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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Sonnabend, den 18. September 1943

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Tageschronik Nr.: 
245

Das Wetter:

Tagesmittel 21-35 Grad, sonnig, heiss.

Sterbefaelle:

-

Geburten:

- /keine Meldungen/

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevoelkerungsstand:

83.789

Tagesnachrichten.

Der Praeses hat heute 2 aussertourliche Trauungen vorgenommen. Es handelt sich um die Eheschliessungen der beiden Sekretariatsbeamtinnen vom Baluter-Ring, Schiflinger Mary /Malka-Gitla/, die sich mit dem Leiter des Lagers fuer Baeckereigeraete Ignaz /Izak/ Jelen verheiratete und Schwebel Bronia, die sich mit dem aus Prag eingesiedelten Bankbeamten Strauss Erich vermaehlte. Der Praeses ordnete diese beiden Trauungen für 20 Uhr 30 im Heime auf Karola Miarki an. Anwesend waren zahlreiche geladene Persoenlichkeiten, die in verschiedentlichen Ansprachen den beiden Damen ihre Glueckwuensche aussprachen.

Approvisation.

Auch heute keine Aenderung. Die Lage spitzt sich zu. Auch die Kuechen sind aeusserst knapp. Wie die Gemuese-Abteilung uns mitteilt, liegt gerade noch ein Vorrat fuer 3 Tage vor. Wenn auch der Praeses in seinen diversen Ansprachen ausreichende Kartoffelausgaben fuer die naechste Zeit angekuendigt hat, so hilft das leider ueber die gegenwaertige Hungerperiode nicht hinweg.

Gemuesesalat:

Es ist wohl, wie wir berichtet haben, am 14.9.1943 eine Ration Gemuesesalat ausgeschrieben worden. Da aber die Produktion in diesem Artikel, mangels entsprechender Zufuhren, sehr gering ist, wird die genannte Ration in der Zeit vom 14.9.1943 bis 3.10.1943 nach einem Verteilungsplan ausgegeben.

Ressortnachrichten.

Produktionserhoehung in den Schneiderei-Abteilungen:

Heute fand eine Besprechung der Leiter aller Schneiderei-Abteilungen unter dem Vorsitz des Praeses statt. Zur Beratung stand die Frage der Produktionserhoehung. Wie wir erfahren, hat die Getto-Verwaltung weitere Auftraege fuer die Wehrmacht angekuendigt und hiebei verlangt, dass das Tempo der Ablieferung beschleunigt werde. Fast alle Schneider-Ressorts sind an diesen neuen Auftraegen beteiligt.

Der Praeses machte die Abteilungsleiter darauf aufmerksam, dass unter allen Umstaenden eine Erhoehung der Produktion durchgefuehrt werden muesse. Im Zusammenhang mit dieser erforderlichen Aufgabe stehe die Ernaehrung der Schneider. Es gehe nicht an, dass einzelne Personen den Produktionsprozess vernachlaessigen und sich nur dann zu einer vollen Ausnuetzung der Kapazitaet verpflichten, wenn ihnen ein Talon zugesichert wird. Selbstverstaendlich verlange die nervenaufreibende Taetigkeit an der Maschine zusaetzliche Ernaehrung, aber diese koenne nur nach Massgabe der vorhandenen Mittel und ohne jeden Druck gewaehrt werden.

Der Praeses beschaeftigte sich eingehend mit diesem Problem, insbesondere auf Grund der Darstellung des Leiters D. Warszawski, und gab zu verstehen, dass er entschlossen sei, das System der Kraeftigungs-Kuechen speziell fuer die Schneider-Ressorts auszubauen. Die Schneider sollen sukzessive 14 Tages-Kollationen1 bekommen u.z. in der Weise, dass sie, sobald sie nach diesen 14 Tagen gekraeftigt zur Arbeit gekommen sind und nachgewiesenermassen ihre Produktion erhoeht haben, nach kurzer Zeit wiederum mit Kollationen bedacht werden.

Die noetigen Vorbereitungen wird der Praeses in der allernaechsten Zeit treffen.

Flugzeugraeder:

Das Metall-Ressort II hat einen grossen Auftrag zur Lieferung von Aluminiumraedern fuer Flugzeuge erhalten. Es sollen 300 Stueck monatlich produziert werden.

Kessel-Transport:

Der von uns bereits erwaehnte Kesseltransport2 ist soweit abgeschlossen, als der fuer die Tischlerei bestimmte Kessel nunmehr bereits auf dem Hof des Holzbetriebes Zimmerstrasse 12 steht. Dort wird er in der neueinzurichtenden Trockenanlage eingebaut werden. Wie schwierig die Transferierung dieses Kessels war, geht daraus hervor, dass das 10 m lange Stueck 10 Tage gebraucht hat, um einen Weg von 250 m zurueckzulegen.

Sanitaetswesen.

Keine Meldungen.

1

Kollation, eigentl. ‚Imbiß, kleine Zwischenmahlzeit‘; zu mittellat. collatio ‚abendliche Lesung im Kloster und das Essen danach‘, landschaftl., älteres Nhd.

2

Von dem genannten Kesseltransport war bereits mehrfach die Rede. Vgl. etwa die Tageschroniken vom 5. September 1943 (Eintrag „Kessel-Transport“) und 10. September 1943 (Eintrag „Kesseltransport“).