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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 20. November 1943

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Tageschronik Nr.: 
308

Das Wetter:

Tagesmittel 2-4 Grad, es nieselt.

Sterbefaelle:

-

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Diebstahl: 2

Bevoelkerungsstand:

83.393

Braende:

Am 19.11. wurde die Feuerwehr um 15 Uhr 55 zum Betrieb 78, Wasser- und Dampf-Installation, Kurzeg. 15-17, alarmiert, wo auf dem zweiten Stockwerk eine Wand in Brand geraten war. Das Feuer wurde mit Hilfe einer Motorspritze geloescht. Brandursache: fehlerhafte bauliche Anlage des Kaminschachtes.

Gleichfalls am 19.11. wurde die Feuerwehr um 19 Uhr 15 nach dem Krankenhaus II, Matrosengasse 74, alarmiert, wo in dem Parterre-Holzanbau eine Wand in Brand geraten war. Das Feuer wurde mit Hilfe einer Kübelspritze gelöscht. Es entstand durch einen ungenügend isolierten Ofen.

Um 20 Uhr 55 des gleichen Tages wurde die Feuerwehr nach der Sulzfelderstrasse 25 berufen, wo aus der Wohnung im 2. Stock Rauchschwaden aus dem Fussboden drangen, welche – wie festgestellt wurde – durch Kaminspalten entstiegen. Die Bauabteilung wurde sofort angewiesen, die entsprechenden Kaminreparaturen durchzuführen.

Tagesnachrichten.

Noch immer kreisen Gedanken und Gerüchte um die Verpflegungslage. Täglich kolportiert die Strasse Nachrichten über angeblich eingelaufene Lebensmittel. Meistens sind es Uebertreibungen.

Der Präses widmet sich nach wie vor allen Angelegenheiten des Gettos mit Ausnahme der Approvisation. Von diesem Sektor hält er sich trotz der Vorschläge zur Mitarbeit fern.

Approvisation.

Die Zufuhren überschreiten nicht den saisonmässigen Rahmen. Am gestrigen Tage sind wohl 155,880 kg Kartoffeln eingelaufen, dafür aber am heutigen Tage nur 50,520 kg. An Gemüse kam gestern nur wenig herein und zwar 8230 kg Rettich, in Fässern 9260 kg Gemüsesalat und 3800 kg eingemachter Kürbis. Auch der Mehleinlauf ist nicht sehr befriedigend, wenn man bedenkt, dass das Getto über keinerlei Reserven mehr verfügt. Während gestern 42725 kg Roggenmehl und 2000 kg Kartoffelwalzmehl hereinkamen, sank die Zufuhr am heutigen Tage auf 22,000 kg Roggenmehl. Befriedigend ist lediglich der Tageseinlauf an Fleisch. Es kamen gestern 6250 kg und heute 8300 kg. Alles in allem muss man sagen, dass die gegenwärtige Lebensmittelzufuhr zu keinerlei Hoffnung auf eine Besserung der Lage berechtigt.

Tabakzuteilung:

Der Präses hat die Tabakabteilung beauftragt, die Zigarettenzuteilung an jene Personen fortzusetzen, die bisher im Genusse der B-Zuteilung waren. Bekanntlich bekam jeder Beiratgeniesser 100 jugoslawische Zigaretten zum Preise von 15 Mark. Die Tabakabteilung hat auf Grund der Listen der Talonabteilung die Begünstigten davon verständigt, dass sie sich ihre Zigarettenzuteilung direkt beheben können.

Sicherheitsdienst.

Der Vorstand des Ordnungsdienstes gibt mit Anschlag bekannt, dass jüngere Männer in den Ordnungsdienst gesucht werden. Es handelt sich um Hilfspolizisten1, die zur Bewachung der demolierten Häuser gebraucht werden. Diese Leute werden nicht etatmässig in den Ordnungsdienst eingegliedert, sondern bleiben Tagelöhner. Der Zulauf ist nicht gross.

Ressortnachrichten.

Tischlereibetrieb Zimmerstrasse 12

voll beschäftigt: Nach längerer Pause ist dieser Betrieb wieder voll beschäftigt, da genügend Leim für die Produktion der Munitionskisten eingelangt ist. Statt der bisher verwendeten Schrauben werden Nieten verwendet.

Leder für die Leder- u. Sattlerabteilung:

Das für den grossen Auftrag der Leder- u. Sattlerabteilung erforderliche Material ist heute eingetroffen. Das Leder wurde in der Kirche an der Matrosenstrasse neben dem Kohlenplatz eingelagert. Die Leder- u. Sattlerabteilung ist somit für einige Monate mit Arbeit versorgt.

Kleiner Getto-Spiegel.

Der Galgenhumor des Gettobewohners lässt ihn niemals im Stich. Das neue Verpflegskollegium Reingold, Kliger, Miller ist schon jetzt die Zielscheibe für allerhand Witze. Man nennt dieses Kollegium kurz „RKM“. Das bedeutet in polnischer Sprache „Ręczny Karabin Maszynowy“, das heisst also, dass dieses Kollegium die Lebensmittel in die Bevölkerung hineinschiessen wird wie ein „Hand-Maschinen-Gewehr“. Es heisst auch, dass die Bevölkerung jetzt eine Ration von 5-7 Deka Schmalz bekommen soll. Auch hier funktioniert der Humor der Strasse, man sagt, das ist das Schmalz vom aufgelassenen Beirat, ein Wortspiel, das im Polnischen besser klingt als deutsch. Es heisst: „Tłuszcz rozpuszczonego bajratu.“2 Auch das Mitglied des Kollegiums, Kommandant Reingold, ist ein willkommenes Ziel des Gettospottes. Er ist ein bisschen korpulent und daher nennt ihn die Strasse statt Reingold – Reinschmalz.3

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 2 Tuberkulose.

1

HK, LK**, JFK: Ursprünglich „Dienstpolizisten“; „Dienst-“ ersetzt.

2

„Tłuszcz rozpuszczonego bajratu“ ‚geschmolzenes Fett des Beirats‘; poln.

3

Oskar Rosenfeld vermerkt in der Getto-Enzyklopädie zum „Triumvirat“ Kligier, Reingold und Miller eine weitere humoristische Umschreibung: „Der Gettohumor bemächtigte sich der Anfangsbuchstaben der drei Namen. Zunächst M R K, im hebräischen die Buchstaben, die das Wort ‚Marak‘ /Suppe/ ergeben, womit man sagen wollte, Marak wird jetzt für bessere Suppen sorgen“ (APŁ, 278/1103, Bl. 267).