  • 100 g Oel
  • 200 g Marmelade
  • 400 g Salz
  • 300 g Kaffee-Mischung
  • 100 g Kaffee-Mischung, gemahlen
  • 100 g Senf
  • 100 g Suppenpulver
  • 10 g Natron
  • 25 g Kümmel
  • 1 Stück Seife
  • Diese Ration beträgt Mk 7.10

Ausserdem erhält jede Familie auf Grund der Gemüse-Legitimation

  • 500 g Waschsoda
  • 50 g Haustee
  • 1 Schachtel Streichhölzer
  • für den Betrag von Mk. 0.50

Ferner werden ab Sonnabend, den 18.12.1943, auf Coupon Nr. 88 der Nahrungsmittelkarte

  • 150 g Milchpulver
  • 50 g Margarine für den Betrag von Mk. 2.-

und auf Coupon Nr. 87 der Nahrungsmittelkarte

  • 150 g Gemüsesalat

für den Betrag von Mk. 0.30 ausgefolgt.

Die Zufuhren an Kartoffeln und Gemüse sind am heutigen Tage, wie vorauszusehen war, sehr gering. Alles in allem kamen ca 32.000 kg Kartoffeln und ca 17.000 kg Kohlrüben. Fleisch etwas gebessert mit 5.600 kg.

Ressortnachrichten.

Aus Kreisen des FUKR hört man von einer leichten Besserung des Auftragsbestandes in den letzten Tagen.

Justizwesen.

Gerichtssaal:

Berufungsverhandlung vom 17.12.1943

Binsztok, Motyl, Wojdisławski, Prok. Schwebel.

Kausen: 4, Angeklagte: 6, Vergehen: Diebstahl: 2, Verletzung des Vergehens an Feld- und Gartenfrüchten 1,2 leichte Körperverletzung 1.

Der Heizer einer Werkküche, Bergfrajd, war angeklagt, gemeinsam mit einem Feuerwehrmann eine kleinere Menge Kartoffeln aus der Küche herausgetragen zu haben. Das erstinstanzliche Urteil lautete auf 1 Monat Gefängnis unbedingt, in II. Instanz wurde das Urteil bestätigt.

Die Brüder Rochwerger Szlama und Rochwerger Szmul haben im September dieses J. von einer Gartenparzelle 13 kg Zwiebeln und einige kg Porree entwendet. In I. Instanz wurden sie zu je 2 Monaten Gefängnis unbedingt verurteilt. In II. Instanz wurde ihnen die Strafe auf je 6 Wochen Gefängnis herabgesetzt.

Ausserdem wurde die Sache gegen Zaitman Chil und Hajszerik Abram verhandelt. Ersterer – Expedient einer Kooperative – wurde seinerzeit angehalten, als er gerade im Begriffe war, aus dem Laden, wo er arbeitete, 1 kg 40 Flocken herauszutragen. Im Laufe der Untersuchung in der Sonderabtlg. belastete er verschiedenartig den Leiter Hajszerik, der jedoch alle Beschuldigungen in Abrede stellte. In 1. Instanz wurde Zaitman wegen Diebstahl von 1 kg 40 Flocken zu 1 Monat Gefängnis verurteilt. Hajszerik wurde freigesprochen. Gegen dieses Urteil appellierte der Staatsanwalt bezüglich beider Angeklagten und Zajtman wegen Nichtzubilligung von Bewährungsfrist. Bei der Berufungsverhandlung kam der Senat zur Ueberzeugung, dass Hajszerik einmal eine angeblich ihm als Rückstand zustehende Konsumption von 40 dkg Zucker sich in seine Wohnung bringen liess und verurteilte ihn dafür zu 2 Monaten Gefängnis unbedingt. Bezüglich des Zajtman wurde das erstinstanzliche Urteil aufrecht erhalten.

Die vierte Sache wurde vertagt, da sie dem Privatankläger nicht zugestellt wurde.

Sanitätswesen.

Die uns heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

3 Bauchtyphus.

1

HK, JFK**: Ursprünglich „der“; von Hand korrigiert. LK**: „der“.

2

So in HK, LK*, JFK*.