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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 18. März 1944

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Tageschronik Nr.: 
78

Das Wetter:

3 Grad, neblig.

Sterbefälle:

10,

Geburten:

3 /1 m., 2 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1,

Diebstahl: 2

Bevölkerungsstand:

77.835

Tagesnachrichten.

Wieder eine Kommission im Getto:

Eine Kommission besuchte neuerdings das Getto und unter anderem das Terrain des Kohlenplatzes, das jetzt geräumt wird und wo dem Vernehmen nach Industriebaracken errichtet werden sollen.

Die FUKA ist vollkommen liquidiert:

Die Räume wurden geschlossen und das Inventar auf verschiedene Ressorts aufgeteilt.

Die Darlehenskassa, Hohensteinerstr. 17, soll jetzt nach genau 1-jähriger Tätigkeit liquidiert werden. Augenblicklich werden keine Gesuche um Darlehen angenommen.1

Approvisation.

Keinerlei Einfuhr von Gemüse und Kartoffeln. An Fleisch erhielt das Getto heute 1.530 kg. Die Lage ist unverändert schlecht.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

6 Lungentuberkulose, 2 Herzmuskelschwäche, 1 Frühgeburt, 1 Lebensschwäche bei Zwillingsgeburt.

1

Zu der angekündigten Liquidierung der „Darlehenskasse“ kam es nicht. Die Einrichtung wurde lediglich neu organisiert und blieb bis zur Auflösung des Gettos bestehen (vgl. dazu den Eintrag „Darlehenskassa“ in der Tageschronik vom 4. April 1944). - Die Idee, eine „Darlehensbank“ zu gründen, war im Januar 1943 von Rumkowski entwickelt worden. Im Laufe des Monats Februar wurden die Vorbereitungen zur Gründung der Institution dann weiter vorangetrieben (vgl. jeweils die Einträge „Darlehenskasse“ in den Tageschroniken vom 24. Februar 1943 und 27. Februar 1943), am 15. März 1943 erfolgte die formelle Eröffnung (vgl. den Eintrag „Darlehenskasse“ in der Tageschronik vom 13. März 1943). Zum Leiter der „Darlehenskasse“ wurde Józef Klementynowski, der bisherige Leiter des „Archivs“, bestimmt. 43 Personen waren hier angestellt, die von der Gemeinde bezahlt wurden. Ein aus 40 Personen bestehender Aufsichtsrat prüfte die eingehenden Gesuche um Kredite und setzte ihre Höhe fest. Vgl. Rubin 1988, S. 396. Über die Aufstellung des Grundkapitals informiert die Tageschronik vom 15. September 1943 (Eintrag „Von der Darlehenskassa“).