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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 19. Februar 1944

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Tageschronik Nr.: 
50

Das Wetter:

Tagesmittel 3-5 Grad unter 0, Frost, zeitweise sonnig.

Sterbefälle:

9 1

Geburten:

2 /männl./

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

79.696

Brand:

Am 19.2.44. um 3,33 Uhr wurde die Feuerwehr zur Bäckerei-Abteilung, Hirtenweg 14, alarmiert, wo durch eine unvorschriftsmässige Heizanlage ein Dachbrand entstand. Das Feuer wurde mit Hilfe einer Motorspritze gelöscht.

Am 18.2.44 um 21,45 Uhr wurde die Feuerwehr nach dem Betrieb Nr. 11 alarmiert, wo der Mistkasten in Brand geraten war. Das Feuer, welches rasch gelöscht werden konnte, entstand vermutlich durch heisse Asche, die in den Mistkasten geschüttet wurde.

Tagesnachrichten.

Die 1600 Arbeiter:

Durch ein Rundschreiben an die Leiter der Werkstätten, Fabriken und Abteilungen erhalten die Leiter genaue Dispositionen:

Rundschreiben

an die Leiter der Werkstätten, Fabriken und Abteilungen.

Betr.: Bekanntmachung Nr. 411 vom 18.2.1944.

Allgemeine Gehsperre.

Unter Bezugnahme auf meine obengenannte Bekanntmachung, derzufolge morgen Sonntag, den 20.2.44., in den Betrieben ausser den Feuerwehrleuten auch 2 von Ihnen bestimmte Vertrauensleute und in den Abteilungen ausser den Feuerwehrleuten 1 von Ihnen bestimmte Vertrauensperson vorhanden sein sollen, weise ich daraufhin, dass sowohl die Feuerwehrleute als auch die in Frage kommenden

Vertrauenspersonen am Sonntag, den 20.2.44., morgens 6 Uhr ihren Dienst anzutreten haben und damit die Nachtwachen ablösen.

Die Feuerwehrleute und die Vertrauenspersonen verbleiben also am allgemeinen Sperrtag /Sonntag, den 20.2.44./ von früh 6 Uhr bis zur Aufhebung der Gehsperre in den Betrieben bzw. Abteilungen.

Litzmannstadt-G., den 19.2.1944.

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden

in Litzmannstadt

P.S. Die Listen für die in Frage kommenden Passierscheine sind im Sekretariat, Matrosengasse 1, bei Herrn Cygielman einzureichen, woselbst auch die Ausgabe der betreffenden Passierscheine erfolgt.2

Der Status im Zentral-Gefängnis hat sich nicht wesentlich geändert. Ein Termin für die Entsendung der 1. Gruppe liegt noch immer nicht vor.

Der Präses hatte in den Abendstunden im III. Revier eine längere Konferenz mit den Vorstehern der Ordnungsdienst-Reviere. Ueber die Weisungen, die der Ordnungsdienst für den kommenden Sperre-Tag erhielt, ist noch nichts bekannt. Es steht aber schon jetzt fest, dass der Präses bei der Gelegenheit der morgigen Aktion nicht nur die Versteckten holen lassen wird. Da er selbst nicht mit einem vollen Erfolg rechnet, wird er auf seine Art versuchen, sich die erforderlichen Reserven zu schaffen.

Die Jagd nach Menschen wird also morgen, Sonntag, um 6 Uhr morgens beginnen.

Approvisation.

Heute weder Kartoffel- noch Gemüseeinfuhr, lediglich Kolonialwaren im Rahmen des Kontingents. An Fleisch erhielt das Getto heute 2.026 kg.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

5 Lungentuberkulose, 4 Herzkrankheiten.

1

HK, LK**, JFK*: „9“ von Hand hinzugefügt.

2

Der Wortlaut des Rundschreibens wird vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/422, Bl. 427: Rumkowski, Rundschreiben an die Leiter der Werkstätten, Fabriken und Abteilungen, 19.2.1944.