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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 20. Mai 1944

Tageschronik Nr.: 
140
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Das Wetter:

Tagesmittel 13-20 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

17,

Geburten:

2 w.

Festnahmen:

Verschiedenes: 1,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

77.001

Brand:

Am 19.5.44 wurde die Feuerwehr um 15,30 Uhr zu einem Zimmerbrand nach der Holzstrasse 21, Wohng. 44, alarmiert. Das Feuer wurde rasch mit Hilfe einer Motorspritze gelöscht.

Tagesnachrichten.

Nichts von Belang. Das Getto arbeitet mit knurrendem Magen. Die Sterblichkeit wächst allmählich mit erschreckender Sicherheit.

Registrierung der Schreibmaschinen:

Rundschreiben

an alle Betriebe und Abteilungen.

Zwecks Bestandsaufnahme sämtlicher im Getto vorhandenen Schreibmaschinen werden die Leiter der Betriebe und Abteilungen ersucht, bis Montag, den 22.5.44, spätestens 12 Uhr, dem Zentralsekretariat, Hanseatenstr. 23, folgendes schriftlich anzugeben:

Anzahl der Schreibmaschinen mit Angabe der Marken und Angabe, ob grosse oder Reiseschreibmaschinen.

Litzmannstadt-G., den 20.5.1944

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt.1

Approvisation.

Wieder kamen nur konserv. Rote Beete 7.400 kg und 1380 kg Petersilie. Das ist die ganze Versorgung einer hungernden Stadt, Ende Mai 1944. Und die Aussicht für die nächsten Tage? Die Trostlosigkeit!

Ressortnachrichten.

In den Leder- und Sattlerbetrieben

herrscht Arbeitsmangel und man rechnet deshalb mit grossen Reduktionen. Der Betrieb Fischgasse 21 soll gänzlich liquidiert werden. Die reduzierten Arbeiter sollen der Behelfshäuschenproduktion und den Holzbetrieben zugewiesen werden.

Kleiner Getto-Spiegel.

Hunger und Hacke:

Der Kierownik des Kürschner-Ressorts erzählt: Bevor ich mit eigenen Augen gesehen habe, wie die Menschen im Kürschner-Ressort arbeiteten, hätte ich das nicht geglaubt. 8 bis 10 Stunden fast ohne Pause in der Werkstätte arbeiten, die Luft einatmen, die voll ist von den dünnen Haaren der Kaninchenfelle – das allein schon kann einen völlig gesunden Menschen allmählich zu Fall bringen.

Dazu der Hunger. Ein zwanzigjähriger Junge, ganz von Kräften gekommen, bittet um die 6. Zusatzsuppe in der Woche. Die Leitung kann sie ihm nicht geben. Die Lage im Getto ist derart, dass diese 6. Suppe nicht herausgeschlagen werden kann. Nun gibt es eine Möglichkeit, dem geschwächten Körper eine zeitlang aufzuhelfen: 4 Wochen Bäckerei. Das heisst soviel wie: 4 Wochen hindurch eine tägliche Zusatzration von 50 dkg Brot.

Das Kürschner-Ressort soll von vier Kandidaten, denen dies Privileg zugesichert wurde, einen entsenden. Da man sich nicht auf einen bestimmten einigen kann, entscheidet das Los. Es entscheidet gegen den zwanzigjährigen Jungen, nennen wir ihn – Berl.

Berl ist zur Ueberzeugung gekommen, dass vom Ressort aus eine Besserung seiner Lage nicht zu erhoffen ist. Er beschliesst also oder – präziser gesagt – es drängt ihn, auf eigene Faust zu handeln. Kein Talon, keine Bäckerei, keine sechste Suppe! Also los!

Einige Stunden nach Ressortschluss kommt die Meldung ins Polizeirevier: Ein junger Mann, Berl, Arbeiter im Kürschner-Ressort, ist bei einem gewaltsamen Einbruch in eine Wohnung ertappt worden, eine Hacke in der Hand. Am nächsten Morgen erfährt das Ressort diesen Fall. Staunen, Kopfschütteln, Bedauern, Mitleid. Berl, der fleissige, anspruchslose, bescheidene Arbeiter, der bei allen seinen Kollegen beliebt ist, plötzlich ein Dieb, ein Einbrecher! Niemand will es glauben, alle sind bereit, für ihn ein gutes Wort einzulegen. Wer weiss, was mit Berl geschehen wird ...

Das Getto gebiert alle Arten menschlichen Schicksals. Es drückt dem Hungernden die Hacke in die Hand.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 12 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

11 Lungentuberkulose, 1 Tuberk. Gehirnhautentzündung, 3 Herzkrankheiten, 1 Darmkatarrh, 1 Polyserositis.

1

Mit Ausnahme der abgekürzten Ortsangabe „Litzmannstadt-G.“ (im Rundschreiben „ Litzmannstadt-Getto“) wird der Wortlaut des Rundschreibens vollständig wiedergegeben. Die Wörter „alle“ und „Montag“ sind im Rundschreiben gesperrt. Vgl. APŁ, 278/2061, Bl. 85: Rundschreiben an alle Betriebe und Abteilungen, 20.5.1944.